94. Tag, Rest: 272 Tage

Dieser sprichwörtliche Satz wurde von mir als Titelzeile leicht verändert. Und durch die kleine Modifikation ist er nun nur noch dann richtig, wenn ihn die Queen höchstpersönlich aussprechen würde. Aber das wird kaum passieren. Dabei hat sie in den letzten Monaten viel über ihre Schlösser nachgedacht, denn es wird sich etwas ändern. Jetzt ist es offiziell verkündet worden. Die Monarchin wird sich ein wenig mehr aufs Private konzentrieren und den Nachwuchs stärker in die Pflicht nehmen. Eigentlich keine Überraschung, wenn die Amtsinhaberin ihr 91. Lebensjahr startet und seit über 60 Jahren “im Geschäft” ist. Und zwar so gut wie täglich. Es ist mehrfach bestätigt worden, dass sie außer Weihnachten, -und zwar nur den Christmas Day-, täglich ihre red boxes sichtet und abarbeitet. Da drin liegen die Vorschläge der Regierung, die sie manchmal nur zur Kenntnis nimmt, oft aber auch ernsthaft studiert.

 

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Buckingham Palace: Viele möchten hier gerne rein; z.B. ich und Paddington. Die Queen aber ist ganz froh, wenn sie “nach Hause” fahren kann.

 

Insgesamt hat die Queen vier Zuhause: Den Buckingham Palace (London), Windsor Castle (westlich vor den Toren Londons), Sandringham House (Norfolk) und Balmoral Castle (Aberdeenshire, Schottland). Eigentümer der beiden letztgenannten Häuser sind die Windsors. Die Häuser samt weiten Parkanlagen, Wiesen und Wäldern sind im Privatbesitz der Royals. Die beiden Paläste in bzw. nahe London gehören dem Staat (Crown Estate). Queen Elizabeth wechselt regelmäßig ihren Aufenthalt zwischen diesen Residenzen. Gemeinsam mit ihrem Mann verbringt sie jedes Weihnachtsfest in Sandringham und bleibt dort gerne bis Anfang Februar. Ostern feiert die Familie stets in Windsor. Im August/September geht es dann in die Ferien nach Balmoral ins Schottische Hochland. An dieser Abfolge wurde nie etwas geändert. Ohne Ausnahme praktiziert sie diesen Jahresplan seit der Thronbesteigung im Jahre 1952. Die Queen scheint ritualisierte Abläufe sehr zu schätzen. (Für Astrologen erklärbar: Sonne im Stier, Aszendent im Steinbock.) – PS: Ihr Ehemann, Prinz Philip trottet immer gemütlich mit. Er folgt von Schloß zu Schloß und scheint völlig frei von jeder Art Selbstsucht zu sein. Ich empfinde da ehrlichen Respekt, denn ich weiß wie schnell ich gnatschig werden kann, wenn George mir mal nicht seine ganze Aufmerksamkeit schenkt.

 

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Auf Windsor Castle verbringt die Königin die Wochenenden. Das Schloß liegt vor den Toren Londons, nahe der Themse. Ein beliebtes Touristenziel.

 

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Terminkalender des Dukes. Der Herr ist 94 und jeden dritten Tag unterwegs. Hut ab. – Per Klick zu vergrößern.

Der Buckingham Palace ist das Büro der Königin. Dort empfängt sie jeden Mittwoch den Preminerminister zum politischen talk-beim-Tee. Im Palast bearbeitet sie Briefe, begrüßt Staatsoberhäupter aus allen Ländern der Welt und verabschiedet von Zeit zu Zeit Boschafter. Auch die begehrten Orden und Titel darf man sich dort abholen. Wer eine Einladung erhält, was meist erst in einem späteren Lebensabschnitt passiert, fühlt auf einmal wieder sein Herz bis in den Hals pochen. I can feel your heart beat.

Trotz ihres ausgefüllten Arbeitstages ist es der Queen gelungen die Woche auf drei Tage zu reduzieren. Jeden Donnerstag fährt sie nachmittags nach Windsor Castle, wo sie das Wochenende verbringt. Montags morgens geht es dann retour. Aber in Windsor ist sie jederzeit erreichbar; das ist nicht am Ende der Welt. Und deshalb darf man die verlängerten Wochenenden dort nicht als Freizeit werten. Aber das Leben in Windsor ist ein bißchen privater. Dort stehen die Lieblingspferde im Stall, dort sind die Hunde stets um sie herum (inzwischen nur noch einer) und dort sehen wir die Königin auch gerne mal in Gummistiefeln über die Wiese laufen.

Ganz praktisch ging die Chefin vor, als es darum ging, das tägliche Programm zu straffen. Da fielen nicht etwa Aufgaben weg, nein, sie sparte Zeit indem sie zum Beispiel Diplomaten nur noch als Gruppe empfängt. Da wird vorher thematisch sortiert und dann können immer vier oder sechs (ich weiß es nicht genau) auf einmal eintreten und die Grüße der jeweiligen Heimat übermitteln. Genauso wird es bei der Ernennung zum OBE (Officer of British Empire) gemacht. Der KBE/DBE (Knight/Dame of British Empire) hat manchmal Glück und bekommt eine Privataudienz. Spätestens beim GBE (Knight Grand Cross) kann man sicher sein, der Queen alleine vorgestellt zu werden und ausserdem noch Canapés angeboten zu bekommen. Ich weiß aus erster Hand, dass das in den unteren Kategorien nicht der Fall ist. Ich kenne jemanden, der auf üppiges Essen vorbereitet war und dann unter argen Bauchknurren litt, als er hungrig der Königin gegenüberstand. Aber dem GBE, der höchsten Auszeichnung des britischen Verdienstordens, würde so etwas nicht widerfahren. Falls übrigens eine Frau damit geehrt wird, darf sie sich fortan Dame Grand Cross nennen.Ich wäre ja zu gerne mal dabei, werde aber wohl so eine Ehre nicht erleben. Obwohl man kann auch Ausländern den Orden … Ich weiß aber, dass die Träger einen oder mehrere Gäste mitbringen dürfen. Also lieber Leser, wenn Sie an der Reihe sind und noch eine Begleitung suchen, dann komme ich sehr gerne mit.

 

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Wirklich privat ist die Königin selten. Sie gönnt sich zusammen mit ihrem Mann eine Woche pro Jahr (!) in Wood Farm. Das ist ein kleines Gästehaus auf dem Sandringham Estate. Dort sind sie dann wirklich für sich. Dasselbe passiert vor den Sommerferien in Schottland. Dann nisten sie sich in der Craigowan Lodge ein. Ein seven-bedroom stone house, ungefähr eine Meile vom Schloß entfernt. Aber auch hier ist nach sieben Tagen Schluß mit der Lauschigkeit. Für meinen Geschmack zuviel Härte und Disziplin. Aber ich kann gut reden, denn wir können es uns leisten wochenlang rumzubummeln. Eine Königin steht immer im Fokus und wird stets als Vorbild wahrgenommen.

Also nach den Feierlichkeiten in diesem Sommer, soll es ruhiger werden. Mehr Pausen, mehr Kontemplation, mehr Privatleben. Können Sie sich noch an den Film mit Helen Mirren als Elizabeth II. erinnern? Die Story hatte den tragischen Tod von Diana als Thema und zeigte die Königin, wie sie von den Ereignissen zunächst unbeeindruckt ihren Urlaub im Schottischen Hochmoor fortsetzte. In einer Szene verfolgte sie einen Hirschen, fuhr dabei mit dem Landrover unvorsichtig durch einen Bach und der Wagen erlitt einen Achsbruch. Mit geschulten Blick erkannte sie den Schaden sofort richtig (die Queen ist tatsächlich eine voll ausgebildete Kfz-Mechanikerin). Im Film sagte sie: “Bugger it!”. Sehr zur Freude der englischen Zuschauer. Man darf es ruhig mit “Leck mich am A.” übersetzen. Und das war wohl ziemlich authentisch von den Drehbuchautoren erdacht. Wenn die Königin in ihrem geliebten Balmoral ist, legt sie die Krone ab und wird zu einer fühlenden, weinenden, fluchenden und lachenden Frau, wie du und ich. Ich wünsche ihr und ihrem Mann noch viele schöne gemeinsame Sommermonate dort im Schottischen Hochland. Und ein bißchen beneide ich sie, denn mein Boss macht schon wieder Witze über den nördlichen Nachbarn: “Only if the Arctic is fully booked, people start to give consideration to the possibility of visiting Scotland. But the Arctic …” Danke, ich habe es ja schon verstanden.

 

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Balmoral in Schottland ist der Lieblingsplatz der Königin. Hier kann sie ein halbwegs privates Leben führen.

 

 

The boss himself says:

George says: Gar nix. Er ist verstummt, hat Halsweh und hustet. Ich sage: “Du solltest mal zum Arzt gehen.” „Are you nuts? I AM the doctor!” 

Und ich: “Sorry. Stimmt, ich hatte vergessen, dass Putzfrauen ja auch nie eine Perle beschäftigen.” Croaky George: “What are you trying to say?”

 

  

Was passierte noch am 03. April?

de 1929

In Deutschland wird das Patent auf den Hellschreiber gültig, ein von Rudolf Hell 

erfundenes Fernschreibgerät. – Gott sei Dank wurde die Idee weiterentwickelt,

sonst würde ich ja ewig mit den Blogbeiträgen brauchen.

uk 1933

First flight over Mount Everest, a British expedition, led by the Marquis of Clydesdale,

and funded by Lucy, Lady Houston. – Englische Ladies waren schon immer sehr

unternehmungslustig. Statt Bausparvertrag investiert man lieber ins Abenteuer.