259. Tag, Rest: 107 Tage 

Sie träumen von einem langen London Aufenthalt? Möchten am liebsten die Königin privat treffen? Haben wenig Geld in der Reisekasse? Sprechen zwar ein bißchen Englisch, haben aber das Berufsstudium vorzeitig beendet? Perfekt. Dann sind Sie genau der/die Richtige für das Project “Clean for the Queen”. Nein, ich meine nicht die Aufräumaktion, die im Frühjahr durchgeführt wurde, um London für den Geburtstag der Monarchin fit zu machen. Ich spreche von einer aktuellen, vakanten Stellenausschreibung im Buckingham Palace.

Man sucht ‘housekeeping assistants’, was ich mal mit Reinigungskraft übersetzten würde. Eine Besonderheit drückt das Wort ‘live-in’ aus, das ich eigentlich davor hätte setzen müssen. Es bedeutet nämlich freie Logis und Kost im Palast. Gut, das Zimmer wir eher unterm Dach sein, als neben den privaten Räumen, aber immerhin. Man erwartet nicht allzuviel von der neuen Hilfe: “She/he has to clean and care for interiors and items from carpets and furniture to historic vases and irreplaceable paintings.” Man wird also den ganzen Tag in vertrauter Nähe zu den königlichen Vasen und Gemälden mit dem Staubmop*) wedeln. Und weil das langweilig werden könnte, darf man von Zeit zu Zeit auch Gäste betreuen (ich vermute deren Bäder saubermachen) und bei speziellen Events aushelfen. Da lernt man dann Hüns und Pedüns kennen.

 

*) Übrigens: In England heißt der Staubwedel duster. Warum um alles in der Welt nennt man einen Geländewagen so? Okay, der soll auch Staub aufwirbeln, aber die Assoziation zum Mop finde ich nicht soooo sexy.

 

buckingham-palace
Im Palast arbeiten ca. 350 Leute mit Zeitverträgen. Pünktlich zu den Sommerferien müssen sie gehen. Das spart eine Menge Lohn ein. Ab Oktober werden dann viele neue Verträge unterschrieben.

 

Sie fühlen sich für den Job überqualifiziert? Urteilen Sie nicht zu schnell, denn: “This is no standard housekeeping role. You’ll work, and live, in stunning historic settings, ensuring that they’re presented to their best for colleagues, guests and, of course, the Royal Family.” Ich will mal nicht allzu pessimistisch sein, aber den ‘stunning historic setttings’ wird man wohl schon morgens unter der eigenen Dusche begegnen. 

 

frogs
Englische Badekultur ist unkompliziert und manchmal überraschend.

 

Wie gesagt, spezielle Anforderungen wie berufliche Abschlüsse oder ähnliches erwartet man nicht. Aber man hat schon hohe Erwartungen: Qualities needed in the housekeeping assistant are someone who takes care and pride in their work as well as having excellent communication and time management skills. Wenn ich mal übersetzten darf: Sie halten die Klappe und leisten klaglos Überstunden. Was ich durchaus in Ordnung finde, aber im Kleingedruckten geht es noch weiter: “You will also need to be house-proud about the world’s most famous homes”. Na gut, warum nicht ein bißchen Stolz zeigen. Obwohl wenn man alle Ecke des alten Kastens kennt, der ziemlich morsch sein soll, dann bekommt man womöglich ein ganz anderes Bild?

 

tor
Jeder will hier hinein. Warum nicht gleich bleiben und hier arbeiten? Werktags wird geputzt und sonntags ist man dann stolz auf den Palast. My home is my castle …

 

Wer dazu bereit ist und sich für den Job fit fühlt, bekommt immerhin £17.000 pro Jahr plus kostenfreies Bett und Schrank. So steht es wörtlich in der Anzeige und das lässt mich befürchten, das man kein eigenes Zimmer beziehen darf! Rechne ich das Gehalt in Euro pro Monat um, dann komme ich auf 1.672€. Brutto???? Damit kommt man in London nicht weit. Die Versuchung wird groß sein, hin und wieder eine Vase oder ein Gemälde rauszuschmuggeln und auf dem Camden Market einzutauschen. Großzügig zeigt man sich in den Extras. Man bekommt 33 Tage Urlaub, was für Londoner Verhältnisse enorm viel ist. Weiter wird ein “comprehensive benefits package” versprochen, womit wohl Weihnachtsgeld etc. gemeint ist. Man zahlt sogar in die Pensionskasse ein, zwar nicht den vollen Beitrag, aber immerhin das Minimum. Und schließlich darf man kostenfrei diverse “Freizeiteinrichtungen” nutzen. Heißt das man macht Zirkeltraining mit den Royals oder meinen die einfach ein Picknick auf dem Rasen? Ich weiß es nicht, aber ich würde mich einfach mal überraschen lassen. Immerhin ein sehr spezieller Arbeitsplatz, der vielleicht sogar eine Zeit lang ziemlich viel Spaß macht. Man hat weder Geschlecht noch Alter begrenzt, aber ich fürchte ich brauche gar nicht vorstellig zu werden. Man wird mich für zu alt halten. Andererseits könnte ich ja fast die Enkelin der Hausherrin sein. So gesehen …  

 

 

drawing-room
Man sollte die Aufgabe nicht unterschätzen. In Räumen wie diesen (White drawing room) dauert das Staubwischen wohl länger. Wer wienert den Kronleuchter?

 

 

The boss himself says:

George says: “You want to be a housekeeper? You can do it here. I can offer you everything you want. You can clean the house, look for the garden, wash my socks and very exclusive, only for you, share my bed.

Ich sage: “Was für ein Glücksfall bei dir putzen zu dürfen! Da komme ich dir sogar noch entgegen: Du bedienst Waschmaschine und Staubsauger selbst und ich verzichte dafür auf den Urlaub.” “Perfect agreement.” 

 

Bevor wir nun die Royals als Geizkragen beschimpfen, sollte ich wohl klarstellen, dass der Buckingham Palast dem Staat gehört. Ich weiß es zwar nicht hundertprozentig, gehe aber eigentlich davon aus, dass der dort tätige Royal Household ebenfalls aus Steuergeldern finanziert wird. Ja, wenn ich darüber nachdenke, bin ich mir sogar ganz sicher. Es handelt sich schließlich um einen Amtssitz. Präsident Gauck bezahlt den Gärtner im Schloss Bellevue ja auch nicht aus der eigener Tasche. Also, die Queen trifft keine Schuld am mickrigen Lohn. Sie ist zwar der Chief aber nicht der Boss.

 

 

Was passierte noch am 15. September?

 

de 1998

Die ICE-Strecke Hannover–Berlin wird in Betrieb genommen. – Und was war

vorher??? Bimmelbahn? Oder stand da noch ein Stück Mauer im Weg?

uk 1830

Mit Eröffnung der Strecke Liverpool–Manchester beginnt das Zeitalter der

Dampfeisenbahn. Dabei wird der Politiker William Huskisson von der Lokomotive 

The Rocket erfasst und tödlich verletzt. – Was ist bloß mit den Engländern los? 

Heimliche Sehnsucht nach Selbstmord? Kein Gespür für gefährliche Situationen?

Vor lauter Lebensfreude immer außer Rand und Band? Ich weiß es auch nicht

so recht, aber die vielen Toten sind schon bemerkenswert. Durchschnittlich

einmal pro Woche kommt es in der London Underground bzw. auf den Stationen

zu einem Selbstmordversuch! Ich würde mir ggfs. andere Mittel wählen.