62. Tag, Rest: 304 Tage

Was für ein Schlamassel! Geht das jetzt die nächsten dreieinhalb Monate so weiter? Dann erst wird über das in/out Votum abgestimmt (23. Juni). Aber was für ein Drama spitzt sich da jetzt zu? Wie konnte der englische Premier Minister nur in eine solch missliche Lage geraten? Und warum um alles in der Welt läßt er überhaupt abstimmen? Schließlich will er in der EU bleiben! Da hätte er doch einfach den Mund halten müssen. Es ist unbegreiflich. Also versuchen wir es mal aufzudröseln.

Mir scheint hier der klassische Fall von you did not think it quite to the end vorzuliegen. Wie Sie bereits wissen, wurde David Cameron vor seiner Wiederwahl im Mai 2015 heftig von den eigenen Leuten angegriffen. Seine Partei, die konservativen Tories, haben einen starken rechten Flügel. Der muckt schon lange auf und Cameron war zu schwach, um die Rebellen rechtzeitig in die Schranken zu weisen. Dann bot er zur Beruhigung den möglichen Ausstieg aus der EU an und das Drama nahm seinen Lauf. Längst ist ihm die Kontrolle über die Folgen der leichtfertigen Zusage entglitten. Der böse (?) Geist konnte entweichen und Cameron hält machtlos den Korken in der Hand.

 

Ian Duncan Smith ist Parteikollege und erbitterter Gegner von Cameron. Smith ist Minister für Arbeit und Renten. Er setzt sich für den Austritt aus der EU ein. Offene Kampfansage innerhalb der Regierung.

 

Der einflußreiche Londoner Bürgermeister Boris Johnson (Tory), den ich vor einigen Tagen hier vorstellte, hat sich nun auch noch für den Brexit ausgesprochen und wurde damit zum Gegner des Premiers und Parteifreundes. Er ist ein politisch schwergewichtiger Rivale, der sich natürlich auf diese Weise als Camerons Nachfolger im Amt profilieren will. Hoffentlich stimmt da die Gewichtung von privaten zu nationalen Interessen. Ungefähr ein Drittel der Tories ist offen für den Ausstieg, darunter gleich fünf amtierende Minister! Ein Debakel, denn natürlich müßte Cameron diese Rebellen sofort aus ihren Ämtern entlassen. Das aber würde einer Bankrotterklärung gleichkommen; schließlich ist es seine eigene Regierungsmannschaft, die da aufmuckt. Nein, er hätte viel früher handeln müssen, jetzt ist es zu spät. Egal was Cameron macht, er kann nur verlieren. 

Was wäre wenn? What if? Alle ernstzunehmenden Persönlichkeiten sind sich einig, es wäre eine wirtschaftliche Katastrophe für Großbritannien. Ja, man mag die EU nicht, fühlt sich gegängelt, kommt mit der deutsch-geprägten Bürokratie nicht zurecht, aber man weiß, dass man den Europäischen Riesen nicht ignorieren kann. Man muß mit Europa Handel treiben und würde nach einem Austritt sofort alle Abkommen neu vereinbaren müssen. Wie lange würde das dauern? Wie lange wäre man isoliert? Und eins ist klar, die Bedingungen wären dann bestimmt nicht vorteilhafter als die jetzigen. Wie tief wird das Pound Sterling fallen? Denn der ist ja auch nicht im Euro eingebunden.

Es ist wie es ist. Kommt mir ein LKW auf meiner Fahrspur in die Quere, dann wäre ich zwar moralisch im Recht ihn zurückzudrängen, aber soviel Wut gibt es nicht, um das auch zu versuchen. – Cameron dürfte Alpträume dieser Art haben. Er will auf keinen Fall in die Geschichtsbücher als der Verführer eingehen, der England in ganz schwere Zeiten geführt hat. Aber das hat er nicht mehr in der Hand. Sollte eine Woche vor der Wahl ein Terroranschlag irgendwo in der westlichen Welt geschehen, oder ein Vorfall wie der in der Sylvesternacht in Köln, -das wurde mit Entsetzen und größter Aufmerksamkeit in England verfolgt-, dann geht die Sache in die Hose. Und selbst wenn das Wahlergebnis Cameron’s Wunsch entspricht, wird die Partei anschließend tief gespalten sein. Und vermutlich auch die Wählerschaft.

 

Das Europe House in Westminster, London. Wie lange flattern hier noch beide Flaggen? Will the referendum be a complete flop?

 

Mit großen Interesse verfolge ich die politischen Diskussionen in der BBC. Die Engländer kann man mit technokratischen Erklärungen nicht erreichen. Das finde ich sehr angenehm. Mal ehrlich, versteht irgendjemand von uns die komplizierten, oft inhaltslosen Sätze unserer Politiker? Haben Sie mal erlebt was passiert, wenn die Kamera eingepackt wird und das Mikrofon offline ist? Dann können die auf einmal ganz normal reden! Warum tun Sie es dann nicht mit ihren Wählern? In England kommt man mit so einer arroganten Nummer nicht durch. Denn, der Brite ist selbstbewußt genug, um zu sagen: I don’t understand you. Und so kommt es, dass ganz simple “Probleme” im Mittelpunkt stehen, die jeden betreffen und von jedem nachvollzogen werden können. Ein aktuelles Beispiel: Da wurde von Brüssel die energiesparende Glühlampe eingeführt. Kurz später wurden leistungsstarke Staubsauger verboten und nun wurde auch für Toaster und Wasserkocher eine maximale Wattzahl verordnet.*) Und da platzt dem Engländer dann der Kragen, denn das geht an’s Eingemachte. Ein Eton-Absolvent im dunkelblauen Dreiteiler erregt sich im TV darüber, dass er morgens seinen Toast dreimal ins Gerät stecken muß, ohne die gewünschte Bräune zu erreichen. Und wenn dann das Teewasser zehn Minuten braucht, und trotzdem keine 95° erreicht (ideal für schwarzen Tee), dann fühlt sich der Engländer von der EU verschaukelt und bevormundet. Das kann auch ich gut nachvollziehen. So was ist Realpolitik.

*) Anmerkung am Rande: Diese höchst albernen Verordnungen sind natürlich nicht auf dem Mist der europäischen Politiker gewachsen, sondern die egoistischen Wünsche von Lobbyisten, die möglicherweise längst den Alltag in Brüssel bestimmen. Aber, wenn diesen Wirtschaftvertretern Tür und Tor geöffnet wird, dann sind die Politiker dafür verantwortlich. Oder haben sie ihre Macht bereits verkauft?

 

kitchen
Die Volkseele kocht. Engländer lassen sich vom komplizierten Politikervokabular, dass letztlich nur aus Worthülsen besteht und die hohe (?) Kunst des Nichts-Sagens ist, nicht beeindrucken. Wenn aber eine EU-Verordnung ihren Toaster und Teekessel unbrauchbar machen, dann wissen sie worum es geht und sagen NO.

 

Was da im Juni zur Abstimmung steht, scheint mir die Wahl zwischen Pest und Cholera zu sein. Between a rock and a hard place. Sollte man sich gegen die EU entscheiden, würde das auch das Auseinanderfallen von Großbritannien bedeuten. Das will man sich gar nicht ausmalen. Also ich kann nur hoffen, dass die Engländer nicht die Verlierer sind, das würde mir wirklich leid tun. 

  

 

The boss himself says:

George says: „I don’t mind the outcome of the election. When England turns away from Europe I come to Germany.”

Und ich: “Falls das kein Witz ist, wird der Ausgang des Referendums ja noch folgenschwerer. Das hatte ich noch gar nicht auf dem Radar!” 

 

Ein Aspekt wird nie erwähnt, vielleicht öffentlich bewußt verschwiegen. Er ist so entscheidend, dass ich erstmal den Boss fragte, ob ich es denn richtig verstanden hätte. Yes, you got it, bestätigte er mir. Das EU-Referendum ist für die Britische Regierung nicht (!) bindend. Egal wie das Ergebnis ausfällt, der Premier muß Volkes Entscheid nicht folgen. Also, auch wenn man sich deutlich gegen einen Verbleib in der EU aussprechen sollte, wird erst einmal nix passieren. Dann muß Cameron zurücktreten, weil er politisch k.o. ist. Anschließend wird man entweder innerhalb der konservativen Partei einen Nachfolger bestimmen (Kandidaten sind George Osborn (YES) oder Boris Johnson (NO)) oder gleich auf Neuwahlen drängen. Egal welche Wahl man anstrebt, immer wird es nur um das Thema EU-Brexit gehen. Und genau das dürfte Britannien dann bis weit in das nächste Jahr politisch komplett lähmen. Keine guten Aussichten. Be sensible in how you handle your country’s political future. Good luck.

  

 

Was passierte noch am 02. März?

de 1619

Die vom Rat der Stadt Hamburg zur Erleichterung des Handelsverkehrs der Kaufleute

gegründete Hamburger Bank nimmt ihren Geschäftsbetrieb auf.

uk 1810

In London beginnt das erste Gaswerk mit der Energieversorgung. Mittels einer 

Kokerei wird Kohle vergast.