101. Tag, Rest: 265 Tage

Der berühmteste Schriftsteller Englands, der möglicherweise keines seiner Werke selbst geschrieben hat, ist William Shakespeare. Vielleicht vergleichbar mit “unserem” Goethe? Jein, denn Shakespeare kam rund zweihundert Jahre früher zur Welt und damit liegen nicht nur Jahrhunderte sondern auch Welten zwischen den beiden Dichtern. Der Engländer kam im April 1564 in Stratford-upon-Avon zur Welt. Wahrscheinlich am 26. des Monats, jedenfalls wurde er an dem Tag getauft. Weil die Menschen vom Fegefeuer überzeugt waren, haben sie ihre Neugeborenen sofort in die Kirche getragen und um die Aufnahme in die Glaubensgemeinschaft gebeten. Gerade in der kalten Jahreszeit war der Weg dorthin wohl der erste Überlebenstest für den kleinen Erdenbürger. Shakespeare hat es heil überstanden und wurde immerhin 52 Jahre alt. Am 23. April bzw. am 3. Mai 1616 starb er in seiner Geburtsstadt, die er bis auf wenige Jahre nie verlassen hat. Es gibt eine Zeitspanne, die als die “verlorenen Jahre” bezeichnet wird, in der man den Aufenthalt des Mannes nicht belegen kann, aber in London vermutet. Warum gebe ich zwei Daten für seinen Todestag an? Ganz einfach, während Shakespeares Lebzeiten hat der Papst in Rom die Einführung des gregorianischen Kalenders verordnet. Tatsächlich wurde die julianische Zeitrechnung in England erst um 1750 abgeschafft, aber nach dem aktuell gültigen Kalender, müssen wir den Todestag des Dichters auf den dritten Mai datieren.

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In diesem Haus lebte Dr. John Hall, der Schwiegersohn von Shakespeare. Man kann es in Stratford besichtigen. Vieles stammt tatsächlich noch aus dem 16. Jahrhundert. Beachtlich. Meine Möbel geben früher den Geist auf.

Den Engländern ist es recht, so können sie gleich mehrere Tage lang ihrem Nationalhelden gedenken, denn sein Todestag jährt sich zum 400-sten Mal. Grund genug in diesem Jahr noch öfter seine Werke auf die Bühne zu bringen oder mit prominenten Schauspielern zu verfilmen; z.B. mit Benedict Cumberbatch, den wir als Sherlock kennen. Die BBC produziert munter neue Reportagen über Williams Leben und weil noch immer so viel Geheimnisvolles damit verbunden ist, kann man leicht eine spannende Story stricken. Gerade wurde bekannt, dass im Grab des Dichters wohl ein fremder Schädel eingeschmuggelt wurde. Die Gebeine sollen authentisch sein, der Kopf ist es nicht. 

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Stratford-upon-Avon liegt nahe Birmingham, in der Grafschaft Warwickshire

Eine sehr beliebte TV-Serie im Englischen Fernsehen heißt Countryfile. Sie machen Reportagen über alles was der Engländer liebt: Landleben, Tiere, Natur. Natürlich liess man sich die Gelegenheit nicht entgehen. Eine Extrafolge für Shakespeare war beschlossene Sache. Wie bekommt man den Dichter thematisch in die Sendung? Nun sehr einfach, seine Familie handelte mit Wolle. Wunderbar, dachten sich die Moderatoren, da fahren wir nach Stratford, besorgen uns eine urige Schafherde und machen authentische Bilder vor Ort. Als sich dann auch noch eine Sheep Street gleich neben dem Geburtshaus fand, war die perfekte Kulisse gefunden. 

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Urige Schafe aus dem Naturparadies Cotswalds wurden nach Stratford zum Filmen eingeladen. Sie nahmen die Gelegenheit wahr und drehten richtig auf.

Die Sheep Street ist ein nette High Street mit vielen kleinen Läden und netten Pubs. Man hatte die Inhaber informiert, dass man während der Dreharbeiten die Strasse für den Autoverkehr sperren wird, damit ja nichts schief geht. Man befürchtete dass die tierischen Hauptdarsteller, mit dem Verkehr nicht gut vertraut waren. Und damit lag man richtig, allerdings waren die knuffigen Blöker auch nicht an Menschenmassen gewöhnt. Es kam, wie es kommen mußte. Die Schafe hielten sich nicht ans Drehbuch. Stattdessen improvisierten sie auf Deubel komm raus. Zwei Lämmer flüchteten ins beste und teuerste Restaurant. Dort verkrochen sie sich unter einen der bereits eingedeckten Tische und weigerten sich den Platz wieder zu verlassen. Ein ausgewachsener Bock ging zum Angriff über. Er senkte den Kopf und sprang dem Aufnahmeleiter frontal an. Der glaubte gegen eine Betonwand geprallt zu sein. Zuschauer, Schäfer und TV-Team hatten alle Hände voll zu tun. Wie sollte man die wilde Bande bloß bändigen? Schließlich brach die ganze Herde aus, raste Richtung Fluß und war kurz davor sich todesmutig in den Avon zu stürzen. Womit das berühmte Gewässer immerhin auch in den Film eingebunden war. Nun mußten die beiden Hunde eingreifen. Zum Glück hatte der Schäfer sie mitgebracht. Die sheepdogs konnten die Tiere vom gemeinsamen Baden gerade noch abhalten. Ein Lamm, das ausrutsche und kopfüber in den Bach stürzte, wurde beherzt vom Schäfer an beiden Ohren gepackt. Triefnass zog er es aus dem Wasser; gerettet! Kurzum, es war eine Riesen-Show. Die Zuschauer hatten viel Spaß und die BBC hat versprochen den völlig mißlungenen Dreh ungeschnitten zu zeigen. 

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The Lambs, the smartest restaurant in town. Übrigens auch hier ein schönes Beispiel wie die Engländer die Straßen nutzen; alle Informationen werden großformatig drauf gepinselt.

Einige Kommentare der Anwohner habe ich behalten. So sagte Emma Anderson, eine Ladeninhaberin, nach dem Dreh: “It was very entertaining, particulary when two of the little beauties decided to run up the side of Lambs restaurant and the production team ran after them.” Man beachte, wo der Deutsche von Viechern spricht, denkt der Engländer an “beauties”. Ganz egal, was sie gerade angestellt haben. Ein anderer kommentierte: “It all looked a bit chaotic and quite funny.” Die BBC sprach von “… the flock of sheep were independently minded.” Auch ein Formulierung, die ich bestimmt noch gebrauchen kann, also merke ich sie mir. – Wer BBC empfangen kann, sollte am 24th of April auf die Sendung achten. Ich glaube das wird ein großer Erfolg. Kann allerdings sein, dass Shakespeare dabei etwas untergeht.

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The boss himself says:

George says: “Are you sure the two sheeps disappeared in a restaurant named ‘Lambs’ That’s funny.” 

Und ich: “Ja, der völlig entnervte Bürgermeister wurde direkt vor dem schönen, alten Fachwerkbau interviewt. Er sprach vom “town’s smartes restaurant” und wischte sich den Angstschweiß von der Stirn. Ich weiß gar nicht wer breiter grinste, die Schafe oder die Zuschauer?

Was passierte noch am 10. April?

de 1963 In Deutschland ist an diesem Tag nix passiert, also darf UK zweimal punkten:

Winston Churchill erhält als erster Ausländer die US-amerikanische

Ehrenstaatsbürgerschaft. (Ob es ihn gefreut hat?)

uk 2000 Angela Merkel wird zur Bundesvorsitzenden der CDU gewählt. Ob man sie mag

oder nicht, muß man ihre Erfolgsgeschichte anerkennen. Ziemlich einmalig.