64. Tag, Rest: 302 Tage

Das britische Gesundheitssystem mag himmlisch erscheinen. Es ist kostenlos. Jeder Engländer ist ab seiner Geburt, genau genommen natürlich schon vorher, automatisch krankenversichert. Bis zum Tod, bekommt er alle ärztlichen Behandlungen, Medikamente und notwendigen Operationen, ohne ein Pfund zuzahlen zu müssen. Und immerhin 25% der Engländer werden  auch noch nach ihrem Tod von Ärzten fachlich betreut. In Deutschland sind es weniger als 2%. Trotzdem ist auch in England das Kranksein nicht rosig. Man ist gut beraten eine private Zusatzversicherung abzuschließen und zwar nicht nur um ein Einzelzimmer im Krankenhaus beziehen zu können. Wer eine teure Behandlung braucht, zum Beispiel wegen einer Krebserkrankung, muß sich mit den Medikamenten abfinden, die gerade von der NHS (National Health Service) ausgesucht worden sind.  Schlimm kann es werden, wenn man sich an ein Medikament gewöhnt hat und das dann von heute auf morgen absetzen bzw. wechseln muß. Da gibt es kein Pardon. Sonderwünsche sind nur gegen Zahlung zu bekommen. – Übrigens werden nirgends auf der Welt soviele Psychopharmaka verschrieben und verschluckt wie in England. Ist das der Grund warum sie alle freundlich lächelnd durch den Tag tapsen?

prozac
Antidepressiva und Beruhigungsmittel wie Valium oder Prozac bekommt man in England problemlos. Inzwischen werden damit auch die depressiven Haustiere gefüttert. Das hebt nicht wirklich ihre Stimmung, lässt sie aber den Tag klaglos verdösen.

Ein typisch englisches Gesundheitsproblem ist besonders deutlich sichtbar. Ich spreche vom schlechten Zustand der britischen Zähne, der ist leider legendär. Ich glaube es hat viele Gründe, das sogar im TV grenzwertige dentale Zustände präsentiert werden: Tee hinterläßt nunmal dunkle Flecken, der Engländer nimmt das Zähnebürsten nicht so genau und überhaupt sind ihm solche Äußerlichkeiten nicht so wichtig. Wenn der Anzug picobello ist, die Krawatte sitzt, die Schuhe blank geputzt sind, dann muß man nicht auch noch blendend weiße Zähne haben. Denkt er sich und zeigt lächelnd die Lücken in der Beißleiste. – Auch bekannte Fernsehstars sehen keinen Grund, ihre Zahnlücken mit Dummies zu schließen. Diese Ausgaben müssen privat bezahlt werden, das spart man sich. Was weg ist, ist weg.

Inzwischen ist es aber längst keine persönliche Angelegenheit mehr, sondern eine nationale Katastrophe. Im letzten Jahr wurden erstmals über 33.000 mal Zähne im Krankenhaus gezogen. Und zwar bei Kindern in der Altersgruppe bis 10 Jahren! Es ist inzwischen die Hauptursache, warum Kinder im Hospital behandelt werden. Kaum sind die zweiten Zähne aus dem Kiefer gewachsen, müssen sie gezogen werden, weil sie nicht mehr zu retten sind! Thousands of children have rotten teeth, lautete die Nachricht. Wie kann das passieren? Sind die Eltern Schuld? Ich würde sagen ja, denn sie lassen es zu, dass ihre Kinder zuckerhaltige Getränke literweise zu sich nehmen. Dazu Schokoriegel und andere Süßigkeiten. Die Untersuchungen sind eindeutig, die Zähne sind vom Zucker bis auf die Wurzel angefressen. Da hilft dann auch kein Putzen mehr, denn der Speichel, -natürlich auch das Blut (!)-, ist nachhaltig überzuckert.

Wenn Sie als Tourist in London (oder wo auch immer) unterwegs sind, werden Sie sich über die vielen coffee shops freuen. Zwar nicht gerade günstig, aber schnell und bequem. Auch der Londoner Büromensch schätzt den Service, der ihn ein halbe Stunde länger schlafen lässt. Er frühstückt auf dem Weg zur Arbeit. Ein take-away-coffee, -bitte nicht to-go sagen, dass kann das Getränke nämlich noch nicht-, ist schnell gekauft und kann in der U-Bahn getrunken werden.

coffee-shop
Statt 08-15 Filial-Service bevorzugen wir das kleine, private Café. Viel netter und deutlich gesünder.

Die großen Filialketten sind Starbucks, Costa und Caffè Negro. Der schreibt sich wirklich so, irgendwie haben die sich da mit dem accent grave et aigu vertan. Ich weiß auch nicht, wie man es aussprechen soll: caffè? George meint es käme wohl eher aus dem Italienischen. Da könnte er sogar Recht haben, denn sonst müsste es ja auch Noir heißen. Ich werde es herausfinden, denn eine gute Freundin spricht perfekt Italienisch (ja, Silke, du bist gemeint.)

Also all diese Kaffeeshops sind in die Kritik geraten. In einem Becher, ich weiß nicht mehr genau welche Sorte, aber es war keine mit Sirup, sollen 25 Teelöffel Zucker als normale Ration zu finden sein! Unfassbar und eigentlich ein Anschlag auf die Gesundheit. Da hört bei mir wirklich der Spaß auf. Das ist unverantwortlich. Im Englischen Parlament schrillten die Alarmglocken. Man arbeitet fieberhaft an politischen Massnahmen: die Zuckersteuer soll drastisch erhöht werde. Das einfachste, nämlich einige Getränke zu verbieten, geht nicht ohne die Zustimmung aus Brüssel. Das würde Jahre dauern, wenn es überhaupt durchzusetzen ist. Soviel zu den Beweggründen der Brexit Anhänger.

sugar-tax
Der Engländer mag keine Vorschriften. Selbst schützende Regeln sind ihm zuwider. Manchmal schwierig in der Partnerschaft, es sei denn er begreift sich als we both. (Dann muß nur noch geklärt werden, wer für beide entscheidet.)

Jetzt nahm man die Snacks ins Visier. Was im Labor gefunden und gemessen wurde ist gruselig. Ein einziges Panini (croque monsieur) bei Starbucks enthält 3,1g Salz. Bei Nero waren es 3,2g. Das ist mehr als die Hälfte der maximalen Tagesdosis. Hier geht es nicht mehr um schlechten Geschmack, sondern um Gesundheitsgefährdung. Im Croissant (almond) bei Starbucks sind 38,1g Zucker zu finden! Die empfohlene Tageshöchstmenge für Erwachsene beträgt 30g. Für mich ein Skandal. Warum sind Lebensmittelhersteller daran interessiert ihre Kunden dauerhaft krank zu machen? Oder stecken andere, geheime Organisationen dahinter? Sie, die Hersteller, wissen was sie tun, denn sie kennen ihre Rezepte. Und sie legen mit Hinterlist ein Salatblatt auf jedes Brötchen, dass wir natürlich mit gesunden Essen verbinden.

starbucks
Up to 25 spoons of sugar in one drink

Übrigens hilft auch die Ausrede nichts, der Preisdruck zwingt uns dazu, denn das trifft hier gewiß nicht zu. Ich mag diese Ausrede nicht, denn sie sagt nichts anderes, als das der Kunde selbst Schuld ist. Soll er doch das bessere, teuerer Produkt wählen. Würde ich mich dieser Logik bedienen, könnte ich den Mist auch mit Falschgeld bezahlen und hinterher sagen: Pass doch besser auf, du Idiot.

Jetzt habe ich mich ordentlich in Rage geredet und muß unbedingt runterkommen. Calm down, wie George sagt, und dazu drückt er mir eine Tasse Tee in die Hand. Ungesüßt, mit frischer Kuhmilch und natürlich nicht aromatisiert (sorry Captain Picard, even no earl grey). Der warme Tee tut gut, vielleicht gibt es eine Verfärbung am Schneidezahn aber die lässt sich mit dem Zahn-Radiergummi ganz leicht wieder wegrubbeln. Alles ganz einfach, ganz natürlich. 

The boss himself says:

George says: „People go to Costa thinking it’s better than somewhere you get fish & chips. But it’s actually full of salt and fat. The drinks are full of sugar as well.”

Und ich: “Ich weiß gar nicht was mir mehr Angst macht. Die gesundheitsruinierenden Snacks, Drinks und Fertiggerichte oder die Dummheit der Menschen, die nicht mehr in der Lage sind, Schlechtes vom Guten zu unterscheiden. Akademisch ausgebildete Erwachsenen wissen heute oft nicht mehr was ihnen guttut, was sie brauchen. Das gilt für alles, inklusive der Wahl des Lebenspartners.”

Wen das Thema interessiert, speziell wie in England mit diesen gesundheitlichen Bedrohungen umgegangen wird, dem emprehle ich einen Blick auf diese aktuelle Dokumentation des Daily Telegraph: How did Britain get so fat? 

 

Was passierte noch am 04. März?

de 1824 In Großbritannien wird die National Institution for the Preservation of Life from Shipwreck 

gegründet, aus der später die  Seenotrettungsgesellschaft hervorgehen. (Z.B. die DLRG,

ich war Mitglied. Herrlich, Urlaub am Strand mit Bezahlung.)

uk 2001 BBC bombing: A massive car bomb explodes in front of the BBC Television Centre 

in London, seriously injuring one person. The attack was attributed to the Real IRA.

1 Kommentar

  1. Das ist richtig, Brigitte, Caffè Negro ist Italienisch und heißt schwarzer Kaffee.

Comments are closed.