314. Tag, Rest: 52 Tage 

Was lange währt, wird endlich gut. Das zitiere nicht ich, sondern es kam George über die Lippen: “All good things are worth waiting for”. Und damit meinte er das neue Konzerthaus in Hamburg, die Elbphilharmonie, die endlich ihre Tore für die Besucher öffnen konnte. Zwar wird erst im Januar das Eröffnungskonzert stattfinden, aber das Gebäude ist jetzt schon für alle zugänglich und es ist beeindruckend schön und elegant geworden.

 

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Freitag, der 04. November 2016: Hamburg feiert die Eröffnung seiner Elbphilharmonie.

 

Die Elfi, wie die Hamburger ihren Musiktempel nennen, ist kein Hochhaus. Statt Höhe, mehr Masse. Schlicht und bodenständig passt es gut zu den Speichern, die gleich daneben stehen. Die öffentlich zugängige Plaza, eine Aussichtsterrasse, liegt man gerade 35 Meter über der Elbe und bietet doch einen gigantischen Ausblick über die Hafenstadt. Das Dach ist wie eine Bugwelle geformt und schwingt sich von 80 auf 110 Meter Höhe. Damit bleibt man unter der Turmspitze des Michels, so gehört es sich auch. Die Fassade ist hanseatisch gediegen, jedenfalls im unteren Teil, der ganz aus Backstein besteht. Oben dann Glas, das einen zweiten Blick wert ist. Die vielen kleinen Scheiben sind alle unterschiedlich gewölbt und reflektieren das Licht immer wieder neu. So sieht die Elfi ständig anders aus und ist die perfekte Antwort zum lebendig an ihr vorbeifließenden Elbstrom.

Der rote Backsteinsockel, einige Etagen hoch, ist eigentlich nicht viel mehr, als eine große Garage. Der Besucher der zu Fuß kommt, überwindet den Teil auf einer gigantischen Rolltreppe. Unendlich lang und in sich gewölbt. Man kann nicht sehen wohin man fährt. Sehr aufregend, sehr gelungen. Die Treppe heißt zu meiner großen Freude schon jetzt ‘The Tube’.

 

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Die Rolltreppe ist ein Erlebnis, sie führt vom Eingang direkt zur grossen Treppe, die in den Konzertsaal führt. Die Fahrt soll über zwei Minuten dauern.

 

Im Zentrum des Gebäudes ist der Große Konzertsaal untergebracht. Er füllt bereits im Garagendeck die Mitte des Hauses und ragt bis fast unter das Dach; er liegt wirklich im Herzen der Philharmonie. In den oberen Etagen werden die ‘Ecken’ von einem Hotel bzw. von privaten Wohnungen ausgefüllt. Im Januar wird dann das lang ersehnte Eröffnungskonzert stattfinden. Bis dahin bleibt der Große Saal für die Öffentlichkeit verschlossen. Aber schon heute sagen alle Musiker, die dort täglich proben, dass sie tief beeindruckt wären. Die Akkustik soll himmlischer Natur sein. Da hat sich Hamburg wohl ein Meisterwerk gebaut. Wird auch Zeit, denn die alte Musikhalle, ist räumlich und akkustisch eher klein. Dasselbe kann man von der Oper sagen.

 

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Bis zum Fuß der Treppe zum Konzertsaal kann man jetzt schon kommen. Aber der Saal selbst ist nur als Foto zu sehen. Ich bin sehr gespannt, das Orchester scheint in der Mitte zu spielen, und das erinnert mich natürlich sofort an die Royal Albert Hall.

 

Die Londoner lieben Musik und leisten sich neben der Royal Opera in Covent Garden viele Konzertsäle. Es gibt etliche Bühnen, auch sehr große, die sich für Musik aller Art eignen. Trotzdem wollte man sich etwas Neues leisten. Es sollte nicht weniger sein, als ‘ein Konzerthaus der Spitzenklasse’. “London as world music centre”, so schwärmte Sir Simon Rattle, der Direktor des London Symphony Orchestra. Vor etwa einem Jahr, noch unter Leitung des damaligen Mayor Boris Johnson, wurden die Pläne konkret. Das neue Centre for Music sollte am London Wall gebaut werden. Noch steht dort das Museum of London, aber das plant einen Umzug nach West Smithfield. Damit wäre man nur wenige Gehminuten von der St Paul’s Cathedral entfernt gewesen. Ein idealer Platz für eine große Konzerthalle. 

 

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Das Barbican Centre ist ein weitläufiger Gebäudekomplex mit großen Theater und Konzertsaal. Während des Krieges wurde diese Gegend, nördlich von St Paul’s, schwer bombardiert. Es stand fast kein Haus mehr und dann hat man in den siebziger Jahren den ganzen Stadtteil neu geplant. Schwerpunkt: Musik und Theater. Und Heimat des London Symphony Orchestra.

 

Jetzt aber hat Theresa May den Rotstift angesetzt und das Projekt ‘Music Center’ quasi beerdigt. Wie so oft, war die Finanzierung über Spendengelder geplant gewesen. Aber die Premierministerin hat die Unterstützung abgesagt und damit fehlt der wichtigste Supporter. Verständlich, dass die Regierung sich momentan um andere Baustellen kümmern will und muß. Und der Regierungssprecher, der die schlechte Nachricht verkünden mußte, hatte gute Argumente parat: “London is already home to world-class culture and music venues, from the iconic Royal Albert Hall to the Barbican Hall and the Royal Festival Hall at the Southbank Centre.” Das ist wohl wahr. Und wenn die Londoner dann doch einmal etwas ganz Besonderes erleben wollen, dann sind sie herzlich nach Hamburg eingeladen. Kaum wurde die Elbphilharmonie eröffnet, da finde ich auch schon (erstmals!) eine Anzeige in einer Londoner Zeitung: ‘European cities and fairytales cruise’ und darüber ein Foto vom Hamburger Rathaus, dahinter die Binnen- und Außenalster! Ich konnte es gar nicht glauben, aber endlich wird meine Heimatstadt in London wahrgenommen. Und das hat mich richtig gefreut und ein ganz kleines bißchen stolz gemacht.

 

hamburg
Nanu, das ist doch Hamburg?!? Mit diesem Foto wird in England für einen Urlaub in den schönsten Europäischen Städten geworben. Und die haben nicht retouschiert, so sieht es an der gestauten Alster aus, die in Hamburgs Zentrum liegt. – Gut auch, dass Hamburg sich zum Kreuzfahrthafen gemausert hat. Das wird wahrgenommen und die Nachfrage steigt.

 

  

The boss himself says:

 

George says: “Elphie is Hamburg’s dazzling, costly castle in the air. The ‘white skin’ looks not-human, more pachydermic (dickhäutig), dinosaurian or alien, or rather, as it’s hard, like moon rock.”

Ich sage: “Ja die weisse Haut an den Wänden im Grossen Konzertsaal, ist eine der vielen Überraschungen. Sie soll die einmalige Akustik befördern. Mir gefällt besonders, das dieses Schmuckstück von Konzerthalle keinerlei Protzigkeit zeigt. Wer Qualität erkennt, findet sie hier in jedem Detail.

 

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Jede Menge Überraschungen: Die ‘weisse Haut’, die für eine einmalige Akustik sorgen wird und die Schilder, die dezent auf Abendkleidung hinweisen. Gut so.

 

 

 

Was passierte noch am 9. November?

 

de 1843

Das Thalia Theater, Hamburgs ältestes Theater, wird gegründet. – Der Patenonkel

meiner Schwester gehörte lange Jahre zum Ensemble.

uk

1991

In der Forschungsanlage Joint European Torus (Culham, England) wird der erste

nennenswerte Erfolg bei der Energieerzeugung mittels Kernfusion erzielt. Für zwei

Sekunden wird ein energielieferndes Plasma hergestellt. – Die UK Wissenschaftler

sind ganz schön schlau. Regelmäßig holen sie sich den Nobelpreis in Stockholm ab.