93. Tag, Rest: 273 Tage

Heute mal ein inhaltlich ganz anderer small-talk Beitrag. Ein ernstes Thema, denn es geht um Mord und Totschlag. Trotzdem hoffe ich es so schildern zu können, dass es Ihr Interesse weckt. Ein ziemlich mysteriöser Fall gibt aktuell mehr Fragen als Antworten auf.

 

opfer
Dieser Mann wurde im Dezember tot aufgefunden. Er konnte bis heute nicht identifiziert werden. Die Bilder stammen von einer CCTV. Sie zeigen ihn wenige Stunden vor seinem Tod.

 

Die Arbeit der Gerichtsmediziner kann spannend wie ein TV-Krimi sein. Eine ihrer Hauptaufgaben ist die Identifikation der Toten. Wenn eine Leiche zur Untersuchung angeliefert wird, und das passiert ausnahmslos bei einer nicht natürlichen Todesursache*), dann muß der forensic pathologist sich darum bemühen herauszufinden, wer auf seinem Tisch liegt. Wenn er Glück hat, liefert die Polizei die Daten, aber manchmal hat man keinerlei Anhaltspunkte. Dann ist jeder Hinweis wichtig und manchmal kommt man nur noch mit Kombinationsgabe und Scharfsinn weiter.

*) Einige nicht natürliche Todesarten sind z.B. Ertrinken, Selbstmord, Folgen einer OP oder Erkrankung, Vergiftungen aller Art, also auch durch Alkohol- oder Drogenmisbrauch. Alles Fälle für die Gerichtsmedizin. 

Seit über drei Monaten liegt nun eine männliche Leiche im Kühlfach der Gerichtsmedizin in Manchester. Der Mann wurde Anfang Dezember tot im Peak District, ein riesiges Naturschutzgebiet, gefunden. Er lag scheinbar unverletzt auf einem steilen Wanderweg. Man brachte den Mann in die Gerichtsmedizin und fand keine äußeren Verletzungen. Er hatte keine Papiere, nichts wies auf seine Identität hin. Es war sehr gut möglich, dass er ein Tourist war, der hier ein paar Tage wandern wollte. Tatsächlich fand man dann auch das Hotel, wo der Mann mittags eintraf. Er erkundigte sich nach dem Weg zum Gipfel des Indian’s Head, ein etwa 500 Meter hoher Hügel. Der Hotelier wies den Mann eindringlich darauf hin, dass es für eine Besteigung zu spät sei, und die Dämmerung noch vor Erreichen des Gipfels einsetzen würde. Ausserdem fiel ihm auf, dass der Mann ziemlich gut gekleidet war, völlig unpassend für eine Tour durch das Hochmoor.

 

family
In diesem Moor wurde der Tote gefunden. Er ist nicht die erst Leiche, die hier entdeckt wurde. Immer wieder wurden Opfer von Gewaltverbrechen im Moor entsorgt. Oft mysteriöse Fälle.

 

Man veröffentlichte ein Foto des Mannes in der Zeitung. Die Gerichtsmediziner schätzen sein Alter auf Anfang 70, er war ca. 1,72m groß, helle Hautfarbe und blaue Augen. Es meldeten sich über 40 Menschen, die nahe Angehörige oder Freunde vermissten. Alle meinten die Beschreibung träfe zu aber immer führte die Spur ins Leere. Dasselbe passierte mit allen Anfragen in Krankenhäusern, bei Ärzten oder Recherchen in Datenbänken. Dort geben die Mediziner bestimmte Merkmale ein: DNA, Zahnstatus, Operationen, Implantate usw. Kein Treffer.

Dann, nach fast drei Monaten, ein Durchbruch. Man konnte den Mann auf einem CCTV Video identifizieren. Das ist die gute Seite der öffentlichen Videoüberwachung. Man konnte nun den Tagesablauf des Mannes rekonstruieren: Er war morgens in London Ealing (Südwesten) in die Underground eingestiegen. In Euston wechselte er in den Fernzug nach Manchester. Dort angekommen kaufte er etwas bei Boots (Drogeriemarkt) und bei Marks & Spencer (Lebensmittel). Schließlich machte er sich auf den Weg in den Peak District und kam bei dem Hotel an, das der Polizei bereits bekannt war. Wie und von wo er nach Ealing gekommen war, blieb im Dunkeln. Die Polizisten wühlten sich inzwischen auch durch Berge von Akten, um irgendwo den Hinweis auf eine vermisste Person zu finden, die passen würde. 

 

moor
Forensiker im endlos weiten Hochmoor. They search after a pin in a haystack. Da wird der Job zur Strafarbeit.

 

Inzwischen lagen der Gerichtsmedizin die Laborergebnisse vor. Das kann je nach Aufwand einige Tage oder auch Wochen dauern. Ein Verdacht auf Vergiftung wurde bestätigt. Der Mann hatte Strychnin im Magen. Ein Gift, das in England oder Europa nicht erhältlich ist. Allerdings kann man es in Pakistan problemlos kaufen. Und das war wichtig, weil inzwischen eine zweite Spur in den fernen Osten führte. Der Mann hatte ein Titaniumplatte im linken Oberschenkel. Und dieses Implantat war in Pakistan hergestellt und sicher auch dort operativ eingesetzt worden. Leider hatte es keine Seriennummer; also wird es in keiner Datenbank erfasst sein. Den Mediziner bleibt nur den Oberschenkel noch detaillierter mit Hilfe von modernster Technik zu untersuchen. Man hofft den Zeitpunkt der Operation näher eingrenzen zu können. Dann wäre eine gezielte Suche in pakistanischen Krankenhausarchiven denkbar.

  

hunter
Eigentlich eine Urlaubsgegend und Landschaftsschutzgebiet. Immer wieder aber auch ein Tatort: Hunt for evidence.

 

Tatsächlich könnte es sein, dass der Tote gar kein Engländer sondern ein Angehöriger der Pashtun ist. Eine ethnische Gruppe in Pakistan, die oft hellhäutig sind und blaue Augen haben. Warum aber hat dieser Mann an einem kalten Dezembertag das Hochmoor im Peak District aufgesucht, um dann ausgerechnet dort seinem Leben ein Ende zu setzen? Welche Bedeutung hat dieser Ort für ihn? Tatsächlich ist es eine etwas unheimliche Gegend. Hier gab es manchen spektakulären Todesfall. Eine Frau, die dort geboren wurde, sagte: “These moors do seem to be a bit of a magnet for dead bodies.” Man musste weit in die Vergangenheit zurückgehen, um eine mögliche Erklärung zu finden. Im August 1949 stürzte hier ganz in der Nähe eine DC-9 ab. Alle 24 Insassen starben, nur zwei Kinder überlebten den Absturz. Es waren zwei Jungen, einer starb wohl einige Jahre später durch einen Verkehrsunfall. Der andere Junge wäre heute im Alter des aufgefundenen Toten. Wenn das zutrifft hätte man einen Namen: Stephen Evans. Weil es aber in England kein Einwohnermelderegister gibt, ist es enorm schwierig diesen Stephen zu finden. Solange der Fall ungelöst ist, bleibt der Tote im Leichenschauhaus. 

 

newspaper
Die Zeitung vom August 1949 berichtet über den Absturz nahe des Hügels, den der unbekannte Tote jetzt aufsuchte, um dort seinem Leben eine Ende zu setzen.

 

Normalerweise findet man die Identität binnen einiger Tage, bestenfalls Wochen. Dieser Fall ist aussergewöhnlich. Der verantwortliche Detective Sergeant kommentierte: “For none of his relatives to have come foreward is very unusal. I have never in all my 19 years in the job come on to a case where we have so many questions and so few answers.”

Drücken wir die Daumen, das auch dieser Fall abgeschlossen werden kann. Eines ist gewiß, niemand macht irgendetwas ohne Grund. Immer, ausnahmlos, gibt es einen Anlass. Und der ist nicht willkürlich, sondern sehr logisch und stets folgerichtig. Genau deshalb darf man die Kausalkette auch ggfs. zeitlich rückwärts denken. Man sollte an den Ursprung kommen. – Soweit der heutige small-talk aus einer Welt, die ganz schön spannend ist und von der ich zwar regelmäßig höre, die mir aber sicher nie alltäglich werden wird.

 

 

The boss himself says:

George says: „Finally they solve it, I’m sure. In day-to-day operations we live in hope that even people who wish never to be found will always leave clues behind.” 

Und ich: “Mein Job war deutlich langweiliger. Aber auch nervenschonender.” 

 

  

Was passierte noch am 02. April?

de 1928

Der Berliner Droschkenkutscher Gustav Hartmann (Der Eiserne Gustav) beginnt aus

Protest gegen den Niedergang seines Gewerbes seine Protesfahrt nach Paris.

uk 1744

 Die Gentlemen Golfers of Leith veranstalten das Turnier um den silbernen Löffel. Der

Gewinner wird zum „Captain of the Golf“ ernannt und bekommt für ein Jahr die Oberhoheit

über alle golfrelevanten Fragen, insbesondere die Regeln. – Super Idee!