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Gerade kam es im Radio: Theresa May darf den Austritt aus der EU nicht erklären, ohne vorher die Zustimmung des Parlaments eingeholt zu haben. Wow, eine Bombe ist in Westminster eingeschlagen. Ich kann mir gut vorstellen, wie sie alle mit breiten Grinsen durch die Flure eilen. Nicht dass die Parlamentarier schadenfroh wären, das ist dem Englischen Wesen fremd, nein, sie haben seit Monaten zum ersten Mal Spaß am Brexit. Endlich fängt die Sache an einen Unterhaltungswert zu bekommen. Hurra! Und dass sie selbst wie die Idioten dastehen, ist ihnen sonnenklar, mindert aber nicht ihre Freude. 

Das war tricky. Hut ab. Die Premierministerin hat zwar eine zweite Abstimmung im Parlament ausgeschlossen, aber es soll ja auch gar nicht über den Brexit entschieden werden, sondern nur darüber, ob sie denn den Artikel 50 zur Anwendung bringen darf. Ha, ha, ganz England lacht sich schief und in Brüssel sind die Aspirintabletten alle, weil die Köpfe rauchen. 

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Wie geht es weiter? Die Regierung wird Einspruch beim Supreme Court gegen die heutige Entscheidung einlegen. Das oberste Gericht tagt dann am 7. Dezember erneut über die Frage, ob eine Parlamentsabstimmung vor Austrittserklärung nötig ist. Sollte Mrs May dann wieder scheitern, könnte man den Europäischen Gerichtshof um Entscheidung bitten. Das wäre ein Ding. Allerdings ob die dafür überhaupt zuständig sind, weiß man in England nur mit einem Schulterzucken zu beantworten. Die Frage ist zu theoretisch, also langweilig.

Meinen heutigen Beitrag hatte ich vorgestern geschrieben und wollte ihn in der nächsten Woche veröffentlichen. Nun mußte er aus aktuellen Anlass vorgezogen werden. Welche Wette könnte man jetzt abgeben? Es ist sehr viel wahrscheinlicher, dass in 2017 Neuwahlen in UK stattfinden, als dass es zu irgendeiner Brexit Entscheidung kommen wird. Die wird wohl eher, -so oder so-, fallen, wenn King William sein silbernes Thronjubiläum feiert. Aber in einer Sache bin ich mir ganz sicher: Der Engländer wird ab sofort wieder viel Freude verspüren, wenn er morgens in die Zeitung schaut. Selbst George blühte auf, denn für den Insulaner gibt es nichts schöneres als sich über die eigene Dusseligkeit zu amüsieren. Und genau davon handelt auch mein heutiger Beitrag.

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British Humour

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Englischer Humor

Entweder man hat ihn oder man hat ihn nicht. Ich schätze mich glücklich, denn ich habe den Sinn für englischen Humor. Ich wußte das gar nicht, denn vermutlich ist er angeboren und deshalb muß man ihn nicht lernen sondern entdecken. Jedenfalls hat er nichts mit den Kenntnissen der fremden Sprache zu tun, das ist unbedeutend. Der englische Witz funktioniert nicht über das Gehirn, sondern direkt in der Seele. Man “versteht” ihn über den Bauch oder durch das Herz, dort explodiert die Pointe und dann schüttelt es einen tüchtig durch, ob man will oder nicht. Wer den Gag im Gehirn entschlüsselt, betrügt sich um das befreiende Gefühl. 

Hat man einmal diese körperliche Erfahrung gemacht, dann will man mehr davon. Das ist wie mit, na ja, eben anderen angenehmen physischen Erlebnissen. Ich weiß jetzt auch nicht so genau was ich da als Beispiel nennen soll.

Damit alle Engländer regelmäßig ihren ‘Body Shake’ bekommen, beauftragen die großen Zeitungen ihre fähigsten Journalisten mit der Rubrik “Sketche”. Da werden aktuelle Themen, meistens aus der Politik, subjektiv aufbereitet. Mit einer gehörigen Portion Witz wird das Geschehen haarscharf analysiert. Da bleibt bei mir kein Auge trocken. Aber es ist fast unmöglich es jemanden zu übersetzen oder zu erklären. Der Witz liegt ganz oft in einem spontanen, absurden Wortspiel. Ich gebe Ihnen am besten mal ein Beispiel inform einer Foto-Nachricht. Hier wurde ein schottisches Rindvieh fotografiert, das sich von seiner Herde (herd) entfernt hatte und nun frühmorgens durch private Vorgärten spazierte. ‘Herd the news?’ ist inhaltlicher Unsinn. Es klingt aber wie ‘Heard the news?’ und das könnte jetzt sowohl vom Tier als auch vom Polizisten gedacht worden sein. Aber mit der Erklärung habe ich den Witz schon fast kaputt gemacht. 

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Der Witz liegt im Um-die-Ecke-Denken. Entweder man hat’s sofort oder man ist immun.

 

Ein guter joke war deshalb auch der ausführliche Bericht über den Brexit in der Morgenzeitung: ‘Brexit process may be too complicated for British politicians’. Ah prima, dachte ich mir, ein neuer Sketch über die Tagespolitik. Es dauerte ein bißchen, bis ich merkte das es keine ironisch geschriebene Stellungnahme war. Hier wurde ‘bitterernst’ (ha, ha) über den weiteren Ablauf des Austritts berichtet. Englische Wissenschaftler vom renommierten King’s College in London haben sich mit einer Warnung an die Politiker und Öffentlichkeit gewandt. Sie sind zu der Überzeugung gelangt, das die Brexitverhandlungen so komplexer Natur sein werden, dass sie das eher robust gebaute Gehirn des britischen Politikers schlicht überfordern werden. Da laufen dann unvermeidlich die Ganglien heiß. Egal wie sehr man sich auch anstrengt, es kann nix Brauchbares dabei herauskommen. 

Ja würden da jetzt Deutsche am Verhandlungstisch sitzen, dann würde es Sinn machen. Die sind darauf geeicht Abläufe zu analysieren, zu optimieren und das Ganze dann in Stein zu meißeln. George behauptet das wäre meine hauptsächliche Tagesbeschäftigung. Und ich fürchte langsam, er könnte damit sogar recht haben. Ein Deutscher erträgt endlose Sitzungen klaglos, aber für einen Engländer wäre es die Hölle auf Erden. Kann er doch schon in einem kleinen Team Meeting keine zehn Minuten Konzentration aufbringen. Nee, nee, noooo. Brexitverhandlungen sind nix für den Insulaner. Verschenkte Lebenszeit. Professor Monon vom King’s College wählte einen sachlicheren Ton, meinte aber dasselbe, wenn er sagt: “Brexit will test the UK’s contitutional settlement, legal framework, political process and bureaucratic capacities to their limits and possibly beyond.” Also die bürokratischen Grenzen sprengt man schnell, das weiß ich aus erster Hand. Da gibt es fast keinen Spielraum.

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Bevor wir den Brexit verhandeln, würde ich gerne erst einmal einen Witz erzählen. Und meinen Teddy habe ich auch mitgebracht, das stört doch nicht, oder?

Schon die offizielle Austrittserklärung nach Artikel 50, die jetzt übrigens offiziell zum April 2017 angeboten wird, bewertet Professor Manon düster: “Article 50 negotiations will be tricky and hideously technical but that is the easy bit.” Ja, das ist wohl wahr, das ist die niedrigste Hürde. Wie also beurteilt er die eigentlichen Verhandlungen? Auch da nimmt er kein Blatt vor den Mund: “When it comes to the crafting of a future relationship, almost everything is up in the air.” Ein hübsches Bild und ich garantiere Ihnen genauer wird man es auch nicht definieren. Everything is up in the air, damit wird man wohl die Verhandlungspartner begrüßen und klarstellen, dass man eigentlich auch nicht mehr anzubieten hat.

Jetzt werden Sie wohl alle den Kopf schütteln und sich denken die bekloppten Briten. Ja, das stimmt ja auch. Aber mir machen sie trotzdem Freude. Sie haben etwas rührend Naives, wozu eben auch solche Eingeständnisse gehören. Es braucht schon ein gesundes Selbstbewußtsein um aller Welt mitzuteilen: Leute, wir haben keine Ahnung wie es weitergehen soll. Aber vielleicht können wir erst einmal einen guten Witz machen. – Egal was kommt, ich bleibe euch treu.

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Ab wann ist der britische Politiker überfordert? Ja, er denkt irgendwie anders. Zum Glück fühlt er auch anders.

The boss himself says:

 

George says: “Sweetheart, we’re too stupid to be independent. We have to stay together forever. – I shed tears of laughter when I heard the news.”

Ich sage: “Ich ‘fürchte’ genau so wird es kommen? Egal, Hauptsache wir haben Spaß.”

 

Was passierte noch am 4. November?

 

de 1871  Die Hamburg-Südamerikanische Dampfschifffahrtsgesellschaft wird

gegründet. – Die Hamburg-Süd existiert noch heute und ist im Besitz

der Oetker Gruppe. 

uk 1890  

Die City and South London Railway wird eröffnet, eine Vorgängerin der 

heutigen London Underground. – Sie fuhr zwischen London und Stockwell,

und führte im Tunnel unter der Themse hindurch.