103. Tag, Rest: 263 Tage

Schlimmer geht’s nimmer. Die letzte Woche war “a total catastrophe” aus Sicht des englischen Premierministers. Am Montag wurde David Cameron erstmals in Verbindung mit dem Panama Skandal in Verbindung gebracht und bis Freitag schaffte er es täglich eine neue, geänderte Erklärung abzugeben. Fünf Statements in fünf Tagen. Das waren einige zuviel und Cameron geriet prompt in schweres Fahrwasser. Erste Rücktrittsrufe wurden laut. Leider kamen die aus der eigenen Partei, was seine Position noch einmal verschlechterte. Ach du meine Güte, wie konnte ihm das bloß passieren? Waidwund geschossen steht er da und man kann es drehen und wenden, ich finde nichts und niemanden, der Schuld an dem Dilemma wäre. Den ganzen Schlamassel hat Cameron sich selbst eingebrockt. War denn da niemand in seiner Nähe, der ihn vor den Konsequenzen einer Volksabstimmung und den Gefahren seiner Salamitaktik hätte warnen können? Oder ist er inzwischen auch im eigenen Lager nur noch von Feinden umgeben? Ich weiß es nicht und war mir bis gestern abend uneins, ob Cameron die Brexit Abstimmung überhaupt noch als Premier erleben wird.

 

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In aktuellen Umfragen sieht es für den Premier ganz schlecht aus. Einzige Hoffnung, die englischen Meinungsforscher liegen meistens gewaltig daneben.

 

Was macht der Politiker, wenn ihm das Wasser bis zum Hals steht? Wenn man ihn beim Schwindeln erwischt hat und nun in aller Breite berichtet? Er betet zum lieben Gott, das ganz schnell eine andere Sau durchs Dorf getrieben wird. Egal ob politischer oder privater Skandal, schwere Naturkatastrophe oder spektakulärer Todesfall. Alles wird ihm in diesem Moment recht sein, was von seiner Person ablenkt. However, one has to make a big fuss, because this is the perfect way to distract from the original issue at stake. 

Am Freitag war der Premier weichgekocht, er ließ die Hose runter, indem er zugab doch Anteile an einer Briefkastenfirma gehabt zu haben. Ein Erbe vom Vater, dass noch vor Amtantritt verkauft und versteuert wurde. Auch diese Aussage rutschte so haarscharf an den Tatsachen vorbei. Denn der Erlös lag nur ganz knapp unter der Besteuerungsgrenze. So war es legal, aber irgendwie auch suspekt. Dann brach endlich das Wochenende an, das für den gehetzten Premier das rettende Ziel gewesen sein muß. Über Nacht hatte er seine Steuererklärungen aus den betreffenden Jahren noch schnell zusammenstellen lassen und gleich am Samstag veröffentlicht. Puuuuuhhh, das war knapp. Allerdings um Nachfragen seitens der Presse zu vermeiden, musste noch ein weiterer strategischer Schritt gegangen werden. Und der war genial.

 

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Die Gegner sammeln sich und rufen zum Rücktritt auf. Eigentlich nimmt es niemand krumm, dass Cameron ein offshore Konto hat. Problematisch sind seine moralischen Äußerungen über andere Steuersünder. Das haut man ihm jetzt um die Ohren. Unfaires Spiel wird ihm vorgeworfen; ein nur trickreiches Taktieren hätte man vermutlich akzeptiert.

 

Am Samstag erschienen alle englischen Tageszeitungen mit einem riesen Aufmacher: My secret father. Und damit ist nicht der alte Herr von David Cameron gemeint, nein hier geht es tatsächlich um eine heimliche Vaterschaft, die erst nach sage und schreibe sechzig Jahren ans Licht kam. Der schriftliche DNA Beweis wird gleich mitgeliefert, also gibt es keinen Raum für Spekulationen. Und wer ist nun so interessant, dass man wissen will, wer sein Erzeuger war? Halten Sie sich fest, es geht um den Erzbischof von Canterbury, den sehr beliebten Justin Welby. Das ist ein Kracher und der Presse gleich sechs Seiten ihrer Ausgaben wert. Sein Vater war nicht Gavin Bernard Welby, wovon er und seine noch lebende Mutter immer ausgingen, sondern Anthony Montague Browne, ein enger Berater von Sir Winston Churchill. Als die Mutter vom Sohn befragt wurde, konnte sie sich an ein kurzes Techtelmechtel erinnern. Es wäre kurz vor ihrer Heirat passiert und irgendwie ist niemand auf die Idee gekommen, dass das Folgen haben könnte. Nicht schlecht, wie kurz vor der Hochzeit war das denn? Vielleicht am Polterabend? 

 

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Links der Sohn und rechts der leibliche Vater. Große Ähnlichkeit.

 

Auf den Schwindel ist übrigens die spätere Ehefrau von Mr Browne gekommen. Sie, Lady Browne, hatte die frappante Ähnlichkeit zwischen dem bekannten Kirchenmann und ihrem Gatten entdeckt. Durch einen DNA Vergleich, wurde die Annahme zur Gewissheit. Zum Glück ist niemand gekränkt oder empört, alle Beteiligten und vor allem die Betroffenen schmunzeln ganz entspannt über’s Gesicht. Während in Rom der Papst über die Liebe schreibt und die zölibatär lebenden Herren im Bischofsrang demnächst über praktische Sexualität debattieren müssen, zeigt die anglikanische Kirche augenzwinkernd wie es auch gehen kann.

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matt-cartoonGut zu wissen: Oberhaupt der Church of England ist die Queen bzw. immer der Monarch. Sie trifft Personalentscheidungen, hat also den Erzbischof in sein Amt berufen. Auch Frauen können diese Ämter ausüben. Ein Erzbischof ist automatisch auch Mitglied des House of Lords und damit in der Politik verankert. Der Erzbischof begrüßt die Ehe von Homosexuellen Partnern. Er sagte 2014 dazu: “It was right and proper that same-sex marriage has now come into force, adding: And that’s great.”

Welby ist verheiratet und hat Kinder. Jetzt hat er über Nacht auch noch eine Halbschwester bekommen. Was für eine tolle Überraschung.

Im Daily Telegraph wurde die pikante Vaterschaft natürlich auch thematisiert. Und wie immer hat es der Cartoonist Matt auf den Punkt gebracht. Ich habe Tränen gelacht.

 

 

  

The boss himself says:

George says: “The 86-year-old mother of the Archbishop seems to be a tough woman. In an interview she said that “fuelled by a large amount of alcohol on both sides” she had slept with Sir Anthony. It happened in the days leading up to the very sudden marriage.” 

Und ich: “Also doch der Polterabend; ich habe es geahnt. – Herrlich, wie offen die Engländer mit Themen rund um den Sex umgehen. Jegliche Verklemmtheit ist ihnen wesensfremd. Ich habe dort meinen anerzogenen, verkrampften Umgang mit dem Thema spielend überwunden und es hat mir in jeder Hinsicht gut getan.

 

Das Beitragsbild auf der Startseite zeigt übrigens den Erzbischof Welby bei der Trauung seiner eigenen Tochter in der Kathedrale von Canterbury. Der Bräutigam trägt einen Kilt, das finde ich sehr elegant. Deshalb habe ich das Foto für diesen Beitrag ausgewählt.

  

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de 1968

Am Tag nach dem Mordanschlag auf Rudi Dutschke in Berlin kommt es zu schweren

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Resonanzkatastrophe einer Hängebrücke die Schwingungsprobleme deutlich.