129. Tag, Rest: 237 Tage

Als ich durch die schmale Tür auf die Besuchergallerie des Houses of Commens trat, stieg mein Puls fühlbar an. Da also lag der weltberühmte Raum vor mir. Es war genauso wie ich es schon viele Male im Fernsehen gesehen hatte. Die langen Bänke der Abgeordneten, sie selbst sitzen dichtgedrängt Seite an Seite, mir genau gegenüber sitzt der Speaker John Bercow und links unten, in der Mitte des langen Saales ist der Platz des Premierministers. Daneben seine Kabinettskollegen. Auch sie müssen auf Tuchfühlung zusammenrücken um Platz zu finden. Der Saal ist kleiner als er sein müßte. Man nimmt es ganz bewußt in Kauf weniger Plätze anzubieten, als die gewählten Abgeordneten bräuchten. Dadurch entsteht immer eine ganz intensive Atmosphäre, die eher an eine aufgeregte Menschenmenge erinnert, als an ein Parlament wie wir es gewohnt sind. Etliche Politiker stehen an der schmalen Seite im Eingangsbereich, weil alle Bänke längst gefüllt sind. Die kann ich aber nicht sehen, denn sie sind genau unter der Public Gallery auf der ich sitze. 

 

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Genau hier drüber ist die Besuchertribühne. Links sitzt der Premier mit seiner Mannschaft, im Hintergrund thront mittig der Speaker.

 

Erst einmal bin ich etwas enttäuscht, denn die gesamte Gallerie ist nach vorne mit einer dicken Glasscheibe verschlossen. Die lebhafte Debatte, mit provokanten Zwischenrufen, wird über einen Lautsprecher übertragen. Aber anders geht es natürlich nicht. Wir sitzen hier unmittelbar über den Volksvertretern, zum Greifen nahe, und könnten mit einer Bombe den ganzen Saal sprengen. Gut, solche Dinge werden hoffentlich schon im Scanner entdeckt, aber die Versuchung ist groß ein Ei oder eine Tomate zu werfen und das Ziel wahrscheinlich sogar zu treffen. 

Das englische Parlament ist meilenweit von der deutschen Debattierwut entfernt. Statt einer langatmigen Phrasendrescherei oder das Verschiessen von leeren Worthülsen, also Platzpatronen, entfaltet sich hier lebendige Streitkultur vom Feinsten. Zu gerne wäre ich am Mittwoch dabei, wenn der Premierminister sich wöchentlich den Fragen der Opposition stellen muß. Genau fünf Fragen dürfen ihm zur aktuellen Situation gestellt werden, ein Privileg des Oppositionsführers, der das öffentliche “Grillen” genüßlich zelebriert. Anträge oder Anfragen kann man schriftlich jederzeit stellen, aber Mittwochs werden fünf Fragen live zur sofortigen Antwort gestellt und die sind nicht vorher eingereicht worden. Das ist ein rhetorischer Schlagabtausch, wie die älteren Blogleser ihn vielleicht noch in den Anfängen der Bundesrepublik in Bonn erleben durften. 

Im Saal ist inzwischen ein solcher Lärm ausgebrochen, “Hear! Hear! Order!”, dass ich kein Wort mehr verstehen kann. Wann immer ein Abgeordneter aufsteht und etwas zur Debatte beitragen will, lehnen sich die anderen ganz entspannt in die Lederbank zurück. Sie strecken die Füße vor und legen den Kopf weit in den Nacken. Sie machen es so regelmäßig, dass es mir deutlich auffällt, aber ich kann mir keinen Reim darauf machen. Sind sie müde? Ist es eine Geste der Misbilligung, ‘schau her, ich schlaf’ gleich ein’, oder was soll es sonst bedeuten. Erst viel später werde ich belehrt. Den Frauen und Männern ging es genau wie mir. In dem Lärm verstehen sie das eigene Wort nicht mehr! Weil aber im oberen Rückenteil der Bänke kleine Lautsprecher eingebaut sind, versuchen sie mit den Ohren so nahe wie möglich an die Kante zu kommen. Nur deshalb recken sie sich regelmäßig in den Sitz.

Nach einer guten Stunde bin ich mit meinem Besuch im House of Commons durch. Jetzt noch schnell einen Abstecher ins Café und in den hauseigenen Souvenirladen. Da gibt es Bücher, Mugs (Trinkbecher), DVD’s und Spielzeug aller Art. Mein Favourit ist der kleine Bausatz, mit dem ich die Bänke der Parlamentarier zu Hause nachbauen kann. Das Ding will ich haben. – Ganz exklusiv ist natürlich ein Besuch bei den Lords. Ja, auch das geht. Sie haben ebenfalls eine Public Gallery. Im House of Lords sind die Bänke mit roten Leder bezogen; entsprechend sind die Tickets ebenfalls rot. Aber man merkt schon vorher in welche Richtung man sich bewegt. Es ist alles etwas prachtvoller gestaltet. Überall verziert Blattgold die Wände, die Mosaiken sind aufwendiger und Türgriffe scheinen mir massiver zu sein. Leider kann der Tourist keine Karten für das House of Lords bekommen. Man muß in England leben und wahlberechtigt sein. Dann kann man seinen Abgeordneten anschreiben und wenn man ihm seine lebenslange Wiederwahl vorlügt, wird er in drei- bis vier Monaten mit einer Einladung antworten. Hat man das Glück den Abgeordneten regelmäßig abends im Pub zu treffen, geht es schneller. Und dann darf der Engländer auch seine deutsche Freundin mitnehmen. Aber das ist inoffiziell und Sie haben es nicht von mir!

 

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House of Commens in the box. Den Bausatz aus Holz gibt es im Shop vor Ort zu kaufen.

 

Beispiel für die Opening Hours im House of Commons. Es gibt immer Abweichungen, deshalb vorher nachfragen!

2.30 PM to 10.30 PM (Mon)

11.30 AM to 7.30 PM (Tue, Wed)

9.30 AM to 5.30 PM (Thu)

9.30 AM to 3 PM (Fri)

Und das Beste: der Eintritt zur Public Gallery ist kostenfrei! Das gilt aber nicht für Führungen.

 

 

The boss himself says:

George says: “Well, you can go to Westminster and stroll into St Stephen’s Hall. It’s the waiting room for the gallery. You’ll wait 5 minutes to 2 hours. Meanwhile you write down name and address on a card and take off all metallic or electronic objects. But there’s a way much easier. Join Parlaments TV.

 

Super Hinweis! Ja, man kann live am Bildschirm die Debatten verfolgen. Oder, wenn nix los ist, den Service Leuten beim Staubwischen zusehen. Auf jeden Fall bekommt man einen guten Eindruck vom Geschehen:

 

Live im House of Commons

 

 

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