275. Tag, Rest: 91 Tage 

Der Palace of Westminster schließt seine Pforten! Schon seit langer Zeit angekündigt, macht man jetzt mit der dringend notwendigen Renovierung ernst. Der ganze Kasten, mit Unter- und Oberhaus, sowie über tausend Büros muß geräumt werden. Man plant volle sechs Jahre Bauzeit ein und nennt erstmals ein konkretes Datum: Zwischen 2022 und 2028 muß sich die britische Regierung ein provisorisches Parlamentsgebäude suchen. Das ist nicht so ganz einfach, denn es gibt etliche Dinge zu beachten. Die Lage, die Größe, die Sicherheit … 

 

high-tec
High-Tec im House of Lords. An dieses Brett werden Nachrichten geklammert, die für die Abgeordneten per Telefon eintreffen, während sie tagen. Und zwar noch heute, im Okober 2016!

 

Die Abgeordneten werden sich überall in der City of Westminster Büros suchen müssen, aber wo soll das Parlament tagen? Wo können sich die Lords treffen? Man kann sie ja nicht in irgendeinem Großraumbüro debattieren lassen, alleine schon wegen des outfits: Perücke und Hermelinmantel. Das muß schon ein bißchen mehr Klasse haben. Also eine Mammutaufgabe für die Planer und Organisatoren und deshalb ist der Zeitpunkt des Baubeginns keineswegs spät, sondern eher realistisch. Mal ganz abgesehen davon, dass der Palace of Westminster ein architektonisches Meisterwerk des Mittelalters ist, den man nicht einfach mit Ytong-Platten aus dem Baumarkt ausbessern kann. Man braucht alleine ein Heer von fachkundigen Maurern. Handwerker, die noch etwas von der Baumeisterei verstehen. Nach diesen wird schon heute europaweit gesucht.

 

westminster
Der Westminster Palast ist ein Schmuckstück. Inzwischen leider in der Bausubstanz so marode, dass eine Totalrenovierung nicht länger hinausgezögert werden kann.

 

Eine der höheren Hürden hat man gerade fehlerfrei gemeistert. Man hat das Richmond House für die gesamte Umbauzeit anmieten können. Das Haus liegt in unmittelbarer Nähe, gleich gegenüber von Big Ben (Elizabeth Tower) an der Whitehall, und bietet genug Platz um sowohl das House of Lords als auch das House of Parliament unterzubringen. Dort werden sich dann täglich die Abgeordneten zur Debatte treffen. Das Richmond House beherbergt schon jetzt das Gesundheitsministerium und den mächtigen NHS-Service (National Health Service). Es ist aber kein Gebäude der Regierung, sondern hat private Eigentümer. Das sind einige Scheichs aus dem Orient, die in dieser Immobilie ihr Geld aus den Ölverkäufen gut angelegt haben. Die Mietverträge sind langsfristig, haben aber eine klitzekleine Zusatzklausel, die jetzt allergrößte Kopfschmerzen verursacht. Die arabischen Eigentümer, die wiederum das ganze Haus an einen islamischen Bankenfond verpachtet haben, verpflichten die Mieter keinen Tropfen Alkohol in dem Gebäude zu trinken. Autsch! Das ist ein Tiefschlag für den englischen Abgeordneten.

 

gate
Egal von welcher Seite ich auch versuche, an das Richmond House ist kein Herankommen möglich. Gleich dahinten aber ist es.

 

Im Palace of Westminster gibt es für die Politiker zehn (!) lizensierte Bars und einige Restaurants, wo man sich ganztägig bei Wein, Bier oder Brandy austauscht. Das ist wohl seit Oliver Cromwell Tradition und niemand stört sich daran, wenn sein Abgeordneter schon mittags eine Alkoholfahne hat. Vielleicht ist das permante Beschwipstsein der Grund für die oft recht lebhaften Debatten? Dann sollte man tatsächlich daran festhalten, denn es tut dem Betrieb gut. 

Der neue Vermieter aber lässt nicht mit sich verhandeln und so bleibt es beim strikten Alkoholverbot im Richmond House. Das kommt einer Regierungskrise ziemlich nahe. Nun gibt es zwar einige Pubs in der Umgebung, aber das funktioniert nicht. Die Minister wollen sich nicht von Touristen fotografieren oder gar belauschen lassen, wenn sie geheime Absprachen mit den Kollegen treffen. Was also tun? Nach einigen Tagen angestrengten Nachdenkens, kam endlich einer auf die Lösung: “Let’s take the Red Lion Pub, located between parliament and Richmond house, into public ownership and banning entry to the general public!” Hurra, das ist die (Er-) Lösung. – Mir ist nicht bekannt, nach wie vielen Gläsern der Mann auf die Idee kam, aber inzwischen dämmert mir, dass ich die einzige bin, die das für einen Witz hielt. Auf jeden Fall wird genau dieser Plan in der nächsten Woche im britischen Parlament diskutiert. Das könnte ganz schnell zu einer Abstimmung kommen, und zwar einstimmig. Cheers.

 

red-lion
Um diesen Pub geht es: The Red Lion. Noch trinken wir hier unser Bier, demnächst besprechen sich hier die Abgeordneten. Hinten sieht man die markante rot-weiß Fassade des neuen Parlamentgebäudes.

 

 

The boss himself says:

George says: “And where will the Queen sit??? From where will the monarch perform the famous State Opening?

Und ich sage: “Da hat er eigentlich Recht. Woran man alles denken muß. Der Teufel steckt tatsächlich im Kleingedruckten.”

 

 

big-ben
Big Ben kann ganz schön romantisch sein. Für den Anblick, bei Vollmondstimmung, lohnt sich selbst frühmorgens ein Umweg mit dem Auto.

 

 

 

Was passierte noch am 1. Oktober?

 

de 1988

Steffi Graf gewinnt bei den Olympischen Sommerspielen 1988 gegen Gabriela Sabatini 

nicht nur die Goldmedaille, sondern in Kombination mit dem Grand Slam als erste

Sportlerin den Golden Slam. – Unsere Steffi! Ihretwegen habe ich damals mit dem

Tennisspielen angefangen und bin schnell dahinter gekommen, dass es schwieriger

ist als es aussieht. An dem Tag an dem ich George auf dem Platz besiege, werde

auch ich an der Grundlinie auf die Knie sinken. Er gönnt mir den Triumpf nicht und

verliert noch nicht einmal aus Mitleid. Time is on my side.

uk 959

Entstehung Englands: Nach dem Tod Eadwigs wird Edgar der Friedfertige auch

in Wessex als Herrscher anerkannt und damit König von ganz England. – In den

nachfolgenden 1057 Jahren ist nichts Bemerkenswertes am 1. Oktober passiert.