102. Tag, Rest: 264 Tage

Heute geht es um die Kurzstrecke, die der Engländer short-haul route nennt. Allerdings ist nicht die Aschenbahn gemeint, sondern das underground network. Die kürzeste Londoner U-Bahnstrecke ist keine zweieinhalb Kilometer lang. Die Fahrtzeit beträgt vier Minuten. In der rush hour sind die Züge brechend voll, obwohl sie im Minutentakt fahren. Besser sollte ich sagen pendeln, denn die Waterloo & City line besteht aus zwei Bahnhöfen: Waterloo und Bank. Die Strecke wird von den Pendlern aus dem Süden Londons genutzt. Schneller können sie ihren Arbeitsplatz in der City of London nicht erreichen. Mit dem Auto bräuchte man mindestens 40 Minuten und ist man endlich da, weiß man nicht wohin damit.

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Die Waterloo & City line braucht 4 Minuten von Waterloo Station in die City. Zu Fuß schafft man die knapp 2,5 km in einer halben Stunde. Am besten geht man über die Milleniums Bridge, dann hat man auch noch einen herrlichen Rundblick.

Als Besucher werden Sie vielleicht schon an ihrem ersten Tag in London genau diese Strecke zurücklegen. Denn in der City gibt es rund um die St Paul’s Cathedral eine Sehenswürdigkeit nach der anderen zu bestaunen und wenn man schon den ganzen Tag das London Eye im Blick hatte, dann will man natürlich auch noch schnell dorthin und eine Runde drehen. (Planen Sie genug Zeit ein: Die Gondeln brauchen über eine halbe Stunde für den Loop!) Der Zugang liegt am Südufer der Themse, ganz in der Nähe der Waterloo Station. Das gigantische Riesenrad, das abends immer traumhaft schön beleuchtet wird, ist eigentlich längst das Wahrzeichen der Stadt geworden. Paris hat den Eifelturm, London sein big wheel. So werden Sie also kurz über lang den Bahnhof Waterloo kennenlernen. Er ist riesig, scheinbar recht alt und hat vielleicht neben King’s Cross die größte Gleisanlage aller Londoner Bahnhöfe. Waterloo Station wird von vier Underground Lines angefahren.

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Beide Fotos sind am Bahnhof Waterloo aufgenommen. Eines von vorne, das andere zeigt die Rückseite. Wie so oft ist das Brückengeländer ein Hingucker. Das scheint den Stadtplanern wichtig zu sein. Immer wieder findet man andere Muster und Farben. Alle sehr liebevoll und detailliert hergestellt. Das ist beste Handwerkskunst. An den zahlreichen Themsebrücken finde ich das individuelle Design sehr praktisch, so kann ich die vielen Brücken viel besser unterscheiden. Hier im Borough of Southwark liegt also eine der beiden Haltestellen, die von der Waterloo & City Line bedient wird. Verbunden sind sie durch eine enge Tunnelröhre. Für den Fahrgast gibt es während der Fahrt nix zu sehen. Die Londoner nennen dieses kurze Strecke mit dem langen Namen gerne “The Drain”, was man wohl mit Abflußrohr übersetzen muß. Manche meinen es wäre eine Anspielung auf den oft modrigen Geruch an der Station Waterloo, andere glauben es hat mit der komplett eingetunnelten Streckenführung zu tun. Ganz witzige sagen, es wäre eigentlich die Kanalisation der City of London, in der jetzt im Minutentakt auch die tube durchrauscht. Die Strecke wurde übrigens kurz vor dem Millenium eröffnet, ich glaube es war 1998. 

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Eine der vielen Themsebrücken. Das hier ist die Southwark Brigde. Der Kandelaber lässt jedem Hamburger das Herz höher schlagen. Solche Lampen sind auf vielen Brücken zu finden und erinnernt mich natürlich sofort an die heimatliche Alster. – Ganz hinten ist die Tower-Bridge zu sehen, der Wolkenkratzer ist das Shard-Gebäude.

Die Station Bank hat ihren Namen natürlich von der Bank of England. Früher hieß die Haltestelle “City”, aber die ist inzwischen so groß geworden, dass man das nicht mehr gut fand. Das beeindruckende Gebäude der Bank of England liegt unmittelbar am Bahnhof. Sobald man die Treppen hochkommt, sieht man es auch schon vor sich. Da hat sich die Umbenennung angeboten und man benutzt heute nur noch die Kurzform: Bank. Das ganze Viertel, die sogenannte City of London, beschäftigt sich mit der lukrativen Verwendung von Geld.

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Handyfoto im Tunnel der Station “Bank” gemacht. Es ist proppenvoll.

Das hier ist das Finanzzentrum. Dort sind sehr viele Menschen beschäftigt und deshalb ist die Bahn immer wuselig voll. Wer Platzangst hat könnte in Not geraten. Die enge Bauweise des Tunnels lässt auch für den Bahnsteig nicht viel Platz. In der Stoßzeit wird es eng. Trotzdem gibt sich der Engländer alle Mühe niemals einen anderen zu berühren. Ich bin da schon tollpatschiger und verursache so manchen Zusammenstoß. Einige dutzend Entschuldigungen machen die Sache wieder gut. Wobei der Gerammte mindestens genau so oft wie ich ein “sorry” murmelt. Ein aufrichtiges Lächeln bügelt die Falte sofort aus, der gute Laune Tag kann weitergehen.

Übrigens wird der Bahnhof Bank zur Zeit umgebaut und ist deshalb eine Großbaustelle. Noch mehrere Jahre wird man die ganze Station Stück für Stück abreissen und neu aufbauen. Im Berufsverkehr kommt es deshalb immer wieder zu chaotischen Zuständen. Gleich sechs Underground Linien fahren diesen Knotenpunkt an. Es gibt ein dichtes Netz von Fußgängertunneln, die die einzelnen Bahnhöfe unterirdisch verbinden. Morgens strebt natürlich alles Richtung City. Ist man auf Gegenspur unterwegs wird es knifflig. Es ist mir schon passiert, dass mich die Menschenmenge einfach mitgerissen hat. Da hilft dann nur noch eins: Jeden Widerstand aufgeben und sich in der Masse Mensch treiben lassen. Wer weiß wo man landet, vielleicht an einem Ort, den man alleine nie entdeckt hätte?

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Sobald der Zug in den Bahnhof einfährt, glaube ich schon wieder in Hamburg zu sein. Die Ähnlichkeit überrascht mich, oder besser gesagt, begeistert mich noch immer. Viele Underground Lines, die übrigens einen großen Teil ihrer Strecken auch overground fahren, queren die Themse bei der Hungerford Bridge. Da rauschen die Züge über den Fluß und man hat einen freien Blick auf Londons Attraktionen. Für die Fußgänger verläuft eine schmale Brücke, parallel zum Bahngleis. So kann man also auch zu Fuß jederzeit bequem von Nord- nach Südlondon kommen. Die Waterloo & City Line hat eine andere Streckenführung; sie wird bei der Blackfriars Bridge, direkt unter der Circle Line, über die Themse geführt und kommt dann im Norden am Mansion House wieder an Land. Dem Reisenden ist es egal, denn er befindet sich die ganze Zeit im Tunnel.

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Bin ich in Hamburg oder London? Die Ähnlichkeit der U-Bahn ist nicht zu übersehen. So entspannt leer, wie auf diesem Bahnsteig, ist es in der City selten.

Grundsätzlich sollte man London natürlich lieber oberirdisch erkunden. Bei guten Wetter würde ich die gesamte Strecke der Waterloo Line immer zu Fuß gehen. Man braucht eine halbe Stunde und kommt an den schönsten Punkten der Stadt vorbei. Nirgends hat man einen besseren Blick auf die herrlichen Londoner Fassaden, als vom Südufer der Themse aus. Für ganz Wagemutige lädt dann das London Eye zur Rundreise ein. Ich traue mich nicht, habe aber ein Foto eines Touristen, der die Fahrt im Riesenrad gewagt hat. 

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London ganz groß. Ein Blick aus der Gondel des Riesenrads. Up, up and away.

 

The boss himself says:

George says: “You wrote quite rightly, we name the line ‘The Drain’. But did you know that incidentally, the engineer, who was responsible for the whole project, was L.A. Drain?” 

Und ich: “Das ist wirklich ein bemerkenswerter Zufall. Denn niemand weiß von dem Ingenieur und doch benutzt jeder seinen Namen für das Bauwerk.

Wenn Sie mit diesem Liedtext etwas anfangen können, dürften Sie der Rente auch nicht mehr fern sein. Na, klingelt’s? Können Sie es mitpfeifen?

Dirty old river, must you keep rolling, flowing into the night 
People so busy, make me feel dizzy, taxi light shines so bright 
But I don’t, need no friends
As long as I gaze on Waterloo Sunset, I am in paradise 
Every day I look at the world from my window
But chilly, chilly is evening time, Waterloo sunset’s fine.

Millions of people swarming like flies ’round Waterloo underground 
But Terry and Julie cross over the river where they feel safe and sound 
And they don’t, need no friends
As long as they gaze on Waterloo Sunset, they are in paradise
Waterloo sunset’s fine.

Ray Davies von den Kinks hat diesen Song geschrieben (1967) und wird wohl in Southwark gelebt haben. Sein dizzy feeling kreist um nichts anderes als den alten Bahnhof am Südufer der Themse. Die ist zwar noch immer kein Badeparadies, aber auch nicht mehr ganz so dirty wie in den Sechzigern. Höchstens manchmal ein bißchen muddy. Dann wartet man auf die nächste Flut und schon klart es auf.

Was passierte noch am 11. April?

de 1982 Die Toten Hosen absolvierten in Bremen ihr Debüt-Konzert, werden aber auf Grund

eines Druckfehlers als „Die Toten Hasen“ angekündigt. (Fast schon englischer Humor.)

uk 1977 London Transport’s Silver Jubilee buses are launched. – Ein Routemaster (double-decker bus)

ganz in silber lackiert, natürlich anlässlich des 25. Thronjubiläums der Queen.