99. Tag, Rest: 267 Tage

Jetzt ist es schon fast vier Jahre her, als die Olympischen Sommerspiele in London eröffnet wurden. Damals hatte ich noch gar keinen Draht zu den Engländern und hätte heftig bestritten, jemals meinen Fuß auf die Insel zu setzten. Heute steckt ein Engländer nachts seine Füße unter meine Bettdecke und ich habe das verdammt gerne. So kann man sich in seinen Vorhersagen täuschen. Aber an eines kann ich mich doch noch sehr genau erinnern. Und das war die Eröffnungsfeier der olympischen Spiele in London, die auch im deutschen Fernsehen live übertragen wurde. Es war wohl an einem Samstagabend zur besten Sendezeit. Ich bin kein großer Sportfan und schaue mir solche Zeremonien so gut wie nie an. Auch hier war ich nur mal kurz hineingezappt, wie wir es so weltmännisch auszudrücken wissen, und blieb begeistert hängen. Was für eine Show! Da wurden zwei Stunden lang Pophits live gespielt und gesungen, einer besser als der andere. Da wurde im Stadion die ganze britische Geschichte nachgespielt, Kulissen wie von Zauberhand geformt, alles perfekt aufeinander abgestimmt und immer mit viel Witz und Ironie gewürzt. Leider hatte ich es nicht aufgezeichnet und freue mich deshalb umso mehr jetzt endlich eine DVD davon gekauft zu haben. Das ist noch immer Entertainment vom Feinsten.

osterei
Englischer Humor: Man warb für die Olympischen Spiele mit einer Snookerkugel in der Form eines Eies. Hintersinnig. Dabei ist Snooker gar keine olympische Sportart. Aber vielleicht Billard?

Falls Sie interessiert sind, versuchen Sie lieber keinen Mittschnitt vom ZDF zu bekommen. Man will dafür 80 Euro haben. Die englische DVD kostet um die 3 Euro und wird von amazon inklusive Porto für rund 6 Euro ins Haus geliefert. Der englische Kommentar ist erstens gut für den Ausbau der Sprachkenntnisse und zweitens deutlich knapper als die deutsche Sprachfassung. Da wird mit teutonischer Genauigkeit so gut wie alles in Grund und Boden gequatscht. Man scheint nicht zu bemerken, das es visuelle Dinge gibt, die auch ohne Worte auskommen.

ringe
Das Raumschiff landet, die Spiele können beginnen. Erinnern Sie sich noch? Beste Unterhaltung, die ich mir gerne noch einmal auf DVD ansehe.

Das Spektakel begann mit einem wahren Paukenschlag, eh Glockenschlag, um genau zu sein. Man hatte extra für die Spiele eine riesige Olympiaglocke anfertigen lassen. Von Engländern gegossen, aber in Holland durchgeführt. Es soll sogar weltweit die größte ihrer Art sein, jedenfalls die größte, die noch einen harmonischen Klang produziert. Ich hätte auf den dicken Peter in Rom getippt, aber die Ehre gilt wohl der Londoner Glocke. Der Klöppel alleine wiegt 448lb, das entspricht gut 200kg. Und das ganze Ding bringt mehr als 13 Tonnen auf die Waage. 

feier

An dieser Stelle muß ich erwähnen, das die Engländer ein besonderes Verhältnis zu Glocken haben. Überall gibt es “Glöckner” (bell-ringer), also Personen die das Läuten einer Kirchenglocke zum Sport gemacht haben. Man trägt landesweit Wettbewerbe aus, wer am lautesten und präzisesten den Klöppel schwingen lassen kann. Das muß man wissen, um die Aufregung zu verstehen, die jetzt um die Olymipia Glocke losgetreten wurde. Wer es nur sachlich betrachtet, könnte schnell auf die Idee kommen einmal nachzufragen, wieviel denn das Material wert sein mag? Und dann ab damit in den Hochofen. Aber so einfach macht man es sich nicht. Was also tun?

reiten

George hat versucht mir die Kunst des sehr speziellen englischen Glockenläutens zu erklären; ich habe es nur ansatzweise verstanden. Auf jeden Fall machen die Engländer es anders als der Rest der Welt. Unsere Kirchenglocken spielen jede für sich ihre Melodie von vorne bis hinten durch. In England werden die Glocken immer wechselweise angeschlagen; eine fängt das Lied an, dann übernimmt die nächste und gibt wieder weiter. Ein kunstvolles Tonmuster, ähnlich wie ein Strickmuster entsteht und lässt dann tatsächlich eine ganz andere und sehr beeindruckende Geräuschkulisse entstehen, die ich schon bei Hochzeiten in England hören konnte und wo mir der Unterschied durchaus auffiel. In Deutschland werden Kirchenglocken von einem Computerprogramm gesteuert. Ihr Schwingen wird automatisch in Gang gesetzt. In England braucht man Menschen, die die Glocken per Seil bedienen. Da stehen dann vier, fünf oder sechs bell ringers beieinander und übergeben ganz genau die Melodie von einem zum anderen. Das passiert oft spontan, also improvisiert. Übrigens nicht nur eine musikalische Herausforderung, sondern auch ein körperlicher Kraftakt, der aber sowohl von Frauen und Männern, als auch jungen und alten Menschen gemeinsam gemeistert wird.

runner
Gerne wäre ich unter den Zuschauern gewesen. Dabei interessiert mich Sport eigentlich wenig. Aber diese Londoner Olympiade hat bei mir einen Nerv getroffen.

Die allermeisten bell-ringers bleiben ihrem Hobby ein Leben lang treu. Es mangelt nicht an Nachwuchs. Da stehen oft mehrere Generationen zusammen und machen Musik mit tonnenschweren Kirchenglocken. Faszinierend, oder? Was passierte nun aber mit der Olympischen Glocke, die starr und ganz alleine aufgehängt war? Man hat sich übrigens von den Berliner Spielen leiten lassen (erstaunlich), auch damals nutze man eine Glocke im Stadion. Als sie das letzte Mal geschlagen wurde, also die Londoner, spielte sie eine Melodie die jeder Engländer mit einem Satz von Shakespeare verbindet: Be not afeared: the isle is full of noises. Diese Zeile aus The Tempest ist auch noch einmal in den metallenen Mantel eingraviert. Und das war wohl recht vorausschauend. Denn wann immer man die Glocke in den folgenden Jahren zu ganz besonderen Anlässen zum Klingen brachte, beschwerten sich Anwohner massiv. Der Klang ist einfach zu laut, das hält kein Mensch aus. Es sei denn einige zehntausend Sportfans jubeln zeitgleich in der Arena, das verdünnt wohl die Schallwellen ein wenig. Nun also das Aus. Die Glocke bleibt zwar wo sie ist, aber man hat den Klöppel entfernt. Irgendwie eine traurige Sache und ich verkneife mir jede bildhafte Analogie.

final
Die Schlussfeier. Gigantisch und trotzdem durch und durch voller Herzblut. Mir gefällt dieser Patriotismus und erwische mich immer öfter aus voller Kehle mitzusingen.

The boss himself says:

George says: “The olympic bell has the lowest tone in the world that can be heard for miles around. It can disturb nearby residents. My ears nearly fell off.” 

Und ich: “Und jetzt rostet die da still vor sich hin? Es muß doch eine bessere Idee für ihre Verwendung geben?

Was passierte noch am 08. April?

de 2005 Ich finde an diesem Tag nichts erwähenswertes, das in Deutschland passiert ist.

Falls Sie also Großes planen, wäre heute in gutes Datum dafür. Toi, toi, toi.

uk 2013 Margaret Thatcher, English lawyer and politician, Prime Minister. – Was gerne 

unterschlagen wird: sie hatte ein abgeschlossenes Chemiestudium. War da nicht

noch eine andere ‘eiserne Lady’, die vom Labor ins Parlament wechselte?