98. Tag, Rest: 268 Tage

Wo waren wir gestern stehen geblieben? Richtig, bei der pompösen Parlamentseröffnung mit Böllerschüssen und goldener Kutsche. Eines der großen öffentlichen Inszenierungen des Königshauses. Kanonendonner hört man übrigens häufiger in London. Anfangs war ich immer richtig erschrocken und suchte gleich mit den Augen die Themse ab. Flußabwärts erwartete ich dann französische Kriegsschiffe oder gar eine neue Spanische Armada herannahen. Inzwischen weiß ich aber, dass die Böllerei stets auf glückliche Umstände hinweisen soll. Es ist die lautstarke Botschaft an das Volk: “Legt die Arbeit nieder und freut euch mit eurer Königin!” Weil ich nicht die einzige schreckhafte Person in London bin, wird die Knallerei zum Glück rechtzeitig angekündigt. Anfang Februar, ich glaube es war der sechste, wurde an die Thronbesteigung erinnert. Dann wird natürlich am 21. April zum Queen’s Birthday geböllert. Darauf folgt am 2. Juni der Tag der Krönung (nein, Thronbesteigung und Krönung sind zwei verschiedenen Ereignisse!) und schließlich am 10. Juni, zum Geburtstag des Duke of Edinburgh, also Prinz Phillip, ein fulminanter Kanonendonner. – Zum Glück hält der Engländer stur an seinen Traditonen fest. In anderen Städten hätte man es längst verboten, weil niemand weiß, war das jetzt ein Sprengstoffanschlag oder haben die Royals angestoßen?

 

garten
Der Buckingham Palast von hinten. Ja, die haben auch einen Garten, sogar mit einem richtigen Teich. Buckingham Palace Gardens.

 

George weiß noch ein paar Detail zu ergänzen, schließlich lebt er jetzt auch seit genau fünfzig Jahren in London. “Glückwunsch sweetheart. Soll ich die Kanone laden?” Grundsätzlich werden Sonntags niemals Salutsalven abgefeuert, weiß er zu berichten. Fällt also einer der genannten Termine auf einen Sonntag, dann werden die Schüsse erst am darauf folgenden Montag abgefeuert. Die Anzahl ist genau geregelt. Das sind nicht etwa ein oder zwei Kracher. Nein, da wird schon richtig was geboten. Den Anfang machen die King’s Troop im Hyde Park. Sie schießen 41 mal Salut. Das passiert genau gegenüber des Dorchester Hotels, also an der östlichen Seite des Parks. 

Eine Stunde später feuert die Honourable Artillery Company gleich 62 Salutschüsse beim Tower of London ab. Und dann gibt es natürlich noch die Fahnenparade, auch bei uns bekannt als Trooping the Colour, und dabei wird ebenfalls aus allen Rohren geballert. Daran kann ich mich noch gut erinnern, als ich letztes Jahr dabei gewesen bin. Den Pferden hat man entweder faustgroße Ohropax in die Gehörgänge gestopft oder sie werden klammheimlich im Stall auf den Knall vorbereitet. Wahrscheinlich haut da einer immer mitten in der Nacht mit einer Dachlatte gegen die Tür. Das härtet ab.

 

horse
Gar nicht witzig. Es gibt Touristen, die den Pferden mit Blitzlicht vor der Nase rumfummeln. Leider können solche Idioten meistens auch nicht lesen.

 

Wer es ruhiger schätzt, sollte sich einmal eine Wachablösung am Buckingham Palace ansehen. Eine ziemlich bunte Zeremonie, immer wieder beeeindruckend schön, besonders natürlich bei strahlenden Sonnenschein. Wenn sie dienstags, mittwochs oder donnerstags kommen, haben sie gute Chancen den Royal Standard auf dem Dach im Wind flattern zu sehen und dann wissen sie, die Königin ist anwesend. Vielleicht bin ich zu romantisch, aber ich mag das Gefühl, sie irgendwo dort hinter den Scheiben zu wissen. Vielleicht lukt sie ja mal raus, dann kann ich winken. – Gedankensprung: Vor wenigen Tagen hatte ich über die alten Wasserboiler in Londoner Wohnhäusern geschrieben. George erzählte mir jetzt, dass die riesigen Kessel im Buckingham Palace seit sechzig Jahren nicht ausgewechselt worden sind. Das muß man sich mal vorstellen. Was die alten Dinger wohl für morgens für einen Lärm machen (Pfffffffftschhhhhhht …), wenn sie vom Personal angeheizt werden. Ich glaube im Palast spielen sich Szenen ab, die an Komik kaum zu überbieten sind. Aber zurück in die Gegenwart und zur Wachablösung. 

 

houseguard
Die königliche Wache kommt zur Ablösung angeritten. 3 Offiziere und 40 Wachleute. Wenn aber die Queen nicht da ist, dann sind es nur 31 Wachhabende. Einfach durchzählen und schon wissen Sie Bescheid.

 

Zwischen April bis Ende Juli können Sie täglich um 11:30 Uhr die New Guard anmarschieren sehen, die dann die Old Guard ablöst. Mit Musik, auch Popklänge (!) kommt sie vom St James’s Palace über die Mall anmarschiert bzw. hoch zu Ross geritten. Das ganze Spektakel dauert fast eine dreiviertel Stunde und wird auf dem Palastvorhof abgehalten. Eigentlich wird “nur” der Schlüssel übergeben (für welche Tür?). Die frischen Soldaten bleiben dann 24 Stunden vor Ort, bis die nächste Ablösung kommt. Natürlich können sie zwischendurch schlafen. Die ganze Show ist kostenlos zu bestaunen. Bei ganz schlechten Wetter, sturzbachartiger Regen, fällt die Sache aus. Übrigens wird ein Changing the Guards natürlich auch in bzw. am Windsor Castle gezeigt. Wenn Sie sich das Spektakel in London ansehen wollen, und ich kann ihnen nur dringend dazu raten, dann fahren Sie am besten mit der Underground bis zur Victoria Station. Die Circle, District oder Victoria Line bringen Sie dorthin. Ausserdem ganz viele Buslinien.

Nun muß ich noch das Geheimnis lüften, das ich auf der Startseite diese Blogs versteckt habe. Oben auf der Seite sehen Sie vier Wachsoldaten. Sie stehen vor dem Tor des Buckingham Palastes. Wenn Sie dort selbst einmal sein sollten, könnte es sein, dass nur zwei Guards den Eingang bewachen. Sind die anderen beiden gerade in der Pause? Nein, sie stehen nur dann am Tor, wenn die Königin anwesend ist. Weil das leider nicht der Fall war, als ich mein Foto machte, musste ich zu einem Trick greifen. Ich habe das Bild einfach verdoppelt.  Die Nahtstelle ist in der Mitte, sogar mehr als deutlich zu sehen. In Wirklichkeit gibt es nur ein Tor und jetzt wo Sie es wissen, werden Sie es immer sofort erkennen, sobald Sie sich hier einwählen. Statt Zauber nur noch eine schlechte Nahtstelle. Ouuuups.  

 

wachwechsel
Manchmals stehen zwei und manchmal vier Männer am Tor. – Übrigens finde ich es völlig inakzeptabel irgendwelche Scherze mit den Wachmännern zu treiben. Auch Selfies gehören dazu. Bitte niemals so respektlos mit anderen umgehen. Eine der seltenen Situationen wo ich mich “fremdschäme”.

 

  

The boss himself says:

George says: “You should change the header picture from time to time. Let the bearskin caps switch the shift. Otherwise you’re boring the ti.. off your readers.” 

Und ich: “Geht’s noch? Das muß leider zensiert werden. Aber in der Sache hast du nicht unrecht.

 

  

Was passierte noch am 07. April?

de 2005

Am Strand von Sheerness im Südosten Englands wird ein offenbar verwirrter Mann in

einem tropfnassen schwarzen Anzug aufgefunden, der nicht spricht und später als 

Piano Man bekannt wird. – Tatsächlich ist er (Andres Grassl) wohl Deutscher, aber

irgendwie ist der Fall nie richtig geklärt worden. Oder ich habe es nicht mitgekriegt?

uk 1955

Winston Churchill resigns as Prime Minister of the United Kingdom amid 

indications of failing health.