45. Tag, Rest: 321 Tage

Jetzt oder nie. Entschlossen verkünde ich George, dass ich mein Touristenprogramm starte. Und zwar heute. Keine Reaktion. Erst als er begreift, dass ich meine diversen Touren ohne ihn plane, zeigt er wieder sein breites Lächeln. Ich kann es nachempfinden, denn in Hamburg habe ich auch selten Lust ihm Plätze zu zeigen, die ich im Schulalter besuchen mußte und zu denen es mich später nie wieder hinzog. “Where’re you going to? ” Lime Street, Lloyds building. “Alright, meet you at five o’clock at Leadenhall Market?” Gute Idee, so machen wir es.

satellit
Mein Ziel ist die City of London / Spitalfields. Die Undergroundstations Bank, Monument oder Aldgate sind alle gleich weit entfernt. Die Hochhäuser sind nicht zu verfehlen. Oder Sie fahren gleich mit dem Bus. Das Lloyd’s building (mit Stecknadel markiert) ist mit seinen 14 Etagen eher klein.

Mein Ziel ist also die moderne City of London, dort wo die Banken sind. Die markanten Hochhäuser sind gar nicht zu verfehlen: The Gherkin oder das Leadenhall building (gennant The Cheesegrater) liegen in Griffweite. Nun ist Lloyd’s eine der ältesten und größten Versicherungen weltweit und natürlich wird in ihrem Flagschiff emsig gearbeitet. Da kann man nicht einfach reinmarschieren und gucken. Aber es werden regelmäßig Führungen angeboten und ich habe meine Beziehungen spielen lassen. Schließlich war ich selbst bei einem internationalen Ölriesen beschäftigt, der sein Headquarters in London hat, und dort kenne ich noch zwei, drei Kollegen. Sie brachten mich als Gast in einer Führung unter. Lloyd’s bietet das nicht kostenlos an, aber mit £12 war ich dabei. Und gut zwei Stunden später wußte ich, jeder Penny hat sich gelohnt.

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Haupteingang zum Lloyd’s building. Lime Street No. 1. Falls Sie eine Tour buchen wollen, rufen Sie doch einfach bei Lloyds an: 0044 20 7327 1000

Das Lloyd’s building ist älter als die anderen Skyscrapers. Es wurde 1986 fertiggestellt. Mit 14 Etagen ist es nicht halb so groß wie die Nachbarn, aber es fällt trotzdem auf. Wahrscheinlich haben sie es auch schon einmal gesehen, denn es wird gerne als Filmkulisse genutzt. Der Architekt, -sorry, ich habe den Namen vergessen,- dachte und plante revolutionär. Alles was den Bewohnern nicht nützt oder einfach häßlich ist, hat er aus dem Inneren verbannt. So entstand ein Haus, dessen Versorgungsleitungen, Fahrstühle und Klimaschächte ausserhalb der Fassade angebracht wurden. In Hamburg gibt es einen Nachahmer: Das Gruner & Jahr Haus an der Elbe, aber es hält keinen Vergleich stand.

Im Inneren des Lloyd’s buildings ist ein offener Platz, ein Atrium, das sich durch alle Etagen zieht. Es ist riesig und bietet Blick auf die Büros, die sogenannten Boxes *), die rundum angeordnet sind.


*) Da fällt mir ein Witz ein, den ich loswerden muß. Als George mich im Hamburger Büro einmal abholte, nannte er die Besprechungszimmer Boxes. Es waren die einzigen geschlossenen Räume innerhalb des Großraumbüros. Er fragte ob man es mit ‘Kiste’ übersetzen kann und man stimmte ihm höflich zu. Dann fragte er mich laut: “Kommst du mit in die Kiste?” Riesen Gelächter und bis heute bei allen unvergessen.


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Abends wird das Lloyd’s blau-grün angestrahlt. Ein Hingucker.

Das ganze Haus ist lichtdurchflutet, wirkt noch immer hypermodern und hat im 11. Stock eine visuelle Überraschung zu bieten. Auf einmal steht man mitten im 18. Jahrhundert, wenn man durch die Tür zum Commitee Room gegangen ist. Hier hat man einen holzvertäfelten Dining Room original getreu nachgebaut, der kurz einfach Adam Room genannt wird. Vielleicht war Mr Adam einer der Gesellschafter? Man hat es bestimmt erklärt, aber ich habe nicht alles verstanden. Wenn ich staunend irgendwo stehe, habe ich keine Konzentration für sprachliche Hürden übrig. In der Mitte des musealen Raumes steht eine gedeckte Tafel, die nur darauf wartet, dass die Lady und seine Lordschaft sich setzen wollen. – Downstairs, also ganz unten, fällt ein anderer Raum sofort auf. Es ist der Underwriting Room. Hier wurden und werden Unterschriften geleistet. Man muß wissen, Lloyd’s ist keine ‘normale’ Versicherung. Bei Lloyd’s treffen sich Makler, Reeder und Kaufleute und handeln wie an der Börse. (Mit was auch immer; von dieser Welt weiß ich wenig). Auf jeden Fall hängt hier eine blankgeputzte Schiffsglocke, aufgehängt wie ein Heiligtum in einem Tempel. Es ist die Lutine Bell, die mit ihrem Schiff 1799 auf den Weltmeeren versank. Es war wohl das erste Schiff, das von Lloyds versichert worden war. Aber vielleicht war auch nur die Ladung versichert, denn eigentlich ging es immer nur darum. Werden die Waren ankommen? Nur dann wird gezahlt, nur dann kann das Geschäft gemacht werden.

Immer wenn ein bei Lloyd’s versichertes Schiff vermißt gemeldet wurde, wurde die Lutine Bell einmal geläutet. Bange wartete man dann auf Nachrichten und wenn sich das Schlimmste bestätigte und das Schiff als verloren galt, dann schlug die Glocke zweimal. Das passiert auch heute noch, aber keine Angst, es geht um keine Verluste auf hoher See. Heute gilt das Läuten der Börse, one stroke for bad news and two for good. Und wenn sie Sturm bimmeln, dann haben wir den nächsten Bank- und Börsencrash.

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Das Herz des Gebäudes ist das Artrium. Unten links sieht man in den Underwriting Room mit der Lutine Bell in seiner Mitte.

Über den Haupteingang verlasse ich das Gebäude und stehe gleich vor dem Leadenhall Market. Prima, da bin ich mit George verabredet. Jetzt noch das richtige Restaurant finden und dann kann ich ihm erzählen, was er alles versäumt hat. Was für ein toller Platz ist das jetzt schon wieder? Ich stehe in einem gigantischen Einkaufszentrum, das mich sofort begeistert. Irgendwie kommt mir das alles bekannt vor. Déjà-vu oder schon einmal geträumt. Und dann fällt der Groschen. Schon wieder stehe ich in einer Filmkulisse, hier hat auch schon Harry Potter seine Einkäufe erledigt. Klare Sache, ich bin in der Winkelgasse gelandet! Darüber schreibe ich dann demnächst mal.

kran
Es hat gedauert bis ich den Gag gefunden hatte, den der Engländer immer irgendwo einbaut. Man hat die Baukräne auf den Dächern einfach stehen lassen und dem Bauherrn als Kunst verkauft. Eine Demontage wäre aufwendig und teuer geworden. Nicht schlecht: Wahrscheinlich waren damals Engländer und Schotten am Werk!

 

 

The boss himself says:

George: „Because Lloyd’s building has staircases, elevators and water pipes on the outside, it’s nicknamed the ‘inside-outside building’. I have no idea what they do, if they need the plumbers? Perhaps a case for the mountain rescue service.

Und ich: “Das war der perfekte Ausflug. Erst geballtes Wissen jetzt haarsträubender Blödsinn. Aber lustig. Und ich freue mich, dass er auch im zweiten Jahr noch an Valentine gedacht hat.”

 love

 

Was passierte noch am 14. Februar?

de 1939 In Hamburg läuft das 46.000-Tonnen-Schlachtschiff Bismarck vom Stapel. Sie ist das

zu diesem Zeitpunkt größte und kampfstärkste Schlachtschiff der Welt. Im Mai 1941

wird sie von den Briten versenkt.

uk 1946 The Bank of England is nationalized. – But more important than banking news or

battleships is the spirit of Valentine’s Day. YES, it’s today.