308. Tag, Rest: 58 Tage 

Fernsehen war gestern. Heute bedient man sich in der Netflix Streaming-Database. Die Betreiber bieten nicht nur aktuelle Filme an, nein, sie prodzieren auch schon längst selbst gute TV-Serien, Mit Spannung erwartet man ‘The Crown’, wo es um die frühen Jahre von Queen Elizabeth II. geht. Da muß sich die BBC anstrengen, um die Rolle des Platzhirschen zu verteidigen.

phillipUnd so dachte ich mir dann, als ich mit einem Auge im Telly Bilder von der königlichen Familie sah, dass es sich wohl um eine gut gemachte Komödie handeln würde. Die Schauspieler waren von den echten Royals nicht zu unterscheiden. Aber die konnten es nicht sein, denn es ging hier um einen Tag in einer englischen Kleinstadt. Eine sehr idyllische Kulisse, mit der Queen am self-checkout im Supermarkt und Schwiegertochter Camilla im Pub am Zapfhahn. Als einziger Gast saß der Duke of Edinburgh am Tresen und genoß das princely pint sichtlich. Gut, die Szene könnte echt sein. Aber der Rest ja wohl kaum.

Dann aber klärte mich George auf und ich kam aus dem Staunen nicht mehr raus. Wußten Sie, dass Prince Charles sich eine Modellstadt gebaut hat? Sie heißt Poundbury und liegt auf königlichen Pachtland in Dorset, Cornwall. Vor gut zwanzig Jahren legte man den Grundstein am Rande der Ortschaft Dorchester. Nach einem detaillierten Konzept des Prince of Wales wurden dann im Laufe der Jahre 1.500 Häuser gebaut, die den inzwischen 3.000 Bürgern eine neue Heimat sind. 

 

bakery
In diesen achteckigen Bau zieht eine Bäckerei ein. Es sieht alles ein bißchen nach Modelleisenbahn aus. – Aber die Technik und Energiewerte sind vorbildlich. Auch auf umweltfreundliche Materialien wurde höchsten Wert gelegt.

 

Man kann Poundbury als feudales Disneyland betrachten, aber viele der Erwartungen des Prinzen sind erfüllt worden und machen sehr viel Sinn. In seiner Musterstadt haben inzwischen an die 185 Geschäfte eröffnet, die 2.000 Jobs bieten. Die Stadt ist autofrei geplant, denn kein Haus steht weiter als 5-Minuten-Fußweg vom Zentrum entfernt. Man versorgt sich mit eigenen Bio-Strom, die Busse fahren batterieversorgt zum Bahnhof nach Dorchester und demnächst wird die erste Schule ihre Pforten öffnen. 

 

feuerwache
Die Feuerwache erhielt viel Kritik. Ein kitschiger Tempelbau mit viel aufgemalten Gemurks. Der Balkon ist reine Dekoration und hat mit der Funktion des Hauses nix zu tun. Man lernte aus den Fehlern, die damals (2009) gemacht wurden.

 

Als erstes wurde in den achtziger Jahren ein rechteckiger Platz abgesteckt, der das Zentrum von Poundbury bildet. Letzte Woche wurde dort eine Statue von Queen Mum eingeweiht. Dazu waren die vier ranghöchsten Royals anwesend: Queen Elizabeth II mit Ehemann Phillip, ihrem Sohn, der Prince of Wales, und dessen Frau Camilla, Duchess of Cornwall. Soviel königliche Prominenz findet sich sonst nur in Windsor ein. Jetzt heißt der Marktplatz von Poundbury offiziell ‘Queen Mother Sqare’. Dort stehen auch die größten Häuser: das First Hotel und Strathmore House. Das ist ein Mini-Buckingham Palace und bietet acht Luxus Wohnungen. Ab £750.000 werden sie angeboten. Alle sollen verkauft sein. Daneben, im Royal Pavillon, wird es noch teurer, dafür hat man dort auch ein komplett eingerichtetes Spa zur Verfügung. Also eins kann man feststellen, Poundbury steht finanziell auf festen Boden. “It’s a hard-nosed commercial project”

 

strathmore-house
Das Strathmore House ist die erste Adresse in Poundbury.

 

Man mag die Idee des Prinzen spleenig finden, aber ich habe größten Respekt vor seiner Tatkraft. Er ist kein romantischer Träumer, sondern ein sehr engagierter, mutiger Macher. Hats off to him! Oder, wie die Zeitung kurz aber richtig titelte: “Is Prince Charles’s model village having the last laugh?” Das könnte durchaus sein. Statt der ‘befürchteten’ Rentner, haben sich hier längst agile Geschäftsleute aus London heimisch eingenistet. Die Zugverbindung ist gut und die Gegend an der Südküste mehr als geschätzt. Ich glaube auch in zwanzig Jahren wird Poundbury noch bestehen. Trotzdem darf man nicht übersehen, dass die Traumstadt des Prinzen auf einen zeitlich rückwärts gerichteten Blick beruht. Sie ist also ganz sicher nicht beispielgebend für den modernen Städtebau, zum Beispiel in London. Gerade deshalb freut mich die Toleranz der Engländer sich auf so etwas einzulassen und ‘jedem Tierchen sein Pläsierchen’ ohne Neidgefühl zu gönnen.

 

royals
The four most senior members of the Royal family had arrived. The Four Tops?

 

The boss himself says:

 

George says: “For twenty years, Poundbury has been treated as a joke, a whim of HRH. But I think something quietly radical has been going on in this place. And it’s got nothing to do with architecture.

Ich sage: “Ich muß gestehen, nie etwas davon gehört zu haben. Aber es ist beeindruckend und ich werde es im Auge behalten. Allerdings schien mir ein Aspekt etwas überbetont. Ich meine die Widmung des ganzen Ortes von Charles an seine geliebte Großmutter, Queen Elizabeth. Es war eine regelrechte Huldigung und da läuft er Gefahr den Boden unter den Füßen zu verlieren. Allerdings hat er mit der Planung seiner Musterstadt lange vor dem Tod der Queen Mum begonnen, also das ist jetzt keine gigantische ‘Spät-Trauerarbeit’.

 

shopping
Die Queen im Waitrose Supermarkt. Sie guckt etwas unsicher ins Regal ‘Speciality‘. Hoffentlich nicht in der Drogerieabteilung, da liegen dann die Kondome. – An der Käsetheke soll sie deutlich mehr Begeisterung gezeigt haben.

 

 

Was passierte noch am 3. November?

 

de 1914

Es war zwar eine Amerikanerin, aber es betrifft alle Frauen der Welt: Heute

vor 112 Jahren wurde der Büstenhalter patentiert. – Wohl das moderne Modell,

denn vorher wurde doch auch schon mit allerlei Knochen und Elfenbein

gebunden, gestützt und gehoben. Oder?

uk

1534

Mit der Suprematsakte akzeptiert das Parlament König Heinrich VIII. als

künftiges Oberhaupt der englischen Kirche. – Bis heute gültiges Recht.