67. Tag, Rest: 299 Tage

 Ich liebe es mit dem Bus durch London zu fahren. Bequemer und günstiger kann der Besucher die Stadt nicht erkunden. Eine meiner Lieblingsrouten ist die Line No 19. Vom Finsbury Park bis nach Battersea. Alles zum Preis eines Sandwiches, trotz Sitzplatz in der ersten Reihe. Was will man mehr? Finsbury Park Interchange ist ein großer Busbahnhof. Dort halten zwei Undergrounds und die Great Northern Railway. Endhaltestelle der Linie 19 und deshalb ist der Bus leer. Es klappt, ich ergattere mir den Platz im Oberdeck, ganz vorne. 

 

line19
Meine Map mit der Route der Linie 19. Ganztägig fahren die Busse alle 6-10 Minuten. Das ist die “genaue” Angabe im Fahrplan; dem Engländer reicht das. Ich starte im Norden, am Busbahnhof Finsbury.

 

Wir fahren an ein-, höchstens zweigeschossigen Häusern vorbei. Manche Fassade bröckelt, kleine Restaurants mit schiefen Fenstern sind in der High Street zu sehen. Aber schon bald ändert sich das Bild. Die Häuser werden mehrstöckig und teurer. Allerdings keineswegs elegant. Wir sind hier nicht im vornehmen Hampstead sondern im quirrligen Islington. Die nächste Station heißt Highbury Hill. Im Reiseführer lese ich nach, dass hier früher ein großer Heuschober stand. Heute haben sich Bäcker und Bioläden angesiedelt. Jeder Stadtteil hier war früher ein eigenständiges Dorf. Alle sind längst von London vereinnahmt. Aber noch immer kann man den ganz eigenen Charakter erkennen. Und das merkt man nirgends so deutlich, wie auf einer Busfahrt quer durch die Stadt. – Die Straße ist eng, die Shops sind bunt. Neben ‘Famous Chicken ‘n Pizza’ ist ‘Meek and Wild’, der allerdings auch Fisch anbietet und dann ein ‘Health Food’ Restaurant. So geht es munter weiter.

Früher soll es hier in Islington viele Punk-Pubs gegeben haben. Als Tony Blair noch Innenminister war, traf er sich mit seinen Labour Freunden in der Upper Street, durch die mein Bus gerade fährt. Auch eine High Street, also eine ehemalige Dorf-Hauptstraße. Immer noch säumen Geschäfte und Restaurants beide Seiten der Straße. Wir sind kurz vorm Bahnhof Angel und hier wird es international. Wenn ich die Namen der Lokale richtig deute, dann kommen die Betreiber aus der Türkei, Italien, Griechenland und Frankreich. Dazwischen eine gelb-rote Shell Tankstelle, die sieht genau wie in Deutschland aus. Das Design ist wohl weltweit einheitlich?

 

sadlers
In der Rosebery Avenue hält der Bus vor dem Sadler’s Wells. Das Theater sieht von aussen unscheinbar aus, gehört aber zu den weltweit berühmten Bühnen.

 

Wir nähern uns zügig der Innenstadt und die Restaurants werden “weltmännischer”. Viele tragen hier französische Namen, sollen aber laut George’s Einschätzung Essen servieren, dass eher der britischen Vorstellung von französischer Küche nahekommt. Einige Filmfirmen sind hier ansässig und das färbt sich auch auf die Restaurants ab. Man gibt sich international. – Dann biegt der Bus in die Shaftesbury Avenue ein und sofort ändert sich das Bild. Jetzt sind wir im Zentrum, mitten in Covent Garden. Theater steht neben Theater. Eines größer als das andere und alle sind jeden Abend voller fröhlicher Menschen. West-End nennt sich das hier, wo wohl an die fünfzig Bühnen zu finden sind: Cambridge, Palace, Queen’s, Apollo und natürlich das Shaftesbury Theater kann ich ausmachen. Dazwischen Bars, Restaurants und kleinere Spielstätten, die zu schnell vorbeifliegen, um den Namen zu entdecken. Die Straße selber ist noch immer zweispurig, also eher schmal. Die Häuser sind inzwischen drei- und vierstöckig. 

 

shaftes
Mit dem Bus durch die Shaftesbury Road. Viel Platz ist nicht, wir sind mitten in Covent Garden.

 

Nach ziemlich genau 45 Minuten kreiseln wir durch den Piccadilly Circus. Dann kommt schon der Hyde Park und Buckingham Palace in Sichtweite. Rechts das Kaufhaus Havey Nichols, gegenüber der Konkurrent Harrods. Ich weiß gar nicht wo ich zuerst hinsehen soll, aber hier war ich schon oft und kenne mich eigentlich ganz gut aus. Für Neulinge empfiehlt es sich auf der Hinfahrt stur die eine Seite zu betrachten und sich der anderen erst auf der Rückfahrt hinzugeben.

 

eros
Mitten auf dem Piccadilly Circus kreist Eros durch die Luft. Seine Augen sind verbunden, er trifft also blind. Wonach sollte er auch aussuchen? George hatte mich drauf aufmerksam gemacht und ich rätsel noch heute an der versteckten Botschaft.

 

Wir fahren jetzt durch die teure Ecke Londons. Am Sloane Square in London SW1 kann man bei Hugo Boss einkaufen gehen. Oder im auch nicht ganz billigen Colbert einen Kaffee trinken. Der Bus hat sich langsam gut gefüllt, aber ich sitze noch immer erstklassig im Oberdeck, gleich über dem Fahrer. In der King’s Road halten wir direkt vor einem denkmalgeschützen Gebäude, darin das Kaufhaus Peter Jones. Ein langweiliger 60-er Jahre Kasten, mit Glas- und Betonfassade, der mich nicht beeindruckt. Ich weiß aber, dass die Londoner Damen der upperclass hier ihre Töchter zur Heirat einkleiden. Ich vermute mal, von Innen hat das Haus mehr Eleganz zu bieten, sonst kann ich den exquisiten Ruf nicht verstehen. Herausfinden werde ich es sicher nie.

Die King’s Road ist elendig lang und führt uns mitten durch Chelsea. Dann aber, kurz hinter dem Bluebird, einem Einkaufsparadies für superteuere Delikatessen, biegt der Bus links ab, quert die Themse und erreicht die Endstation Parkgate Road in Battersea. Im gleichnamigen Park werde ich mir die Beine vertreten und dann zurück. Noch einmal mit der Line No 19 quer durch London. Eine abwechslungsreiche Strecke, die ich mir auch gerne ein zweites Mal ansehe.

 

  

The boss himself says:

George says: „Several years ago the Bluebird in Chelsea was a petrol station. It was the biggest in Europe, in the centre of the city. Today you can’t find any station in whole London.”

Und ich: “Ob du es glaubst oder nicht, ich habe eine in Islington gesehen. Leider habe ich die Straße vergessen. Am besten fährst du dem Bus hinterher, dann kannst du sie auf der linken Seite gar nicht übersehen.”

 

 

finsbury park
Back home! Finsbury Park Busbahnhof. Der große Doppeldeckerbus in der Mitte war mein Chauffeur durch London. Nach 75 Minuten waren wir wieder zu Hause.

   

 

Was passierte noch am 07. März?

de 1971

Der WDR strahlt die erste Folge der Sendung mit der Maus aus.

uk 2007

The British House of Commons votes to make the upper chamber, the 

House of Lords, 100% elected.