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Soll ich es wagen oder lasse ich es lieber? Mit nichts kann man mehr Aufmerksamkeit erhaschen, als mit der Ankündigung, ein Geheimnis lüften zu wollen. In diesem Fall betrifft es aber direkt meinen Blog und ich laufe Gefahr, dass Sie ab sofort ein wenig frustriert sind, wenn Sie diese Seite besuchen. Illusionen sind etwas wunderbares, aber sobald man sie aufdeckt, verfliegt der Zauber. Also weiß ich noch nicht, ob ich es machen soll. Beginnen wir doch erst einmal beim nächsten Urlaub, der hoffentlich in London stattfinden wird. Ich spreche von Ihrem, nicht von meinen Plänen. So wie jeder Hamburg Besucher natürlich eine Hafenrundfahrt macht (es lohnt sich, besonders auf den kleinen Barkassen macht es Spaß), so will der Tourist in London auf jeden Fall den Buckingham Palast besichtigen. *)

 *) Geführte Rundgänge werden vom 23. Juli bis 2. Oktober angeboten. Eintritt rund 25 Euro, Kinder 15 Euro. Tickets unbedingt im voraus buchen, sonst stehen Sie sich die Füße platt und kommen womöglich doch nicht rein!

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Wachsoldat am Buckingham Palace. Die Royal Guards sind Elitesoldaten, die meistens in Auslandseinsätzen gekämpft haben oder es bald tun werden. Das ist keine Operetteninszenierung.

 

Die erste Frage ist immer: Ist sie da? Ein Blick zum Dachgiebel genügt. Weht dort der Royal Standard, dann ist die Königin anwesend. Sobald sie den Palast verlässt, wird der Union Jack aufgezogen. Das war früher anders. Man hisste nur dann die Flagge, wenn die Queen im Haus war, bei ihrer Abwesenheit war der Mast leer. Als 1997 Diane starb, weilte die königliche Familie in Schottland. Also war keine Fahne auf dem Buckingham Palast und also konnte auch keine Fahne auf Halbmast gesetzt werden. Das führte zu erheblichen Irritationen bei der Bevölkerung. Man fragte offen nach: “Madam, don’t you care?”. Hätte allerdings damals der Royal Standard über dem Dach geweht,  wäre man auch in Dilemma gelandet. Diese Flagge wird nämlich niemals auf Halbmast gesetzt! Sie symbolisiert die Institution ‘Monarchie’ und die lebt ohne Unterbrechung fort. “The king is dead, long live the king”, heißt es aus gutem Grund. Mit der neuen Regelung schlug man also gleich zwei Fliegen mit einer Klappe bzw. they killed two birds with one stone. Wann immer die Königin anwesend ist, weht der Royal Standard auf dem Dach des Palastes, ansonsten wird der Union Jack gehisst. Und der kann im Fall des Falles auch auf Halbmast gesetzt werden.

 

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Links der Union Jack, rechts der Royal Standard. Die beiden Felder mit den drei goldenen Löwen symbolisieren England, der rote Löwe steht für Schottland und die Harfe repräsentiert Irland. Weil England zwei Felder beansprucht, ist für Wales kein Platz mehr. Ein Drache unter all den Löwen hätte eh nur Stress gemacht.

 

Ironischerweise war es ausgerechnet Prince Charles, der sich sehr um eine Modernisierung der royalen Regeln einsetzte und dann durch die privaten Ehequerelen der Monarchie fast einen Totalschaden zufügte. Er hatte unter anderem durchgesetzt, dass die Anrede ‘königliche Hoheit’ (HRH = Her Royal Highness) nur noch für den Monarchen und dessen Kinder, sowie die Kinder des Thronfolgers benutzt werden soll. Weiter konnte er seiner Mutter das Zugeständnis abringen, dass sie nichts gegen die Nachfolge einer Frau einwenden würde. So vorsichtig wurde es offiziell formuliert! Bisher galt noch immer, dass ein Junge die Thronfolge antritt, auch wenn ältere Schwestern vorhanden sind. Schließlich wollten Charles und einige gewählte Abgeordnete der Labour Partei auch noch durchsetzen, dass die jährliche Zeremonie der Parlamentseröffnung deutlich schlichter gestaltet wird. Das ging aber gründlich schief. Die jährliche Fahrt in der goldenen Kutsche vom Buckingham zum Westminster Palace ist eine hollywoodreife Inszenierung und begeistert jedes Jahr tausende Zuschauer. Das Ereignis demonstriert zwar die ganze Pracht der Monarchie, ist aber eigentlich ein Beweis der Demokratie. Beides fein austariert, da darf nicht dran gerüttelt werden. Und so maulten dann staubtrockene, aristokratische Members of the House of Lords ungehalten zurück: “Are you saying she has to take a taxi?” 

Übrigens findet die Zeremonie ‘The State Opening of Parliament’ in diesem Jahr am 18. Mai statt. Ein Mittwoch. Entweder man stellt sich rechtzeitig an den Strassenrand auf oder man erlebt es live im Fernsehen. Da wird man dann auch ins Parlament mit hineingenommen, was dem Touristen verwehrt bleibt. Aber die farbenfrohen Uniformen der Guards und die goldene Kutsche an sich vorbeiziehen zu sehen, ist schon ein sehr beeindruckendes Erlebnis. Ich werde immer wieder dafür gerne früh aufstehen und mich beglückt in die Menge schieben.

 

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Die geplane Fahrt in der goldenen Kutsche am 18. Mai. Wenn Sie früh losgehen, finden Sie vielleicht noch einen freien Platz am Strassenrand.

 

Braucht man Tickets? Ich habe davon nichts gehört und George zuckt auch die Schultern, was immer das bedeuten mag. Was allerdings im einzelnen während dieser aufwendigen Zeremonie passiert, daran kann er sich erinnern und erzählt es mir detailliert:

Nach Ankunft der Queen wird sie im Sovereign’s Entrance vom Earl Marshal und dem Lord Great Chamberlain begrüßt. Im selben Moment wird der Royal Standard auf dem Victoria Tower gehisst und Salutschüsse donnern durch den Hyde Park und am Tower.

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John Bercow im vollen Wichs auf dem Weg zur Queen, um sie gleich zu begrüßen.

Dann legt sie im Queen’s Robin Room die königliche Robe an, wozu natürlich auch die Imperial State Crown gehört. Mit der wohl nicht ganz leichten Krone auf dem Kopf balanciert sie durch die Royal Gallery. Der langgestreckte Raum ist pickepack mit Ehrengästen gefüllt, da stehen gut 600 ehrenwerte Engländer und begrüßen Her Royal Highness. Das ist dann auch der große Moment von John Bercow, der als Speaker of the House of Commons die Königin auf der Prozession begleitet. Normalerweise fällt John Bercow durch ziemlich skurille private Eskapaden regelmäßig auf, aber irgendwie ist der Mann gegen Skandale aller Art völlig immun. Ich glaube die Engländer wissen seinen Unterhaltungswert zu schätzen und lassen ihn deshalb gerne im Amt.

Schließlich erreicht die Queen die House of Lords chamber, wo ihr Thron steht, auf den sie sich nun setzt. Die eigentlichen Hauptpersonen, nämlich die Parlamentarier sind zu der Zeit noch ausgesperrt. Sie stehen am anderen Ende des House of Lords vor verschlossener Tür und warten auf Einlass. Das erledigt Black Rod, er ist der königliche Repräsentant im Parlament. Er klopft an die Tür und wartet auf Antwort der Parlamentarier, vorneweg der Premier. Dreimal muß er anklopfen, erst dann wird geöffnet. Diese Zeremonie soll allen deutlich machen, dass die gewählten Volksvertreter von der Monarchie unabhängig sind. Sie beugen sich nicht der royalen Autorität.

Dann treten die Parlamentarier ein und es kann endlich losgehen. Die Queen verliest die Regierungserklärung des Premiers, gibt also den politischen Fahrplan für das kommende Jahr bekannt. Natürlich ist der Inhalt ihr nicht unbekannt, Cameron hat ihn in den vergangenen Wochen detailliert mit ihr abgestimmt. Dieses Jahr werden alle die Ohren besonders spitzen, wenn das Thema Brexit Abstimmung verkündet wird. Die Königin wird kein persönliches Wort dazu sagen, aber ein leichte Heben der Augenbraue genügt, um alle Engländer zu überzeugen.

Nun ist dieser Beitrag schon wieder viel zu lang geworden und ich habe noch so viel zu erzählen. Also machen wir es mal mit Fortsetzung. Dann habe ich auch noch etwas Zeit darüber nachzudenken, ob ich denn nun eines der Geheimnisse dieses Blogs lüften soll. See you tomorrow, bye-bye.

 

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Ich bekomme Gänsehaut, wann immer die Guards auf Reichweite an mir vorbeiziehen. Es lohnt sich darauf zu warten.

 

 

 

The boss himself says:

George says: “You need tickets for visiting the Buckingham Palace. And the parliament is open for everybody. But  not during the State Opening of Parliament. In the afternoon the public can access. When the ceremony is finished the normal business resumes” 

Und ich: “Apropos normal business, kaufst du noch ein oder muß ich zu Sainsbury’s?

 

 

Was passierte noch am 06. April?

de 1980 Die Sommerzeit wird in der BRD, DDR und Österreich eingeführt. – Ich sage: abschaffen. Habe übrigens gerade eine Wanduhr im Flur endeckt, die den ganzen Winter über unbemerkt (von mir + Besuchern) die Sommerzeit des Vorjahres anzeigte! 
uk 1199 King Richard I of England dies from an infection following the removal of an arrow from his shoulder. – Wir kennen ihn als Richard Löwenherz.