312. Tag, Rest: 54 Tage 

Nichts ist peinlicher als bei der Steuerberaterin zu sitzen, nach den Spendenbescheinigungen des letzten Jahres gefragt zu werden, und dann mit hochroten Kopf eingestehen zu müssen: Ich habe keine. Da hört man dann die Stecknadel fallen und der Profi geht zum nächsten Thema über: Versicherungen? Das kann mir natürlich nicht passieren, denn ich spende seit Jahren. Mal dem Zoo, aktuell dem Nabu und mit ehrenamtlicher Unterstützung einem kleinen Museumsdorf in der Nachbarschaft. Ausserdem geht mein Flaschenpfand, wenn es weniger als zwei Euro ausmacht, regelmäßig an ‘Die Tafel’. Das hat Lidl gut organisiert, denn da muß man nur die entsprechende Taste am Pfandautomaten drücken und schon ist die gute Tat erledigt. Blöd nur, dass direkt vor der Tür der Hinz & Kunz Verkäufer steht. Der möchte mir gerne seine Zeitung verkaufen, geht aber regelmäßig leer aus. Dann gehe ich mit gesenkten Blick an ihm vorbei zum Auto zurück. Wie soll man es nur machen? Hilft man einem, müßte man allen was geben. 

Das Spendenthema ist auch in England ein allgegenwärtiges. An den Bahnhöfen stehen die Big Issue Verkäufer (Obdachlosenzeitung), in Covent Garden bittet ein busker (Strassenmusikanten) um eine Spende und dann die Heerschaar von Poppie-Verkäufern (Kriegsfürsorge), die im November durch London ziehen und meine milde Gabe erwarten. 

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Die bekannteste Poppy Sellerin Englands war Olive Cooke. Sie sammelte ihr Leben lang für Arme. Ihr eigenes Leben endete tragisch, sie sprang in den Tod.

Eine Spende ganz anderer Art kann in Birmingham abgegeben werden. Wer bereit ist bekommt sogar eine Belohnung in Höhe von £35. Das ist nicht zu verachten, für ein Essen zu zweit im Curryhouse reicht es. Ahnen Sie schon worauf ich anspiele? Ja klar, es ist eine sperm bank, wo potente Herren ihre ‘little swimmers’ abgeben können. Nichts besonderes, bis auf die Tatsache, dass es die einzige offizielle Spermabank in England ist und das die jetzt mangels ‘Ressourcen’ schließen muß. Vor genau zwei Jahren wurde die National Sperm Bank mit viel Geld etabliert und jetzt zog man die bittere Bilanz: “We’re not getting enough men through the doors”. Binnen achtzehn Monaten hat man es auf ganze sieben (!) potentielle Spenden gebracht. Das ist ernüchternd. Also es waren deutlich mehr Männer bereit “ihr letztes” für England zu geben. Leider lässt sich aber nur eine Spende unter hunderten als für die Fortpflanzung tauglich einstufen. Da wird höchste Qualität gefordert, die Latte liegt hoch. 

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Das Essengehen kann in London teuer werden. Besonders wenn man, wie ich, vor lauter Aufregung alles probieren will. Mit 35 Pfund kommen wir nicht weit.

England wird aber trotzdem nicht aussterben. Für Paare mit unerfüllten Kinderwunsch tut es mir leid, aber bei den meisten scheint es prima zu funktionieren. Die Geburtenrate ist erstaunlich hoch, irgendwo bei 2.6 Kinder pro Paar. Das liegt bestimmt daran, dass der Engländer so gerne schmust. In Sachen Sex ist er ja eher schüchtern. Da lässt er sich auf keine Experimente ein. Antony Miall hat das englische Sexritual (ich vermute es gibt nur eins) mal sehr treffend beschrieben: “Tradition has it, that the sign of a gentleman is that he will take his own weight on his elbows and, however intimate the moment, he will always remember to thank his hostess for having him, just as she will thank him for coming.” Antony weiß wovon er spricht, er ist Engländer. 

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In Cambridge widmet man sich dem Sex ganz wissenschaftlich. Die brauchen auch Spermaspender, aber nur für das Reagenzglas. Ob die Forscher es selbst liefern?

So jetzt bin ich irgendwie völlig von meinem Thema abgekommen. Was steht im Titel meines heutigen Berichtes? “Wieviel soll ich spenden”, ach ja, jetzt weiß ich wieder worüber ich schreiben wollte. Aber ich denke schon die Frage ist falsch formuliert. Niemand soll etwas spenden. Richtig wäre es zu sagen man kann, man darf und manchmal ist man sogar ganz froh etwas loszuwerden. Dann freut man sich, wenn der alte, nicht mehr gebrauchte Kram von jemanden dankend mitgenommen wird. Mein Portemonnaie bleibt allerdings oft stecken, denn irgendwie scheint mir das Geldgeben keine Lösung zu sein. Ich kann weder jedem Bedürftigen einen Euro geben, noch dem einen täglich oder wöchentlich unter die Arme greifen. Aber muß ich das denn? Spende ich nicht auf andere Weise? Das Internet begreife ich als eine nicht kommerzielle Tauschbörse. Ich gebe – ich nehme. Alle die das Glück*) haben Steuern zu bezahlen, finanzieren damit das Sozialwesen des Staates. Wer einen netten Gruß verschickt, nur mal so, spendet gute Laune. Wer ein Lächeln verschenkt, stärkt die Gesundheit des Anderen. Da lässt sich vieles aufzählen. 

*) Das ist nicht ironisch gemeint. Wer Steuern zahlt hat Einkommen und Arbeit.

Wahrscheinlich spenden die meisten viel mehr als ihnen bewußt ist. Man darf es sich aber von Zeit zu Zeit ruhig mal wieder vergegenwärtigen. Dann weiß man, dass es keinen Grund gibt sich zu schämen, nur weil man die möglichen Erwartungen des anderen enttäuscht. In diesem Sinne wünsche ich entspannte Weihnachtseinkäufe. Genießen Sie die festlich geschmückten Strassen, die Weihnachtsmärkte, den ganzen Trubel. Bewahren Sie sich ihre gute Laune und geben großzügig davon ab. Und wem das als Spende nicht genügt, nun, der hat seine Latte zu hoch gelegt.

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Ein inzwischen berühmter Busker and Big Issue Verkäufer ist James Bowen. Zusammen mit street cat Bob trifft man ihn an Londons Bahnhöfen.

The boss himself says:

 

George says: “Will they really paid me a total of £35 compensation for every sperm donation I make? How often is it usual possible? Once a week? I’m a prefered donor because I’m from Birmingham.”

Ich sage: “Keep calm. Man sucht junge, gesunde, weiße Engländer. Und dann müssen die Probanden auch noch überdurchschnittlich intelligent sein. Du siehst, du hättest nie eine Chance gehabt.” “That’s pretty tough. And what are your conditions?” “Only your thank for having me.”

 

Was passierte noch am 7. November?

 

de 2003 In Deutschland konstituiert sich die Föderalismuskommission als gemeinsames

Gremium von Bundesrat und Bundestag, um die bundesstaatliche Ordnung zu

modernisieren. – Ein Satz den kein Engländer begreift, egal wie lange er schon

Deutsch lernt. Und würde er ihn verstehen, dann wäre er schwer enttäuscht,

weil es sich inhaltlich so furchtbar langweilig anhört.

uk 1665 Die London Gazette, die älteste noch bestehende englische Zeitung und

offizielles Verlautbarungsorgan des Vereinigten Königreichs, erscheint. –

Wahrscheinlich haben Sie mit einem guten Witz gestartet.