127. Tag, Rest: 239 Tage

Eine simple Frage macht George zunächst sprachlos und bringt ihn dann auf ein Idee: How about a seaside holiday?  Na klar, immer, gerne. Meine Frage lautete: “Wo ist eigentlich der Hafen?” Große Augen, dann “you know the Thames?” Ja klar, ich kenne die Themse, war schon etliche Male dort. Ich habe die Fähren gesehen, auch die Ausflugsboote und habe sogar einmal beobachtet, wie die Towerbridge ihre Arme hochklappt, damit ein großer Segler passieren kann. Aber große Schiffe, ich meine richtige Pötte, hochbeladen mit Containern, habe ich noch nie auf der Themse gesehen. Wo also ist der Hafen? Oder gibt es keinen? “Alright, you will have a look at our Gateway? You will see the refineries and oil depots? Pack your suitcase and enjoy the regioof the Thames estuary. Let’s have a weekend in the country.” – Am nächsten Tag ging es los, rauf auf die M25 Autobahn und dann im großen Bogen rund um London gekurvt.

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Von Hampstead (Nord London) nach Dartford (Kent). Wir brauchen ca. 1 Stunde für die stark befahrenen Strecke. Vor allem auf dem zweiten Teil, der über die M25 führt, stockt es.

Unser erstes Ziel ist die Themsequerung zwischen Grays am Nordufer und Dartford im Süden. Es ist die letzte Möglichkeit über den Fluß zu kommen, bevor die Themse in den Ärmelkanal mündet *). Der gesamte LKW Verkehr von Dover muß diese Brücke passieren, wenn die Ladung nach Mittel- oder Nordengland transportiert werden soll. Deshalb wundert es mich auch nicht, dass die imposante Brücke vierspurig ausgebaut ist. Ihr Name ist nicht überraschend: Queen Elizabeth II Bridge. Das Bauwerk zieht sich elegant über den Fluß; es ist wohl ziemlich neu.

*) Stimmt, wenn man selbst fahren will. Andernfalls kann man weiter flußabwärts, bei Woolwich, auch noch die Fähre nehmen. Dahin kommen wir auch noch, das passiert aber erst später.

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Einmal eingefädelt gibt es kein zurück. Wir reihen uns auf die rechte (!) Spur ein, denn dort sind am wenigsten LKWs. Die Brücke ist verdammt groß, lang und trotzdem elegant. Einen Augenblick glaube ich ein Déjà-vu zu erleben, denn die Hamburger Köhlbrandbrücke, die die Elbe überspannt, könnte eine Zwillingsschwester sein.

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Wir lassen uns mitziehen, aber irgendetwas stimmt nicht. Dann fällt es mir endlich auf. Wo ist denn die Gegenspur? Liegt es mal wieder am Linksverkehr, dass ich ein bißchen die Orientierung verloren habe oder ist das jetzt wirklich eine Einbahnstrasse??? Kann doch wohl nicht sein. “You’re absolutely correct”, stimmt George mir fröhlich nickend zu. Ja und wie kommen wir wieder zurück? Ist das hier etwa nach Tageszeiten geregelt? Morgens fahren alle nach Norden und nachmittags retour? George strahlt und schweigt. Er freut sich, wenn ich beschäftigt bin. Am besten mit mir selbst.

Zwei Tage später erfahre ich die Lösung des Rätsels, als wir auf dem Heimweg sind und Dartford ansteuern. Die Brücke ist schon von weitem zu sehen, aber auf einmal biegt George ab und dann dämmert mir, wie wir die Themse queren werden.

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Ach du meine Güte, das kann doch nicht wahr sein. Da gibt es eine Brücke für den Verkehr Richtung Süden und umgekehrt muß man den Tunnel nehmen? “Two tunnels.” Konntet ihr euch nicht entscheiden oder wie ist es zu dieser merkwürdigen Lösung gekommen? Das treibt die Kosten doch wohl eher in die Höhe, wenn man erst die Erde durchwühlt und es dann oberirdisch mit ausgefeilter Statik probiert. Also die Sache war so, fängt George nun doch endlich mal an mir zu erzählen, man brauchte die Querung schon in den 30-er Jahren. Man grub dann einen Sondierstollen unter dem Themsebett durch, mußte die Arbeiten aber während des 2. Weltkrieges ruhen lassen. So kam es, dass der erste Tunnel erst Anfang der sechziger Jahre eröffnet wurde. “Bei uns war der Krieg schon ’45 zu Ende”, wende ich ein, aber das die Nachkriegsjahre im Siegerland England härter als in Deutschland waren, darüber will George jetzt nicht diskutieren. Jedenfalls kaum war der Tunnel in Betrieb, schon war er viel zu klein. Und deshalb wurde ein zweiter gebaut, diesmal viel schneller, denn man kannte inzwischen die Richtung. Ab 1980 konnte der Verkehr also durch zwei Röhren fließen. Blöderweise waren auch die schnell verstopft und nun hatte man die Nase voll. Statt einer weiteren Bohrung, entschied man sich jetzt für die Brückenlösung. Im Oktober 1991 wurde das Bauwerk von Queen Elizabeth feierlich eingeweiht und damit war auch der Name gefunden. 

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Früher hielt man an den Toll Stations und zahlte die Maut. Heute fährt man einfach durch.

Bietet die Brücke denn nun genug Kapazität um den Verkehr am Rollen zu halten? The answer is both yes and no. Die Fahrspuren sind ausreichend, aber die Mautstationen hielten den Verkehr extrem auf. “Ich habe gar kein Häuschen gesehen? Bist du etwas ohne Stoppen durchgefahren?” “No, no, don’t worry. We pay over the internet.” Das System ist ganz ähnlich wie die Maut in der Londoner Innenstadt. Übrigens wird man auch hier an der Brücke durch ein Schild mit einem “C” darauf hingewiesen. Die Congestion Charge beträgt für einen PKW £2.50 und kann bis zu 24 Stunden nach der Nutzung im Internet überwiesen werden. Große Kameras fotografieren automatisch jedes Kennzeichen und Computerprogramme überwachen den korrekten Zahlungseingang. Wer es versäumt, wird mit einer saftigen Strafe erinnert. Dann sind £105 fällig und die treibt man auch im Ausland ein. Wer aber die Maut partout nicht zahlen will, kann es ganz legal umgehen. Zwischen 22:00 – 06:00 Uhr ist die Benutzung der Brücke kostenfrei. Wahrscheinlich funktionieren die Kameras im Dunkeln nicht. Same procedure in London.

Nun habe ich zwar den Hafen noch immer nicht gesehen, aber unsere Tour führte uns auch noch ein Stück weiter. Davon berichte ich aber erst nächstes Mal.

The boss himself says:

George says: “It’s important to know that the bridge between Grays and Dartford is part of the M25 but the rules don’t apply there. You can cross with all which drives.” 

Und ich: “Das ist wirklich eine Kuriosität oder mal wieder typisch englisch. Diesen Teil der Autobahn, also die vierspurige Brücke, kann man ohne weiteres mit dem Traktor passieren. Man muß nur sofort nach der Querung die nächste Ausfahrt nutzen und den Motorway wieder verlassen. Das kleine Stück Brücke heißt deshalb auch offizielle nicht M25 sondern A282. Somit ist es nur ein Landstraße und kann von allen genutzt werden, die sonst nicht auf die Autobahn dürfen. Clever, so kommen viele Bewohner über den Fluß.”

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Schon merkwürdig. Schon wieder finde ich eine Parallele zu Hamburg. Oben die Queen Elizabeth II Bridge über die Themse, unten die Köhlbrandbrücke über die Elbe.

Was passierte noch am 06. Mai?

de 1974 Willy Brandt gibt wegen der Affäre um den DDR-Agenten Günter Guillaume offiziell

seinen Rücktritt als Kanzler der Bundesrepublik Deutschland bekannt.

uk 1997 The Bank of England is given independence from political control, the most significant

change in the bank’s 300-year history.