70. Tag, Rest: 296 Tage

Was sich im Golf Club in Suffolk ereignete, kann man als scram of the year zusammenfassen. Das ist sehr unfeines Straßenenglisch, aber passend. Man warb mit einem Auto, das als Preis demjenigen winkte, dem ein hole-in-one gelingen sollte.

 

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Der erste Preis: Ein nagelneuer fünf-türiger 1.6TDi Vauxhall Corsa (Opel) im Wert von rund £14,000 (18.000 Euro).

 

Und es passierte natürlich genau das, womit man nie gerechnet hatte. Mr Warner, Clubmitglied, donnerte den Ball 202-yard lang und versenkte ihn im Loch. Passiert war es während eines Turniers, unter den Augen etlicher Zeugen. Keine Zweifel, das war ein hole-in-one. Riesen Jubel und unzählige pint of beer im Clubhaus folgten. Einige Tage später kam Mr Warner dann vorbei, um den Wagen abzuholen. Und da hat er dann nicht schlecht gestaunt, denn nun war das Auto auf einmal mutiert zu einem 1.0 Corsa. Ein Standardmodell in der Grundausstattung. Der ist nur etwa die Hälfte vom Kaufpreis des gezeigten Siegerautos wert. Alternativ hätte er auch £7,000 bekommen können, aber das war ihm zu wenig. Der 1.6TDi kostet gut das doppelte und wurde nun mal für ein hole-in-one versprochen.

vauxhall
Vauxhall sitzt heute in Luton. Früher waren sie in London’s Süden, im gleichnamigen Stadtteil ansässig. Die Firma gehört zu General Motors und verkauft die Modelle von Opel unter eigenen Namen in England.

Mr Warner zog vor Gericht und dort den Kürzeren. Moralisch war die Sache heikel, aber juristisch hatte der Golfclub ein Schlupfloch gefunden, durch das man sich gerade noch fortstehlen konnte. Die Gerichtskosten mussten vom Kläger bezahlt werden; der Ärger war groß und nachvollziehbar.

Aber mir fiel ein anderer Aspekt an dieser Geschichte auf. Einer, der das ganze Geschehen nur in England möglicht macht. Also erst einmal der Preis: Ein Opel Corsa. Wieeeeeeeee bitte? Ein Golf Club verlost einen Kleinwagen? Bei uns stehen Audi Quadro und Mercedes SLK vor den Türen der Golf und Tennisclubs. Was der Engländer begehrt und was der Deutsche toll findet, ist nicht deckungsgleich. Die Prioritäten sind beim durchschnittlichen Londoner, -grenzen wir es mal auf ihn ein-, für mich überraschend anders gesetzt. Er gibt ziemlich viel Geld für Kleidung aus. Man scheut sich nicht einen Anzug oder die Hemden beim Maßschneider zu bestellen. Essen und Trinken ist sowieso viel teurer als hier. Bei den Möbeln spart man. Es soll gemütlich sein, aber dazu braucht man kein Designersofa. Auch die Elektrogeräte versucht man preiswert zu kaufen. Der Fernseher ist eher klein und old-school. Wozu HDTV, wenn das britische Kabelnetz technische Steinzeit ist. Also Kupfer Zeitalter. George: “There are places in England with worse broadband than Mount Everest base camp.” Wo er natürlich noch nie war und bestimmt wieder übertreibt. Aber das Bild ist richtig. Sehr viel Geld gibt der Londoner für das Leben und Wohnen aus: Er muß seine mortgage (Hypothek) abbezahlen, hat enorm hohe Energiekosten für Gas und Elektrizität, auch seine Fahrkosten sind hoch, dann immense Gebühren für den Kindergartenplatz oder die Tagesmutter und beachtliches Schulgeld. Er gönnt sich und seiner Familie regelmäßig einen Theaterbesuch, geht auch mal Essen und spendet gerne, oft und reichlich. Sparen kann er eigentlich nur durch die Selbstversorgung mit Obst und Gemüse, durch die Mitarbeit der Ehefrau und der Kinder, das Zusammenleben von mehreren Generationen auf engen Raum und das Fahren von günstigen Diesel Autos. Deshalb ist der Gewinn eines 1.6TDi Corsa eine ganz tolle Sache, denn dieses Auto würde sich der Engländer niemals kaufen. Selbst wenn er ihn sich leisten kann, wäre das eine unvorstellbare Geldverschwendung. Dabei kostet der Wagen nicht die Welt, er ist neu für £14,000 (18.000 Euro) zu bekommen. 

 

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Beim Auto wird gespart. Gilt auch für Scotland Yard, die eigentlich Metropolitan Police heißen und am Scotland Yard ihr Hauptquartier haben. Mit wenig PS und übrigens unbewaffnet unterwegs. Aber tolle Kerle.

 

Mr Warner kann einem wirklich leid tun. Was für ein Wechselbad der Gefühle und vor allem hat man ihn in diese Sache hineingelockt. Als er den Glückschlag landete glaubte er zu träumen: “YES! This is my special day!” Und dann endet das ganze vor Gericht mit einer Niederlage. Gemein. Er kommentierte die Sache so: “It has all been a bit of a nightmare. I got lucky and hit a hole in one, it’s the first one I’d ever hit and I couldn’t believe it when it landed on the green.” Als ich dann weiterlas, war ich aber doch überrascht. Denn Mr Warner ist ein Sales Manager, der sich und seiner Frau seit Jahren die Mitgliedschaft im Golf Club leistet. Für immerhin £750 Jahresbeitrag pro Nase. Und das beweist wieder, das ‘teuer’ eine Frage der persönlichen Werteskala ist.

 

 

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Die Blazer-Brigade im St Andrews Golf Club. Erst seit wenigen Jahren sind auch Frauen zugelassen. Help! Dann lieber Bridge Club.

 

 

The boss himself says:

George says: „You should learn Golf. This would be perfect for us after retirement. I can teach you.”

Und ich: “Geh’ mir los. Das ist mir zu elitär. Und viel zu teuer. Statt Golfausrüstung kaufe ich mir lieber noch mal ein richtig dickes Auto, bevor es zu spät ist.” “Waste of money!”

 

     

Was passierte noch am 10. März?

de 1966

In Amsterdam werden die Kronprinzessin Beatrix der Niederlande und

der Deutsche Claus von Amsberg getraut. (Eng verwandt mit den Windsors.)

uk 1906

Die Londoner U-Bahn-Linie Baker Street & Waterloo nimmt zwischen den Stationen 

Baker Street und Kennington Road den Betrieb auf. (Kennington ist nahe Vauxhall.)