46. Tag, Rest: 322 Tage

Sobald man die gewohnte Umgebung verläßt, vermisst man Dinge, die man vorher kaum beachtet hat. Das ist gar nicht schlecht, denn es zwingt einen die eigene Werteskala zu hinterfragen. Wenn ich in London bin und George zu Hause arbeitet, kommt es schon mal vor, dass er mir um die Mittagszeit gewaltig auf die Nerven geht. Kaum bin ich alleine in Hamburg, vermisse ich ihn schon vor dem Frühstück! Noch drastischer lernte ich die Lektion nach einem Umzug. Erst als ich in der neuen Wohnung angekommen war, merkte ich, dass ich vorher in einem wahren Paradies lebte. Nach einigen durchheulten Nächten und hundsmiserablen Tagen zog ich die Notbremse. Drei Monate später  war ich wieder in der alten Wohnung, wo ich bis heute sehr glücklich bin.

 

supermarkt
Große Auswahl an Supermärkten. Auch Aldi und Lidl sind in London zu finden.

 

In England entdecke ich viele Dinge im Alltag, die anders sind als ich es gewohnt bin. Oft Banales und doch muß ich mich erst einmal umgewöhnen und das ist immer unbequem. So eine Alltäglichkeit, oder vielleicht ist es gar keine (?), beschäftigt mich regelmäßig im weekly grocery shop. Egal in welchem Supermarkt ich unsere Vorräte auffülle, die Auswahl der Produkte ist gar nicht so einfach. Dabei meine ich jetzt gar nicht die riesige Auswahl, denn viele Märkte sind so groß, wie ich sie noch nie gesehen habe. Nein, ich meine jetzt die Art der Etikettierung der Artikel. Die ist für mich veraltet, denn es fehlt der Preis für eine feste, vergleichbare Einheit. Also auch in England sind längst sehr ‘krumme’ Mengen in einer Verpackung, da finden sich mal 80 Gramm und auch mal 465 Gramm. Das mag willkürlich gewählt sein oder irgendwie mit den alten englischen Maßeinheiten korrespondieren. Ich jedenfalls kann es kaum miteinander in Beziehung setzen und kann deshalb auch schwer das günstigste Angebot erkennen.

 

beer
Der Boss greift zielsicher zum deutschen Bier. Was eine Dose kostet weiß kein Mensch, das muß man errechnen. Vom Dosenpfand blieb der Engländer bisher verschont, das ist ihm wohl zu kompliziert. Aber wer weiß?

 

Dazu kommt, dass die Engländer ständig mit Lockangeboten geködert werden. Sogenannt multi-buy deals sind beliebt, aber wohl nur, weil jeder sich als Sieger wähnt. Ein Irrtum. Buy-one-get-one-free offers sind fast schon die Regel. Egal ob ich bei Waitrose, Tesco, Asda, Morrisons oder Sainsbury’s einkaufe, überall wird meine Rechenfertigkeit hart auf die Probe gestellt. Ohne anspruchsvollen Dreisatz kann ich weder Chips noch Klopapier einkaufen. Und das geht den Einheimischen wohl ähnlich. Jetzt wurde das Problem endlich auch von den Politikern erkannt und auf den Punkt gebracht: “Supermarkets are realising that simple pricing and communications, and honest and fair value is what customers want.” Ganz aus eigener Einsicht sind die Manager aber nicht darauf gekommen, sondern ihnen droht ein gesetzliche Verordnung, die die multi-buy deals verbieten will. Ein Gutachten hat herausgefunden, dass diese Lockangebote den Kunden durchschnittlich um die £1.000 pro Jahr zusätzlich aus der Tasche ziehen. Alles für Einkäufe, die sie eigentlich gar nicht machen wollten. Ich bin heilfroh, wenn endlich Ordnung in die Angabe von Preis und Inhalt gebracht wird. Und bis dahin schicke ich einfach den Boss am Freitag los, der meint nämlich: “You make a mountain out of a molehill!”

 

markt-free
Ganz Marktabteilungen bieten ausschließlich buy-one-get-one-free offers an. Viele glauben hier etwas geschenkt zu bekommen und merken nicht, dass sie über den Tisch gezogen werden.

 

Wüsten Sie welches Angebot das beste ist? Beide Beispiele sind aus realen Anzeigen:

a) Six pints of milk for £1.80

b) Two six-pint cartons of milk on offer for £3.50

c) Two four-pint cartons of milk on offer for £2.00 

 

oder noch besser und überall zu finden:

 

a) One 500g pack of lemons costing £1.20

b) Buy one get one half-price deal on 250g packs of lemons costing 70p each

c) Buy two get the third free deal on 200g packs of lemons costing 70p each

 

Ach, ich gebe es auf, der Tee schmeckt auch ohne Zitrone. Die Milch ist wichtiger.

 

 

The boss himself says:

George: „I was fascinated by a display of gloves in our local shopping centre with the label: Buy on, get on free.

Und ich: “Und, hast du akzeptiert oder runtergehandelt?”

 

 

Was passierte noch am 15. Februar?

de 1912

In Hamburg wird mit dem ersten Abschnitt der Ringbahn zwischen Rathausplatz 

und Barmbek der dritte U-Bahn-Betrieb in Deutschland in Betrieb genommen. 

uk 1971

Am Decimal Day wird in Großbritannien das Pfund Sterling auf das Dezimalsystem 

umgestellt und damit in 100 Pence eingeteilt.