256. Tag, Rest: 110 Tage 

 

Der Herbst naht, die Tage werden kürzer und nachts kann es schon mal empfindlich kalt werden. Höchste Zeit für den Engländer die Fenster fest zu schließen, mit einer Wolldecke die größten Ritzen zu verstopfen und die Wärmflaschen ins Bett zu legen. Eines meiner ersten Erlebnisse auf der britischen Insel war ein romantisches Wochenende in einem Cottage Ende Februar. Unvergesslich! Die Fenster waren, wie so oft in England, nur einfach verglast und die Eisblumen wuchsen an den Scheiben hoch. Wohlgemerkt innen! Inzwischen habe ich Londoner kennengelernt, die haben eine kaputte Verglasung im Schlafzimmerfenster, es fehlt nur eine kleine Butzenscheibe, aber immerhin, und das Loch wird nicht repariert. Grund: Man hat sich längst daran gewöhnt und findet den frischen, kühlen Luftzug am frühen Morgen ausgesprochen anregend und erfrischend! Da stellt sich Vater dann vor’s Fenster, lupft die Pyjamajacke hoch und atmet erst mal tief ein. Ach wie herrlich, wenn einen die kühle Londoner Nebelluft in den Hosenbund kriecht. Was kann man dagegen noch argumentieren?

 

schimmel
Der Engländer ist genügsam. Diese beiden Studenten haben ein teures Zimmer in London gemietet und sind froh es zu haben. Der Schimmel an der Wand stört sie nicht! Ich würde verrückt werden.

 

Nun ist es aber nicht so, das in London die Häuser nie renoviert werden. Im Gegenteil, überall in unserer Nachbarschaft stehen Bauwagen und Gerüste. Man entkernt, renoviert, modernisiert und verkauft anschließend die Wohnungen für viel Geld. Man hat längst die Doppelverglasung entdeckt, packt sich Solarpaneele aufs Dach und baut sich funktionierende (!) Mischbatterien in Küche und Bad ein. 

Weil der Engländer aber vom Wesen her konservativ verankert ist, muß man Modernisierungsmaßnahmen immer vorsichtig anwenden. Sozusagen immer nur in homöopathisch verschüttelten Dosierungen. Das erlebte jetzt auch Alain Roux. Er ist ein Sterne Koch in Maidenhead, das westlich von London, in Berkshire liegt. Eine landschaftlich sehr reizvolle Gegend am oberen Themselauf. Dort betreibt Alain zusammen mit seinem Bruder ein Hotel mit exzellenter Küche. Die Londoner fahren gerne die vierzig Kilometer hinaus, um bei ihm einen kultivierten Abend zu genießen. Im Ort selbst, im kleinen Bray, hat Alain ein schönes, renoviertes Terrace House, das er seinen Angestellten als Wohnraum zur Verfügung stellt. Dieses Haus wurde von Grund auf renoviert. Alain ließ die Fassade weiß anstreichen, tauschte die alten Fenster gegen moderne aus und setzte schließlich noch einen schönen Holzzaun an der Vorderfront entlang. Richtig schmuck ist es geworden und alle waren glücklich. Alle? Nein, die Nachbarn sahen die Sache ganz anders.

 

fenster
Nach der Renovierung ist es richtig fein geworden. Aber ist es auch englisch? By the way, die Satellitenschüssel beim Nachbarn wird nicht als störendes Element wahrgenommen.

 

Lauthals schimpfte man über die ‘plastic windows’. Unglaublich, wie kann man nur … Und dann waren das auch noch Flügelrahmen. Statt der guten alten, und stets klemmenden Schiebefenster, hatte sich der Bauherr für die neumodischen Dinger entschieden. Das fand bei den Dörflern keinen Beifall. Es wurden Briefe geschrieben, die den ganzen Verdruß zum Ausdruck brachten: “Where does one go about objecting to this, as everyone on The Terrace is angry these windows were fitted as they look horrible and devalue the look of the lane?” – “The uPVC replacement windows that were put in (replacing the traditional timber sash windows that were painted white) are undesirable and do not preserve or enhance the character and appearance of the conservation area.” – “In fact, I think they damage it. They look completely out of place.”

 

waterside
Das wunderschöne Hotel Waterside Inn wird von Alain Roux betrieben. Es liegt an der Ferry Road in Bray, Maidenhead.

 

Als der ‘Neue’ dann auch noch eine wheeled-bin vor den Zaun stellte, war das Fass übergelaufen. Eine Mülltonne vor der Haustür geht in Ordnung, aber doch bitte nicht mit Rädern. Wer hat denn so was? Man schaltete den Rechtsanwalt ein. Und zwar auf beiden Seiten. Der juristische Vertreter des Hausherrn kümmert sich dann erst einmal um die Baugenehmigung. Die fehlte nämlich. Aber das ist in England eigentlich normal und nicht der Grund für den Streit. Ich bin gespannt wie es ausgehen wird, gut möglich das demnächst die alten Fenster, mit Schiebefunktion, wieder eingebaut werden. Dann aber gleich richtig, also mit nur einer Glasscheibe. Im Winter liegen dann wieder alle frierend, eng aneinander gekuschelt, im Bett. Dem Engländer wird dann ganz warm ums Herz, weil es sich für ihn so, -und nur so-, richtig anfühlt. Und was soll ich als Gast, und dann auch noch vom Kontinent, dagegen einwenden? Also schweige ich, lasse mich wärmen und schlafe wie im siebten Himmel.

 

Wenn der Boss Nachtschicht hat, dann hilft Benny gerne aus. Warm und weich, was will man mehr. Wenn George morgens um drei unter die Decke krabbelt, wird er angeknurrt.

 

  

 

The boss himself says:

George says: “Home is where the heart is … And your belongings too.

Ich sage: “Ich weiß nicht, ob ich es bei dir aushalten würde, wenn du in so einem runtergekommenen Haus wohnen würdest. Doch ich weiß es, ich würde nicht.” “In this case you would love me so much that you don’t even notice the building ruins.” “Da sei dir man nicht so sicher.”

 

 

 

Was passierte noch am 12. September?

de 1840

Der Komponist Robert Schumann heiratet mit gerichtlicher Zustimmung Clara

Wieck, deren Vater jeden Kontakt der beiden verbot und das Eingehen dieser 

Ehe ablehnte. – Clara’s Vater hatte ausgegeigt, sie war 21 Jahre alt geworden.

uk 1878

In London wird am Ufer der Themse ein ägyptischer Obelisk aufgestellt. Ein

Geschenk von Muhammad Ali Pascha im Jahr 1819, doch die Transportkosten

wollte niemand tragen. – Immerhin nach 59 Jahren wurde man sich einig; ich

vermute mit den Brexit Verhandlungen wird es ähnlich laufen.