71. Tag, Rest: 295 Tage

Vor einiger Zeit durfte ich eine Erfahrung machen von der ich noch heute täglich profitiere. Ich hatte Gelegenheit einem Chor beizutreten, obwohl ich überhaupt nicht singen kann! Wenn Sie Profi sind, sagen Sie jetzt das gibt es gar nicht, jeder kann singen. Wenn Sie selbst betroffen sind, wissen Sie wovon ich spreche. Irgendwann in der Schulzeit wurde man vor der ganzen Klasse niedergemacht. Bei mir war es die Musiklehrerin, die mir attestierte, dass ich keinerlei musikalische Begabung hätte; keinen Ton könnte ich treffen und mein Taktgefühl wäre grauenhaft. Na ja, da hatten wir dann wenigsten etwas gemeinsam.

Blöderweise haben solche verletzenden Kritiken ein sehr langes Leben. Nicht nur das sie dem Selbstvertrauen einen empfindlichen Schlag in die Weichteile versetzen, nein irgendwie nagt es heimlich weiter. Es lässt sich einfach nicht aufhalten und Jahrzehnte später, wenn irgendwo ein Lied gemeinsam gesungen werden soll, dann packt einen das Grauen. Dann steigt Scham ins Bewußtsein und man fühlt sich wieder wie damals, als man so brutal angegriffen wurde. Ja, das Wort ist nicht übertrieben, denn schließlich war es die Lehrerin, eine Vertrauensperson, die dem Kind in aller Öffentlichkeit das Schild “unfähig” umhängte.

choir-2
Singen und tanzen ist Lebenslust. Es gibt inzwischen ein paar Chöre die diesen Aspekt ganz groß schreiben. In einer solchen Gruppe mitmachen zu können, ist ein Geschenk. Das hier ist der “Tuneless Choir” in Nottingham.

Ich war gar nicht oft in dem Chor, konnte manches nicht mitsingen, weil mir tatsächlich die Übung für die hohen Töne fehlte, war aber immer ein Teil des Ganzen. Und es hat enorm viel Spaß gemacht, denn niemand kontrollierte mich, niemand beobachtete mich, alle waren fröhlich und halfen mir, wenn ich nicht weiterkam. (Danke Birgit, dass du mich mitgenommen hast.) Schon nach wenigen Stunden konnte ich besser denn je singen. Das habe ich mir bis heute bewahrt und so trällere ich täglich laut und gerne die Hits im Radio mit. Auf einmal klappt es auch mit dem Pfeifen und ein sensationeller Nebeneffekt zeigte sich ganz nebenbei: Ich konnte auf einmal tanzen! Musik hat mir immer Freude gemacht, aber nachdem ich das Singen “gelernt” hatte*), ist mir Musik eine sehr liebe Quelle des Wohlfühlens geworden, die ich immer und überall direkt körperlich erfahren kann.

*) Gänsefüsschen weil ich eigentlich gar nichts gelernt hatte, außer dass ich mich getraut hatte EINMAL in der Öffentlichkeit laut mitzusingen. Und das war natürlich nur mit einem Chor möglich, -immerhin fast 40 Männer und Frauen-, der es zuließ und mich “aushalten” konnte. 

Lange Vorrede, um heute mal einen ganz besonderen Chor vorzustellen. Er wurde in England gegründet und wird bald erstmals ein Konzert geben. O-Ton Ankündigung: “We are hoping to raise the roof at our first concert – but we might shatter a few windows too.” Dieser lustige Haufen nennt sich “Tuneless Choir” und zeichnet sich dadurch aus, das alle Mitglieder überhaupt nicht singen können. Alle haben es genau wie ich, in der Schulzeit von den Lehrern attestiert bekommen. Und Kinder sind nun mal so, dass sie den Respektspersonen blind glauben. Fatal, wenn die dann, charakterlich unqualifiziert sind. 

Sollte ein Chormitglied im Tuneless Choir zu gut werden, bittet man höflich um Wechsel in einen professionellen Chor. Man möchte einfach niemanden unter Druck setzten und baut deshalb darauf, dass auch mal der falsche Ton getroffen wird. Wenn man dem Chor zuhört, klingt er wirklich gut. Ich hatte sofort Lust mitzusingen und was kann ein Sänger besseres bieten, als eine Einladung zum Mitmachen. Wenn man den Damen und Herren zusieht, dann wird klar, das gemeinsames Singen etwas ungemein Schönes ist. Das macht einfach Spaß und tut der Seele gut.

choir1
The Tuneless Choir in Nottingham. Das Bild überzeugt, so sehen fröhliche Menschen aus. Ich würde sofort mitmachen. – “We’ve agreed that, if anyone gets too good at singing, they’ll be asked to join another choir.”

 

Auf Twitter hat der Chor eine schöne Webseite aufgebaut. Auch für Besucher ohne Account kann das eingefügte Video angeklickt werden. Seite ein bißchen runterscrollen. Und dann hört man, dass die gar nicht schlecht klingen. => Tuneless Choir

The boss himself says:

George says: „When I was 11, our music teacher laid his hand on my arm and asked me to stop singing. He told me I was spoiling it for everyone else. But I like singing and dancing. It releases endorphins and increases life satisfaction”

Und ich: “Wenn ich mich richtig erinnere, küssten wir uns erstmals beim Tanzen. Ich mag es mir gar nicht ausmalen, wenn ich damals nein gesagt hätte. – Obwohl ich glaube du hast mich gar nicht gefragt, oder?

Was passierte noch am 11. März?

de 1871 Im Deutschen Reich werden im Zuge des Kulturkampfes alle Schulen unter

staatliche Aufsicht gestellt und die kirchlichen Schulinspektionen abgelöst.

uk 1757 In London wird das Oratorium The Triumph of Time and Truth, Händels 

letztes Werk, uraufgeführt.