136. Tag, Rest: 230 Tage

blog-paddington-signAlle lieben ihn. In England ist er genauso bekannt wie die Royals. “I’ve always had great respect for Paddington … He is a British institution.” So äußerte sich Stephen Fry über P.B., dem er mit seiner Stimme Leben einhauchte, als die Abenteuer des knuffigen Bärens als Hörbuch veröffentlicht wurden. Wen rührt die Geschichte des kleinen Bären nicht an? Der als blinder Passigier im Londoner Hafen ankommt, mit einem inzwischen leeren Reisekoffer in der Pfote und einem Pappschild um den Hals auf dem zu lesen ist: Please look after this bear. Thank you. Kreuz und quer lief er am ersten Tag durch London und war schließlich am Bahnhof Paddington gestrandet. Es war schon spät und er hatte sich müde auf seinen Koffer gesetzt. Passenderweise direkt vor dem Fundbüro. Menschen eilten an ihm vorbei, alle wollten schnell nach Hause, aber niemand nahm von ihm Notiz. Bis dann endlich Familie Brown eintraf. Vielleicht waren sie vom Flughafen Heathrow gekommen oder mit dem Schnellzug aus Oxford eingetroffen, auf jeden Fall wollten auch sie so schnell wie möglich in ihr Londoner Haus heimkehren. Und da fiel Mrs Brown der kleine Bär auf, sie kehrte noch mal um, schlug die Warnung ihres Gatten: “Danger, stranger!” in den Wind und nahm den Heimatlosen kurzerhand mit nach Hause. Nur für eine Nacht, beruhigte sie ihren Mann. Ja und nun wohnt der kleine Bär seit sechzig Jahren bei den Browns. Er hat einen Namen bekommen, nämlich Paddington, und er ist längst ein echtes Familienmitglied geworden.

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Irgendwie ist mir diese Geschichte nicht so ganz fremd, obwohl ich damals ein Rückflugticket hatte. Ansonsten kannte ich London genauso wenig wie Paddington und stellte ich mir nicht auch die bange Frage: Nur für eine Nacht? Grund genug den namensgebenden Bahnhof mir einmal anzusehen. Er liegt nördlich des Hyde Parks, also in bester Gegend, ist aber eher von kleineren, oft wenig schönen Straßen umgeben. Paddington ist eine der am höchst frequentierten Stationen des gesamten Londoner Netztes. Das liegt daran, dass dort gleich einige Linien zusammentreffen. Ein echter Umsteigeknoten zwischen Underground, Overground and Railway. Neben der Tube kommen hier auch die Sonderzüge vom Flughafen an: Der Heathrow Express (Fahrzeit 15 Min. / Preis ca. £30) und der Heathrow Connect (Fahrzeit 45 Min. / Preis ca. £10). Und in Paddington hat die First Great Western Railway ihren Londoner Endbahnhof. Mit diesen Fernzügen fahren die Pendler täglich aus Reading oder Oxford kommend in die City.

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Paddington Station ist von außen klein und unscheinbar. Dahinter verbirgt sich einer der größten Bahnhöfe Londons bzw. es sind eigentlich mehrere nebeneinander.

Was der Bär an seinem ersten Tag in London auf dem Bahnhof Paddington erlebt, entspricht also genau der Realität. Hier hasten morgens und abends tausende Menschen über die Bahnsteige, suchen sich ihren Weg durch die Tunnels und fahren dann mit einer anderen Linie weiter. Kaum einer der hier aussteigt, wohnt hier auch. Fast alle wechseln nur den Zug. Gleich am Haupteingang, in der Halle am Gleis 1, steht eine Statur. Ich füchte sie wird genausowenig wie Paddington damals auf seinem Koffer wahrgenommen. Man ehrt hier einen Mann namens blog-statueIsambard Kindom Brunel. Ein französischer Ingenieur, der viele der Brücken, Tunnel und Viadukte baute, die noch heute von der Western Railway genutzt werden. Der Geehrte, von dem ich noch nie gehört hatte, sitzt übrigens auch. Allerdings nicht auf einem Koffer sondern auf einem Stuhl. Ich bin ein bißchen enttäuscht, heimlich hatte ich ein anderes Denkmal erwartet. Bevor ich mit einer der vielen Tubes wieder in die City fahre, will ich mir schnell noch die moderne Wandelhalle ansehen, deren tonnenrundes Dach ganz und gar verglast ist. Ich fahre die Rolltreppe Richtung ‘The Lawn’ herunter und da sehe ich ihn schon mit dem Rücken zu mir sitzen. Unverkennbar, das ist niemand anders als Paddington. Das Schild um den Hals, den Südwester auf dem Kopf und den Koffer unterm Hintern. Da hält er Ausschau. Natürlich bleibe ich stehen, mache ein Foto und bevor auch ich weitergehe flüstere ich ihm schnell noch in den dicken Pelz: Don’t give up. Mr and Mrs Brown are on their way. Tonight you will sleep safe and cosy in your own bed.

 

The boss himself says:

George says: “If there is any parallel to your story than I wonder which person I am?  Mr or Mrs Brown? Or both?

Ich sage: “Ich glaube ich finde bei dir Eigenschaften von Mr Gruber und Mrs Bird wieder.” “I can both no longer remember in detail. Nice people?” “Und ob, sogar sehr.” “And what does P.B. means? For what does it stand for?” “Ich weiß es nicht genau, vielleicht für Paddington Bear oder für Paddington Brown. Beides passt gut.”


PS: Vor wenigen Tagen las ich, dass der Autor und Erfinder von Paddington, der Schriftsteller Michael Bond, den kleinen Bären durch ein sehr konkretes Erlebnis erschuf. Er passierte am Christmas Eve 1956, als er gemeinsam mit seiner Frau bei Selfridges einkaufen war. Im Regal entdeckte Michael einen einzigen, letzten Teddybären. Nun ja, nächsten Morgen war Bescherung und sie waren wirklich etwas spät mit ihren Einkäufen dran. Der einsame Teddy hatte sofort seine Aufmerksamkeit, denn es rührt ihn an, dass der kleine Wuschel liegengeblieben war. Wären es zwei gewesen, wäre er weitergegangen. So aber konnte er nicht anders, er kaufte den Teddy und nahm ihn mit nach Hause. Und dort haben sich beide wohl noch ein bißchen unterhalten. Aus der Geschichte wurde erst ein Kinderbuch und dann eine märchenhafte Erfolgsstory. In diesem Jahr wird Paddington also 60 Jahre alt und wahrscheinlich hat er noch immer seinen Mantel an und den Hut auf dem Kopf, wenn er durch London streift, um seine Wahlheimat aus allen Winkeln wahrzunehmen. Der Koffer ist ihm vielleicht inzwischen zu schwer, aber den braucht er auch nicht mehr. Der ist längst ausgepackt, denn Paddington ist genau da angekommen, wo er sich immer hinträumte: Mitten in London.

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Vor einem Jahr wurde Paddington in der ganzen Innenstadt geehrt. Überall hatte man ihn aufgestellt, jede Statue war von einer bekannten Persönlichkeit angezogen worden. Sehr bunt, sehr lustig. Leider inzwischen abgebaut.

Was passierte noch am 15. Mai?

de 1974 Walter Scheel von der FDP wird zum deutschen Bundespräsidenten gewählt. – Später

trälltert er ‘Hoch auf dem gelben Wagen’ bei Thoelke im TV. Gar nicht schlecht.

uk 1536 Anne Boleyn, Queen of England, stands trial in London on charges of treason,

adultery and incest. She is condemned to death by a specially-selected jury.

(Heute reicht der Scheidungsanwalt, der Scharfrichter hat Pause.)