95. Tag, Rest: 271 Tage

Der Engländer und die Technik! Ein Kapitel für sich. Es muß genetisch bedingt zu sein, dass der Insulaner sich ums Verrecken nicht der Mehrheit beugen will. Mag ja sein, dass das Rad schon erfunden worden ist, aber die Briten bestehen stets da drauf, es noch einmal zu machen. Das scheint das Motto zu sein und deshalb ist der Alltag immer etwas tricky sobald die Technik ins Spiel kommt. Das fängt schon morgens beim Fensterschliessen an. Zum Glück hat George “hochmoderne” Dreh-/Kippfenster und nicht die typisch englischen Schieberahmen. Besuchern sind immer schwer beeindruckt, ich kann nichts besonderes an den Dinger finden, denn ich kenne sie seit Jahrzehnten. Und doch kriege ich das Fenster (fast) nie beim ersten Versuch zu. Warum? Nun, in Deutschland und vermutlich überall auf der Welt sind diese Fenster geschlossen, wenn der Griff senkrecht steht. Zum Kippen dreht man ihn 90° nach links und zum Öffnen weitere 90°, bis er senkrecht nach oben steht. In England macht man es natürlich genau umgekehrt! Kein Mensch denkt beim Öffnen oder Schliessen über die Drehrichtung nach, man hat es einfach im Gefühl, aber in England scheitert man mit dieser Taktik. [Für ganz Schlaue: Man kann es leicht ändern, indem man den Griff abbaut, dreht, und den Vierkant wieder einsteckt. Genau das scheint jemand bei mir in der Hamburger Wohnung gemacht zu haben! Unbelievable!

 

window
Die Funktionen des klassischen “vertical sliding window” muß man auch erst einmal verstanden haben.

 

Anschließend geht es dann ins Bad und dort wird es dann abenteuerlich. Aber darüber habe ich schon öfter geplaudert, deshalb hier nur die Kurzfasung: Warm- und Kaltwasser in getrennten Hähnen, kaum Druck in der Leitung, keine Steckdose und kein Lichtschalter. Gestaunt habe ich auf Toiletten in Restaurants, die einen Spülkasten weit oben, fast unter der Decke haben. Zum Glück wuchs ich in den 50-er Jahren auf und konnte mich an diese Modelle erinnern. Irgendwo seitlich wird ein Kette hängen. Daran ein runder Holzgriff, an dem man kräftig ziehen muß. Schon schiesst das Wasser durchs Rohr und ergiesst sich in der Kloschüssel. Übrigens war das Restaurant gar nicht so billig.

Die Steckdosen sind natürlich auch eine englische Spezialerfindung. Der englische Strom ist für deutsche Geräte kompatibel, denn er sollte mit 230 Volt durch die Leitungen fließen. Aber die Steckdose wirkt erst einmal ziemlich fremd. Sie liegt flach auf der Wand, hat keine Vertiefung und fällt sowohl vom Design als auch von der Lage (oft zentral auf der Wand) sofort auf. 

 

double-switched-socket
Hochmoderne Steckdose mit USB-Schnittstelle. A double-socket with USB-charger.

 

So oder ähnlich sehen alle Steckdosen in englischen Wänden aus. Auf den ersten Blick weiß man gar nicht wo denn da der Strom fließt. Immerhin haben die Briten das ziemlich schlau und sicher gelöst. Stromfluß findet in den beiden unteren, hier noch verschlossenen, Schlitzen statt. Der Stecker hat drei flache Dorne. Wenn der obere einklinkt, dort befindet sich das Erdungskabel, werden die beiden unteren Schlitze automatisch geöffnet. Erst jetzt bekommt der plug-inStecker, oder was man auch immer dort hineinhält, Kontakt mit dem Plus- und Minuskabel. Nun sind da aber auch noch links und rechts zwei Kippschalter. Und die sind nicht etwa für das Deckenlicht oder ähnliches gedacht, nein sie schalten die Steckdose an bzw. aus. Und das ist für Besucher wie mich eine echte Herausforderung. An diesem Modell sieht man deutlich an den roten Lämpchen, ob die Steckdose angeschaltet ist. Bei älteren Dosen wird der Zustand durch einen winzigen roten Punkt angezeigt, der meistens nicht zu erkennen ist, weil sich längst ein klebriger Fussel für immer drauf gelegt hat. Wenn Sie also, wie ich es erlebte, erstmals im englischen Bett liegen und die Nachttischlampe nicht brennt, dann schauen Sie sich die Steckdose genauer an. Ich habe natürlich die Birne gewechselt, den Sicherungskasten gesucht und schließlich überlegt, ob ich nicht das ganze Ding einfach aus der Wand stemmen soll. Der Boss schaute mir mit wachsender Belustigung zu. “Oh these Germans, always so difficult and complicated.” Und fügte schnell noch hinzu: “But effective!”

Im Hampsteadter Lokalanzeiger klagt ein Leser über die modernen Waschmaschinen. Seine ist kaputt gegangen und da hat ihm seine Tochter mit einer nicht gebrauchten Zweitmaschine ausgeholfen. Die aber gefällt ihm gar nicht: “My current washing machine has come to the end of its life and my daughter has given me a machine that she no longer needs. This differs from my existing machine in that it only has a cold water input. I have contacted the manufacturer’s customer services to be informed that all washing machines now have to be eco-friendly. Therefore, this machine cannot be modified to also have a hot water supply. They said this system ensures that less power is used and makes it cheaper to run.” Haben die wirklich keinen eingebauten Heizstab??? In Amerika soll es so sein, dort wird alles immer nur kalt gewaschen. Nun ja, die Amis. Fast hätte ich nix anderes erwartet. Aber dann bestätigt mir George das Ebac (ein britischer Waschmaschinenhersteller) noch immer Geräte mit Heiß- und Kaltwasserzulauf baut. Tja, das englische Badezimmer ist eine Welt für sich. Meistens findet sich dort noch immer der Boiler, der ist urenglisches Kulturgut. Groß wie die Wanne hängt er an der Wand und macht sich lautstark bollernd bemerkbar. Das Herz der englischen Badekultur. Vermutlich ein Strom- bzw. Gasfresser vor dem Herrn. Aber wenn das Wohnzimmer mit Elektroheizkörpern gewärmt wird, dann kann man das Badewasser auch per Boiler aufheizen.

 

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Boiler sind das Herzstück der englischen Badekultur. Die Kupferleitungen werden noch immer gerne über Putz verlegt. Okay, wenn es mal leckt, muß man keine Wand aufstemmen.

 

 

Ein Leser stellt die Frage: “Do I need to replace an old boiler?” und denkt dabei an Umweltschutz und Effizienz. Die Antwort haut mich fast vom Stuhl: “There is no need to swap your working boiler for a newer model simply because of its age”, rät der Fachmann. Nee, so was macht der sparsame Engländer erst, wenn die Halterungen durchgerostet sind und das Ding von der Wand kippt. Schließlich finde ich die Antwort des Fachmannes auf die Frage des Lesers mit der Waschmaschine, die nur noch einen Wasseranschluß hat. Sie ist sicher nicht witzig gemeint, aber ich kann mir kaum ein Grinsen verkneifen. Deshalb darf der Fachmann hier in voller Länge antworten: “Some industry sources try to argue that hot-fill washing machines do not really save money, because most machines are sited too far from the hot-water source. Their reasoning is that when the hot valve opens, the first water that flows in is cold, because it has been sitting in an exposed pipe run. And then, after the machine has filled, the hot water left in that pipe run will cool down and, therefore, be wasted.” Wie lange bzw. weit muß heißes Wasser fließen um kalt zu werden? 50 Meter, 100 Meter???

 

water tap
Eleganz auch im Badezimmer. Allerdings schafft man es nicht das warme und kalte Wasser mit einem Hahn zu regulieren.

 

Genug gelacht über die englische Wasserkunst. Ein Ingenieur, der hat es schwör, so wurde es mir vor vierzig Jahren beigebracht. Vielleicht ein englisches Sprichwort? Eigentlich liebe ich den einfältigen Umgang der Engländer mit ihrer Technik im Haushalt. Irgendwie stehen sie immer wie die Kinder vor jeglichen Geräten, an denen Schalter zu finden sind. Ich glaube keiner von ihnen hat wirklich verstanden wo und wie der Strom bzw. das Wasser in die Wand kommt. Das ist ein ungelöstes Rätsel, an dessen Lösung keiner interessiert ist. Der Engländer ist kein Theoretiker sondern durch und durch praktisch veranlagt. Man weiß was man haben will und wird es auch bekommen. Der Weg dorthin, die Mittel, der Aufwand, das alles ist nebensächlich. Und so kann man im Alltag immer wieder die komischten Situationen erleben. Prima! Bitte ändert daran niemals etwas.

 

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Das hat er sich bei George abgeguckt. Morgens erst mal ordentlich strecken.

 

 

The boss himself says:

George says: “Pull the plug. Our bathrooms may be old school but your kitchens are suitable for children’s toys. A real sunday roast needs an english country house stove.” 

Und ich: “Da hast du nun wieder recht. Ein echtes Full English Breakfast kann man mit einem deutschen Herd und Backofen nicht zubereiten. Man braucht fünf, besser sechs Platten und mindestens zwei Backröhren.

 

PS: Der Engländer lebt übrigens nicht hinter dem Mond. Oder falls doch, dann sagt man “under the rock”  Und wenn man den mal umdreht, findet man bestimmt einen kleinen Boiler … 😉

  

Was passierte noch am 04. April?

de 1960

Bernhard Grzimeks Film Serengeti darf nicht sterben erhält einen Oscar als Bester

Dokumentarfilm. – Hundert mal gesehen. Habe mich sogar bei ihm im Frankfurter Zoo

als Tierpfleger beworben und bekam eine Absage. Immerhin von Grzimek persönlich

unterschrieben. Was man so alles im Leben anstellt.

uk 1958

Britische Atomwaffengegner starten in London den ersten Ostermarsch zur Rüstungsfabrik

in Aldermaston. Dabei hat das von Gerald Holtom entworfene Friedenszeichen (peace sign)

seinen ersten Auftritt. – Unverdrossen betreiben die Briten noch immer ihre Atommeiler in 

Somerset und will die Anlage mit chinesischer Hilfe sogar noch ausbauen.