214. Tag, Rest: 152 Tage 

Umzug nach Südlondon? Never! Only over my dead body. Für George, der im Norden der Stadt wohnt und arbeitet ist ein Wechsel in den Süden undenkbar. Von den Southbanklern hört man ganz ähnliche Ansichten über den Norden der Stadt. Jeder ist stolz auf das ganze London aber dass der liebe Gott die Themse mittig hindurch fließen lässt, hat ganz gewiß einen tieferen Sinn. Und deshalb ist es eben nicht egal, wo man zuhause ist. Früher, als es noch kein Themsesperrwerk gab, überflutete die City regelmäßig bei außergewöhnlichen Hochwasser. Die Bewohner am nördlichen Ufer wurden frühzeitig gewarnt. So konnten sie ihr Hab und Gut in Sicherheit bringen. Der Süden merkte die Gefahrenlage erst, wenn das Wasser ins Haus schwappte. Irgendwie kenne ich das alles auch aus Hamburg: Die Sturmfluten und die tiefe emotionale Zugehörigkeit zum Norden oder Süden der Stadt. Die wird über Generationen vererbt und wenn einer dann doch den Weg über den Fluß nimmt, gehört er eigentlich nicht mehr zur Sippe. Auch wenn es natürlich nicht gleich die Fahrt über den Styx ist. Aber es fehlt nicht viel.

 

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Wir machen einen Spaziergang am Themseufer und beginnen in Vauxhall.

 

Noch eine Parallele der beiden Städte ist für diesen Beitrag wichtig. Der südliche Teil war immer Hafengebiet. Dort waren die Werften und Kaianlagen. Und dort lebten die Arbeiter, es waren Hunderttausende. Mit Einführung des Containers, änderte sich diese Welt in den siebziger Jahren schlagartig. Heute fahren sieben Leute einen Ozeanriesen sicher über die Meere und das Be- und Entladen wird von vollautomatischen Kränen binnen Stunden erledigt. Weite Hafenflächen und ganze Speicherviertel wurden auf einmal Brachland. Hamburg fand eine neue Nutzung: Riesige Containerterminals und die Werkshallen von Airbus, inklusive Flughafen, fanden hier einen Standort. London lagerte die Hafenaktivitäten zwangsläufig aus, sie mußten vor dem Themsesperrwerk angesiedelt werden. Nur der City Airport wurde tatsächlich auf ein zugeschüttetes Hafenbecken gebaut. Gleich neben dem riesigen Messegelände “ExCel”. Aber beides liegt am Nordufer der Themse, denn dort kommen die Besucher viel bequemer hin. 

 

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London City Airport in den Docklands. Er hat eine kurze Landebahn und ist nur für kleinere Maschinen geeignet. Liegt aber zentraler als alle anderen.

 

Langsam aber bekommt der verwaiste Süden auch in London ein neues Gesicht. Noch sieht man überall die alten, ärmlichen Wohnblocks stehen. Dazwischen gigantische Bahnhöfe wie Waterloo, die den Dreck eines Jahrhunderts ungeniert zeigen. Aber auch ganz neue Häuser sind entstanden. Sehr schicke Wohnungen, hoch über der Themse, mit einem traumhaften Blick über Westminster und City. Längst hat sich eine allabendliche Partyszene in Southwark und Lambeth etabliert. Nicht gerade unsere Altersklasse, aber der junge, erfolgreiche Londoner, der tagsüber im Bankenviertel arbeitet, rockt hier in die Nacht hinein. Ich will mir das Südufer der Themse mal näher ansehen und George muß mit. Schnell habe ich ihn überredet, denn eines seiner Lieblingspubs, das Pineapple liegt in Southwark. Dort wird Sky Sports, Real Ale und Pool Billard geboten. Unwiderstehlich. Aber erst einmal werden wir uns auf den Weg machen, auf den Thames Walk.

 

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Ist das jetzt Kunst am Bau oder hat man einfach die Brücke nicht zu Ende gebaut? Das imposante Gebäude ist der Overground Bahnhof in Vauxhall.

 

Irgendwo in den Cotswolds liegt die Quelle der Themse und die Mündung ist hoffentlich jedem bekannt. Jawohl, Nordsee. Auf der gesamten Länge, ungefähr 350 km, führt ein Wanderweg immer am südlichen Ufer entlang. Es ist ein alter Treidelpfad. Dieser Weg ist ein Geheimtipp für jeden London Urlauber. Denn er führt auch durch die gesamte Stadt und von der Südseite haben Sie den allerbesten Blick auf alle architektonischen Schönheiten Londons. Dazu kommt, dass das Südufer viel weniger überlaufen ist, als das nördliche Embankment. Wir starten unsere Tour am Bahnhof Vauxhall und sind schon bald darauf an der St George Wharf. Das ist kein ehemaliger Anlegeplatz für vollbeladene Segelschiffe. Nein, dieser Ort ist ziemlich modern. Hier wurde eine Wohnanlage gebaut, mit Hochhäusern und einem spektakulären Turm, kurz The Tower genannt. Bitte nicht verwechseln. Londoner vergeben Namen gerne mehrfach. In den luxoriösen Bauten werden Wohnungen zum Kauf aber auch zur Miete angeboten. Das ist in London eher die Ausnahme. Ich will es mir mal ansehen, obwohl George nicht viel davon hält. “Much too expensive for you.” Woher will er das wissen?

 

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Moderne Wohnungen auf der St George Wharf. Der Tower und fünf Hochhäuser bilden den Komplex am Südufer der Themse, in Vauxhall. Im Vordergrund die Vauxhall Bridge.

 

Natürlich habe ich vorher einen Prospekt angefordert und finde an den 2-Zimmer Appartements gefallen. Okay, die Küche ist wieder nur eine Einbauwand im Wohnzimmer und ins Schlafzimmer passt man gerade das schmale englische Doppelbett, aber die Lage, die ist schon verdammt gut. Und wenn man dann in einem oberen Geschoss einziehen kann, dann hat man doch wirklich eine Bilderbuchaussicht auf die Stadt. Das ist doch perfekt für eine Zweitwohnung. George winkt ab, “too expensive for you”. Wieso denn? Ich krame mein Exposé aus der Tasche und lese noch einmal nach. Hier, bitte: Two double bedroom, £695. Gut, das wird netto sein, da kommen noch Nebenkosten dazu, aber man kann ja auch … George zieht eine Augenbraue hoch und raunt mir zu: It’s the price for a week, not month.

Touränderung: Erst einmal ins Pineapple. Und dann mal sehn. – Fortsetzung folgt garantiert.

 

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Aus der Traum. Trotz Brexit ist die Miete ein bißchen zu teuer. Pro Monat wären 3.527,50 Euro fällig gewesen. Natürlich ohne Heizung und Hausmeisterkosten. – Was soll’s, wer will schon im Süden Londons wohnen?

 

 

 

The boss himself says:

George says: “The dramatic solar panel roof of Vauxhall station looks like a ski slope. It’s 200-metre long and 12 metre-wide. It’s built from stainless steel and the cost were £4 million. It’s a significant landmark at this busy place.”

Ich sage: Egal ob es mir nun gefällt oder nicht, -und es ist beeindruckend-, eines fällt mir immer wieder auf. Die Londoner sind nicht geizig bei ihren Bauprojekten. Auch und gerade Bahnhöfe werden von erstklassigen Architekten entworfen und die dürfen da richtig viel Geld ausgeben. Ich finde das eigentlich ganz gut, denn auch Zweckbauten dürfen anspruchsvoll gestaltet sein. Es tut dem Menschen immer gut, wenn er von Schönheit umgeben ist.

 

  

  

 

Was passierte noch am 01. August?

de 1778

In Hamburg eröffnet die erste Sparkasse in Europa. Die Patriotische Gesellschaft

gründet eine „Allgemeine Versorgungsanstalt“, die auch eine so genannte

„Ersparungsklasse“ betreibt.

uk 1740

Das Lied Rule, Britannia! wird erstmals auf dem Landsitz des Prince of Wales, 

Friedrich Ludwig von Hannover, aufgeführt. – Heute so ‘frisch’ wie damals. Und

hochaktuell: Rule, Britannia! Britannia rule the waves! Britons never will be slaves.