104. Tag, Rest: 262 Tage

Am Sonntag zieht Vater den besten Anzug an. Den Kinder wird eine Schleife ins Haar gebunden und Mutter legt ein wenig Rouge auf die Wangen, aber wirklich nur einen Hauch. Gut, das ist ein paar Jahrzehnte her, als ich es so oder ähnlich erlebte, aber noch immer sehe ich meine Nachbarinnen am Sonntag morgen gut gekleidet zur Kirche eilen. Ja, mitten im protestantischen Hamburg. Ihre Männer verbringen den freien Vormittag wohl lieber zu Hause. Es sind kleine aber bemerkbare Unterschiede, zwischen Alltag und Wochenende. Dasselbe gilt für England, auch dort kann man den Sonntag am Äußeren erkennen. Aber natürlich machen sie es anders herum als der Rest der Welt. Wenn George unrasiert mit mir frühstückt, die uralte Cordhose heraus gekramt hat und farblich gewagte Socken anzieht (ist das brombeer, aubergine oder lila?), dann ist Sonntag. Selbstverständlich hat er eine gut gebundene Krawatte um, wenn er wählen müßte, würde er wohl eher auf seine Hosen verzichten. Während der Woche läuft der Londoner wie aus dem Ei gepellt zur Arbeit, am Wochenende gibt er sich leger. Übrigens an Feiertagen wie Weihnachten und Ostern läuft er grenzwertig durch die Gegend. Da fragt man sich schon mal: Hast du das aus dem Schrank oder aus der Altkleidersammlung gefischt? Da man aber an stressigen Familientagen, wie es die großen Feste nun mal so sind, sowieso spätestens am Nachmittag im Pub landen wird, ist es durchaus vorsorglich geplant. – Letztens wollte ich George in Sachen ‘convenience’ entgegen kommen und schlug vor, er könnte es ja auch dauerhaft mit einem drei-Tage-Bart versuchen. Aber da hat der Schlauberger gleich gekontert: “Why shall I shave my four-day stubble each morning to a well-groomed three-day beard?” Eins zu null für ihn. Aber eigentlich ist mir sein clean-shaven face auch lieber, denn dann sehe ich seine Lachfalten und die sind zum Verlieben schön.

 

zebrastreifen
Wir spazieren durch Hampstead und kommen an einer markanten Straßenmarkierung vorbei. Kennen Sie die Bedeutung dieser zick-zack Linien? Sie sagen dem Fußgänger, dass er hier nicht über die Straße gehen darf, denn ganz in der Nähe ist ein Zebrastreifen. Bitte den nehmen. – Natürlich ist es auch für den Autofahrer ein Hinweis: Achtung, gleich musst du vielleicht bremsen.

 

Statt Citytour machen wir einen Nachmittagsspaziergang durch die Nachbarschaft. Hampstead hat so wunderschöne Ecken, da gibt es noch viel für mich zu entdecken. Der Stadtteil gehört zu den teuren Wohngegenden, aber pauschal behauptet trifft das nicht zu. Wir, also George, lebt an der nordöstlichen Grenze, nahe zur Hampstead Heath. Im südlichen Hampstead sind die Reichen zu Hause. Dort wohnen tatsächlich Filmstars und Promis. Das Herz, das Old Hampstead Village, liegt rund um die Underground Station. Hampstead wurde auf einem Hügel erbaut, genau genommen auf einer Endmoräne aus der letzten Eiszeit. Der topographisch höchste Punkt Londons ist der Parliament Hill in der Hampstead Heath, ca. 100 Meter hoch. Die U-Bahn Station Hampstead liegt deshalb tiefer als alle anderen Bahnsteige unter dem Straßenniveau. Wer nicht gut zu Fuß ist, kann die rund 60 Meter Differenz mit dem Aufzug überwinden.

 

sperre
Auch das habe ich erstmals in London gesehen: Auf einmal wird die Fahrbahn ganz eng, damit die Autos langsam fahren. Passt man da durch??? Tja, andere haben es auch geschafft. Eine der Stellen, wo ich am liebsten mal kurz auf die rechte Fahrbahn wechseln möchte.

 

Es gibt kaum eine Straße im ganzen Bezirk, die eben verläuft. Immer geht es bergauf oder -ab, je nach Ziel, und oft sind die Wege so steil, dass man schon hellwach sein muß. Viele schmale Fußwege ziehen sich durch das hügelige Terrain. Manche verlaufen haarscharf an einer steilen Kante vorbei und sind deshalb mit einem Handgeländern gesäumt. Immer wieder findet man einen Platz, wo man auf einmal einen fantastischen Ausblick hat. Da liegt dann ganz plötzlich die ganze Innenstadt vor einem. Die Silhouette von Manhattan-on-Thames (Docklands) ist zum Greifen nah. 

 

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High Street am Sonntag. Rechts der Bahnhof Hampstead. Geradeaus die alte Feuerwache mit Turm. Von dort oben kann man bis zur Themse gucken. Früher wurde nachts von hier aus nach Bränden Ausschau gehalten.

 

Wir schlendern vom Zentrum, also dem Bahnhof, immer die High Street entlang. Dann biegen wir in die Church Row ein. Wir müssen die ganze Zeit bergan gehen, unser Ziel ist ein alter Friedhof am Ende der Strasse. Da können wir dann in den Holly Walk einbiegen, der begrenzt die Ruhestätte. Ein begehrtes Plätzchen. Der Friedhof ist voll belegt, die freien Gräber sind rar und deshalb teuer. Wer hier wohnt, also zu Lebzeiten wohlgemerkt, hat viel Geld für sein Haus bezahlt. Trotzdem ist das irgendwie alles noch durchaus im “normalen” Bereich. Ich kenne Gegenden in Hamburg, da stehen ganz andere Villen auf weitflächigen Grundstücken. Diese Häuser hier sind eher alte Bausubstanz, meistens schöner roter Klinker, und irgendwie ganz und gar nicht protzig. Das sieht alles gepflegt, gemütlich und einladend aus. Einzig die Autos auf den Straßen fallen aus dem Rahmen. Statt Kleinwagen, stehen hier Mercedes C- oder E-Klasse geparkt. Auch mal ein kleiner Porsche dazwischen. Aber das ist eigentlich alles noch bodenständig und in Hamburg in jeder besseren Wohngegend zu finden. Kurz um, der Engländer hat kein Bedürfnis seinen materiellen Reichtum zur Schau zu stellen. – George zeigt auf eines von zwei größeren Einzelhäusern und meint dass dort die Schauspielerin Dame Judi Dench wohnt. Natürlich sagt mir ihr Name etwas, aber ich hätte ein “Anwesen” erwartet und bin deshalb umso angenehmer überrascht. 

 

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Die Church Row. Hier wohnen sehr reiche und/oder prominente Leute. Ich bin überrascht. Es ist alles angenehm normal.

 

“I hope we take the same way back?”. Es geht ständig bergan und meine einzige Hoffnung ist der Rückweg, der dann deutlich flotter zu meistern sein sollte. George grinst, hat eine andere Route im Sinn, aber vorher will auch er erst einmal eine Pause machen. Also steuern wir das Holly Bush an, ein prachtvoller alter Pub mitten im Herzen Hampsteads. Er liegt ein bißchen versteckt in einer kleinen Nebenstraße, aber das ist mit George an meiner Seite keine Hürde. Natürlich ist er hier nicht zum ersten Mal.

 

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Die Schilder mit den Straßennamen verraten einem immer viel: Hampstead gehört zum Borough of Camden, es ist postalisch in London NW3 zu finden und der vage Hinweis, das breite Autos stecken bleiben. Ab wann ist man breit?

 

Ein Schild am Eingang sagt: Dogs are welcome. Das gilt wahrscheinlich in fast allen Pubs. Im Holly Bush gibt es noch einen richtigen offenen Kamin mit echtem Feuer. Man sollte hier also unbedingt einmal abends hingehen. Ich liebe diese großen Kamine, die man in vielen Gasthäusern findet. Sie zaubern eine einmalige Atmosphäre. Kein Wunder, dass sie noch immer schmerzlich von vielen Hausbesitzern vermißt werden. Wir wollen ein Bier trinken und freuen uns, dass man hier noch ‘real ale’ eingeschenkt bekommt. ‘Real’ bezieht sich auf die Art und Weise des Zapfens. Ein real ale wird nur mit Luft aus dem Fass gedrückt; es kommt keine Kohlensäure hinzu. Das heißt der Wirt sollte starke Arme haben, denn seine Muskelkraft ist Vorraussetzung für das volle Glas Bier. Wir haben die Wahl zwischen einem Dutzend Sorten. Alle haben phantasievolle Namen wie Spitfire, Master Brew, Early Bird und Bishops Finger. Wer sich nicht auskennt, sollte nachfragen. Die Biere unterscheiden sich nicht nur im Geschmack sondern auch ganz gewaltig im Alkoholanteil. Ein Starkbier kann 10 Promille haben. Im Holly Bush kann man gut essen. George bestellt sich eine beef cheek pie, also ein Pastete mit Hackfüllung und ich will die beer battered fish & chips haben. Hinterher gibt es noch ein Erdbeertörtchen für jeden und dafür zahlen wir £35 Pfund, also ca. 43 Euro. Getränke gehen extra. Das ist nicht billig, aber der Pub gehört zur Oberliga und könnte sich auch Restaurant nennen. Ist er aber nicht, denn natürlich gibt es jede Woche die traditonelle Quiz Night, die die Engländer über alles lieben. Eigentlich ist es dasselbe wie die diversen Rateshows im deutschen Fernsehen, allerdings mit realen Begegnungen und anfassbaren Freunden. Wer am Wochenende im Holly Bush speisen will, sollte vielleicht lieber einen Tisch vorbestellen. Es war gut besucht und nach dem leckeren Essen wundert mich die Beliebtheit nicht.

 

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Das Holly Bush in Hampsteadt. Der Pub liegt ein bißchen versteckt in einer Nebenstraße, aber ein Schild weist rechtzeitig den Weg.

 

Inzwischen war die Sonne herausgekommen und im Biergarten wurde gerade ein Tisch frei, also wechselten wir nach draußen. Was für ein schöner Tag. George blinzelte zufrieden und streckte die Beine aus. Ach du meine Güte! Die brombeer farbenen Socken waren nicht mehr zu übersehen! Etwas verstohlen schaue ich mich um; niemand scheint es bemerkt zu haben. Jedenfalls fixiert uns keiner und getuschelt wird auch nicht. Aber dann fällt mir etwas auf. Wie konnte ich das bloß übersehen? Da ist ein Meer von Farbtupfern unter den Tischen: türkis, signalrot, leuchtend orange und sogar zweifarbig: malve-pink gestreift. Alles Sonntagssocken, paarweise an den englischen Füßen der Londoner Männerwelt. Na dann Prost, endlich Wochenende.

 

 

  

The boss himself says:

George raises the glass and says: “Many people die of thirst but I was born with one. Cheers.” 

Und ich: “London und seine Bewohner sind das Beste was mir in meinem Leben passiert ist, denn beides macht mich glücklich.

 

 

  

Was passierte noch am 14. April?

de 1962

Auf St. Pauli eröffnet der Star-Club. In den sieben Jahren seines Bestehens spielen

dort zahlreiche Größen der Rockmusik. Vor allem der Auftritt der Beatles trägt zum

Weltruhm des Clubs bei. – Oh yes, ich war dabei!

uk 2015

 

Oups, nothing happend. Last year I posted something about “The feel-great moments”.

My feelings haven’t significantly changed since then. Just as it should be.