162. Tag, Rest: 204 Tage

Wer jemals in London war, hat den Piccadilly Circus besucht. Wahrscheinlich gleich am ersten Tag, als erstes Etappenziel. Abends sind die riesigen Leuchtreklamen an den Häusern duchaus beeindruckend, aber tagsüber wirkt der Platz auf mich immer ernüchternd. Er ist viel kleiner als ich dachte und sieht eigentlich wie eine stark frequentierte Verkehrsinsel aus. Und genau das ist er auch. Ein paar Stufen bieten Platz zum Sitzen, aber sie sind restlos überfüllt. Nach einer viertel Stunde kriegt man keine Luft mehr, denn inzwischen sind drei Millionen Autos an einem vorbeigefahren. In der Mitte, hoch über den Köpfen aller Touristen, thront der Engel Eros. OHNE Pfeil! 

piccadilliy-circus
Piccadilly Circus ist am Tag eher ernüchternd. Die Underground Station soll die meist frequentierte in ganz London sein. Weil sie ausserdem ziemlich eng ist, sollte man wirklich keine Platzangst haben, wenn man dort einsteigen will.

Jeder halbwegs gute Reiseführer weist auf den Gag mit dem fehlenden Pfeil hin und ganz Schlaue wissen, dass das in voller Absicht des Künstlers bereits geplant war. Egal, der Liebesgott ist impotent. Was für ein Jammer! Gräbt man tiefer, kommt eine viel interessantere Geschichte zum Vorschein. Die ziemlich kleine Statue zeigt nämlich gar nicht Eros, sondern seinen Bruder Anteros. Mit dem Namen kann natürlich niemand etwas anfangen, also kläre ich mal auf. Anteros, übrigens der jüngere der beiden, steht in der griechischen Mythologie für die Gegenliebe. Aber Vorsicht, er ist ein Racheengel. Er fordert die Erwiderung in der Liebe, wird sie aber verschmäht, dann haut Anteros tüchtig auf den Putz. Da reicht kein kleiner Anschuß mit dem Pfeil, da wird robusteres Werkzeug in Stellung gebracht.

Eros ist der Gott der zeugenden Liebe. Er schießt seinen Pfeil ab, trifft und schon übernimmt das Adrenalin die Steuerung bei Mann und Frau. Blöd wird es erst, wenn die biochemische Droge ihre Wirkung verliert. Dann steht man da und muß sich entscheiden: Nachlegen oder weglaufen?

Über Anteros kann man in der Literatur gar nicht viel lesen. Ist seine Figur kompliziert? Immerhin gibt es eine Legende, die seine Funktion deutlich erklärt: Der Athener Meles wurde von Timagoras verehrt und geliebt. (Es scheint sich um zwei Männer zu handeln, aber egal). Meles wies Timagoras nicht nur zurück, sondern forderte ihn auf von der Akropolis zu springen. Der Erpressungsklassiker: Wenn du mich liebst, dann machst du … Timagoras tat was der geliebte Mann von ihm verlangte und sprang in den Tod. Immerhin erkannte Meles daraufhin seine emotionale Kälte und empfand tiefe Reue. Schließlich suchte auch er den Tod und sprang dem verschmähten Liebhaber nach. – Ja, auch das ist eine innige Beziehung und wird durchaus auch heute in abgewandelter Form alltäglich praktiziert. Ich erwarte eigentlich keine Liebe im Tauschgeschäft, denn ich trage meine Liebe bereits in mir. Aber ich freue mich natürlich, wenn mir jemand wie George begegnet, der über diesselbe Eigenschaft verfügt und mit dem ich jetzt das gute Gefühl teilen kann. Sollten sich unsere Wege trennen, werden wir hoffentlich noch immer über die eigene Liebe verfügen. Sonst kann es bitter werden.

anteros
Der berühmte Engel auf dem Piccadilly. Gebildete und scharfsichtige Touristen stellen fest, dass der Pfeil fehlt. Klar, ist ja auch gar nicht Eros.

Also ganz frei vom Aberglauben bin ich nicht und deshalb werde ich mich niemals auf dem Piccadilly Circus vor dem Engel ohne Pfeil mit einem Mann (oder einer Frau) fotografieren lassen, der/die mir wirklich etwas bedeutet. Ich fürchte den allermeisten verliebten Touristen ist die wahre Bedeutung des Anteros gar nicht klar. Was gilt in einem solchen Fall? Unwissenheit schützt nicht vor Strafe oder im Zweifel für den Angeklagten?

Darüber können wir jetzt mal grübeln, denn ich gehe jetzt weiter zum Trafalgar Square. Den kennt auch jeder Tourist und auch dort sind ein paar Geheimnisse zu entdecken. Aber für heute wird der Beitrag mal wieder viel zu lang. Also geht es morgen weiter. Bye-bye.

piccadilliy-circus-nacht
Nachts sieht es ganz nett aus. Die Menschen strömen in/aus der U-Bahn. Sie wollen ins Theater oder Musical. Wir sind hier im West End und stehen direkt vor der Vergnügungsmeile Soho.

The boss himself says:

George says: “Eros / Anteros? Oh, I have so many stories about the love to tell you that I recommend bringing an extra pair of ears with you.”

Und ich: “Im Ernst? Na, dann mal los. Wird das jetzt eine der Tausend und einer Nächte?”

Was passierte noch am 10. Juni?

de 1844 Geburtstag von Carl Hagenbeck. Später gründet er seinen Zoo in Hamburg. Ich war 

lange nicht dort, aber der London Zoo im Regent’s Park erinnert mich durchaus an

den Hamburger Tierpark.

uk 1829 Auf der Themse wird erstmals das Achterrennen zwischen den Universitätsmannschaften

von Oxford und Cambridge ausgetragen. – Inzwischen dürfen auch die Frauen an den

Start. Dieses Jahr habe beide Rennen die Cambridge Studenten gewonnen. Oder war

es anders herum?