130. Tag, Rest: 236 Tage

Alle guten Dinge  sind drei. Also gibt es noch einen Nachschlag über den Westminster Palace. Ein Insider hat mir bei einem guten Bier von seinem langen Berufsleben im Parlamentsgebäude erzählt. Dort haben nicht nur die Abgeordneten, ca. 650, ihre Büros, sondern auch noch über 1.000 weitere Mitarbeiter aller Art. Er war einer davon und kennt das Innere des weltberühmten Gebäudes wie seine Westentasche. Fünf Kilometer Flure, elf Innenhöfe und mehr als einhundert Treppenhäuser hat er in Jahrzehnten erkundet. Die meisten davon sind der Öffentlichkeit nie zugänglich. “There’s a hotch-potch of windowless corridors, dark stairs, unused doorways and forgotten corners.” Sein Büro lag so weit vom Sitzungssaal entfernt, dass er die Uhr stellen mußte um pünktlich anzukommen. “It was in Outer Siberia.” 

 

westminster
So könnte der Westminster Palace demnächst für lange Zeit aussehen.

 

Wenn eine Abstimmung im Parlament ansteht, wird die Division Bell geläutet. Damit es alle hören, überträgt man den Klang über Lautsprecher in alle Büros. Das ist das Startsignal, nun hat man genau acht Minuten Zeit, um das House of Commons zu erreichen. Es beginnt eine wilde Jagd. Da stürmen plötzlich die Abgeordneten aus ihren Büros, hasten durch einen Fußgängertunnel, der zwischen Whitehall und dem Sitzungssaal entlangführt, und dann nehmen  sie die letzten Stufen im Laufschritt und stehen japsend in der Chamber. “That’s twenty-first century democracy in action” erzählt er mir lachend.

 

artrium
Das Café im Artrium des Portcullis Houses ist ein beliebter Treffplatz der Abgeordnenten. Hier ist es hell und luftig. Im Palast eher dunkel und schwer.

 

Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der Westminster Palace durch ein Feuer schwer beschädigt. Man baute aber alles wieder auf und so kann man heute sagen, dass die Bausubstanz fast 170 Jahre alt ist. Mit Renovierung oder gar Modernisierung ging man stets sparsam um. Heute ist der prachtvolle Palast eine Bauruine. Eigentlich müßte man ihn abreißen und neu anfangen. Aber das traut sich sicherlich niemand. Trotzdem wird das Gebäude demnächst eine Großbaustelle sein, denn die Toiletten sind dauernd verstopft, der Brandschutz ist sub-optimal, um es mal höflich und sehr englisch auszudrücken, das Dach ist massiv undicht, Wände bröckeln und ganze Dachteile fallen einfach runter. Dazu kommt, dass akute Raumnot herrscht. Man kann ja nicht einfach einen Flügel anbauen oder gar aufstocken. Um die größte Not zu lindern, wurde ein Gebäude in unmittelbarer Nähe angemietet und dorthin weichen  gerade die jüngeren Abgeordneten gerne aus. Architektonisch ist es das exakte Gegenteil zum alten, aber eher düsteren Palast; es heißt Portcullis House und liegt gleich gegenüber von Big Ben an der Bridge Street. Es wurde in den neunziger Jahren gebaut. Eine leichtes, helles, lichtdurchflutetes Gebäude, mit einem herrlichen Artrium, das von einer großen Glaskuppel überdacht wird. Wasser fließt plätschernd in Bassins und spiegelt das Sonnenlicht. Große Feigenbäume wachsen im Artrium und vermitteln einen mediterranen Flair. Gerade die jüngeren Abgeordneten treffen sich hier gerne zu einem Kaffee. – Die U-Bahnstation Westminster liegt übrigens genau unter dem Gebäude und dient als Fundament. Ganz schön tricky. Im alten Westminster Palast wird man eigentlich überall an das moderne, neue Haus erinnert, wenn man die Symbolik kennt. Das Wort ‘Portcullis’ bedeutet nämlich ‘Fallgitter’ und das war das Logo aller offiziellen Dokumente. Wer noch mehr über das Haus erfahren möchte, dem empfehle ich den Visitor Guide, er wird als PDF Download angeboten.

  

portcullis house
Das Portcullis House an der Bridge Street. Links steht Big Ben, weil den aber schon jeder kennt, durfte er nicht mit aufs Bild.

 

 

The boss himself says:

George says: “They can’t start the reconstruction. If Westminster is closed where shall the Queen open the Parliament? Where shall she say: My Lords and members of the House of Commons …

Ich sage: “Na, da wird sich doch wohl Ersatz finden lassen? Oder? Na gut, Paläste wie Westminster sind schon ziemlich einmalig. Da kann man nicht einfach in die City-Hall umziehen. Also was wäre die Lösung?” “You call for the truth? The honest answer is: We don’t know.”

 

 

Was passierte noch am 10. Mai?

de 1949

Der Parlamentarische Rat entscheidet sich mit knapper Mehrheit von 33:29 Stimmen für 

Bonn als provisorische Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland. – Jeder Stimme

zählt. Keiner wußte es besser als Konrad Adenauer, der im nahen Rhönberg wohnt.

uk 1824

The National Gallery in London opens to the public. – Zunächst in der Pall Mall 100,

wo John Julius Angerstein sein Stadtpalais hatte. Heute ist das Museum am Trafalgar

Square zu finden. Eintritt ist noch immer kostenlos!