47. Tag, Rest: 319 Tage

Ich war in London verabredet. Und zwar mit Immobilienmaklern! Erst entdeckte ich ihre Angebote im Internet, dann wurde ich neugierig und schließlich treffen wir uns in Dulwich, ein Stadtteil im Süden der Stadt. Nette Gegend inmitten von grünen Parks. Gerade noch innerhalb der Ringautobahn, der Cicular Road, die London einmal umkreist. Ca. 10 km dürften es bis zum Zentrum sein (St Pauls). Die Southern Overground fährt in der Nähe vorbei, aber keine Haltestelle ist in Fußnähe, deshalb bin ich gleich mit dem Auto gefahren. Es geht um ein typisches englisches Reihenhaus mit two bedrooms, bathroom, modern kitchen and a large garden. Kaufpreis £800.000. Ja, Sie lesen richtig, eine gute Million Euro soll das Domizil kosten. Ich habe die Summe nicht wirklich in der Tasche, weder real noch virtuell, bin aber einfach mal neugierig. Da ich selbst einige Jahre in der Immobilienbranche gearbeitet habe, finde ich Treffen mit Maklern immer ganz amüsant. Ohne Tricks habe ich noch keinen erlebt, manche gehören zum Verkäuferhandwerk andere sind eher dreist. Was ich aber jetzt zu sehen bekommen, haut mich um.

3meter-haus
Das ist nicht die Garage sondern das komplette Haus! Den ‘large garden’ schätze ich auf max. 30 qm. Aber das reicht dem Londoner.

 

Das Haus ist ungefähr drei Meter breit!  Innen sehr schick renoviert, eine traumhaft schöne Küche, alles picobello. Hinten ein Garten, vielleicht acht Meter tief und natürlich nicht breiter als der Rest. Rundum von einem mannshohen Bretterzaun blickdicht eingerahmt. Gut, das ist normal, der Engländer mag es nicht, wenn ihm der Nachbarn in den Garten gucken. Das ist geheiligtes privates Land. Kopfschüttelnd ziehe ich von dannen. Selten sieht man ein so gut ausgestattetes Haus, ordentliche Verglasung, moderne Sanitärtechnik, sogar eine Fußbodenheizung ist eingebaut. Man könnte vermuten, dass sogar das Dach isoliert wurde. Einen Keller gibt es nicht, die Etage wurde von den Engländer bisher noch nicht entdeckt.

Ich muß mich beeilen, denn ich habe noch eine weitere Wohnung auf meiner Liste. Diesmal etwas näher am Zentrum, wieder ein rot geklinkertes Reihenhaus, darin eine ‘two bed flat’. Die Wohnung wird zum Schnäppchenpreis von £125.000 angeboten. Sie ist nicht renoviert und deshalb hat der Verkäufer auf weitere £50.000 verzichtet. Werfen wir mal einen Blick ins Badezimmer:

bathrrom

Man beachte, Wanne, Wachbecken und Klo sind neu, nur der Schimmel an Decken und Wände stammt noch vom Vormieter. Dem Makler ist der Zustand der Eigentumswohnung überhaupt nicht peinlich, denn die Wohnverhältnisse in London sind wirklich im Vergleich zu unseren grottenschlecht. Leitungen über Putz finden sich noch immer überall. Aber dieser Saustall ist wirklich atemberaubend. Im Wohnzimmer ein wüstes Durcheinander. Die Wohnung ist noch voll möbliert, aber manches was da auf dem Boden liegt sieht mir eher nach Müll aus. Als ich untypischer Weise sofort auf den Punkt komme: “The walls are mouldy, everywhere around are mounds of rubbish and fleas to keep you company”, lächelt er mich an und rät mir: “Wipe your feet on the way out”. Au weia! oder stöhnte ich Ouch! beim Herausgehen?

 

living room
Das Wohnzimmer mit dem zugemauerten Kamin. Ein heller Raum, daraus hätte man was machen können.

 

Eine 2-bed-flat or house hat natürlich auch ein Wohnzimmer. Das wird nicht extra in den Angeboten der Makler genannt. Die Böden sind meistens minderwertig, mal Linoleum oder durchgelatschtes PVC, oft auch uraltes Parkett unter billigen Nadelfilzfliesen. Das Holz voller Schrammen und stumpf wie Teflon. Die Wände sind fast immer tapeziert. Dabei hat der Engländer eine merkwürdige Vorliebe für Mustertapeten. Sie erinnern mich an die 60-er oder 70-er Jahre. Bunte, oft grelle und großflächige Motive lachen einem da entgegen. Damen mit mehr Geschmack dekorieren die Wände mit großen Rosen, naturecht dargestellt. Ein und dasselbe Muster ist dann an den Wänden, in den Gardinen, auf dem Sofa, den Sesseln und der Tischdecke zu finden. Ob darauf auch noch eine Teetasse mit Rosenmuster steht, vermag ich dann meistens nicht mehr zu erkennen; da hilft mir dann nur noch mein Tastsinn.

Ziemlich konfus komme ich nachmittags wieder bei George an. Ach was hat er für ein schönes Häuschen, groß genug um auch noch ein komfortables Büro darin unterzubringen. Alles warm geheizt, die Wände hell gestrichen und gut abgedichtet. Ich kuschel mich gleich mal noch enger an ihn heran, aber er weiß längst, dass seine Rechnung aufgegangen ist. Er fand die Idee gar nicht schlecht, dass ich mich mal mit eigenen Augen von der Londoner Wohnqualität überzeuge. Er hatte keinen Zweifel, dass ich sehr dankbar bei ihm bleiben werde.

 

rent2015
Normal local rent (monthly, US Dollar) – Die Preise für Wohnraum, egal ob Miete oder Zinsen etc., sind in London mehr als dreimal so hoch wie in Berlin. Die Statistik ist von 2015.

 

Der Spruch ‘my home is my castle’  hat Gültigkeit und Aktualität. Der Engländer zitiert ihn oft und aus tiefster Überzeugung. Aber er hat eigentlich einen etwas anderen Sinn, als wir landläufig annehmen. Hier spielt man nämlich nicht auf den Schutz des eigenen Heimes an, es geht nicht um die Trutzburg, die gegen alles und jeden verteidigt werden soll. Nein, hier spielen die Kosten eine wesentliche Rolle. Wie ich schon oft berichtet habe, wohnt der Engländer fast immer im Eigentum, egal ob Haus oder Wohnung. Rund 70% besitzen ein Haus. Da die meisten das gar nicht bezahlen können, besonders bei den völlig absurden Preisen in London, sind die Häuser auf Kredit gekauft. Man hat eine oder gleich mehrere Hypotheken aufgenommen. Der Tilgungsplan läuft über Jahrzehnte, irgendwo habe ich gerade gelesen, dass im Durchschnitt die Leute ab dem 66. Lebensjahr erstmals schuldenfrei sind. Das Haus bedeutet dem Engländer nicht nur ein Heim zu haben, sondern ist auch seine Hauptabsicherung gegen eine Verarmung im Alter. Die Rente reicht bei kaum jemanden aus, sie ist viel geringer als bei uns. Sparbücher, Aktien oder Lebensversicherungen haben die wenigsten. Das einzige was zählt ist das Haus, dort ging jedes verdiente Pfund hinein. Und deshalb wird man es gegen Tod und Teufel verteidigen. Es ist alles was man hat; die Summe des ganzen Lebens.

Der Plan es im Alter zu verkaufen, dann ein kleines Heim zu suchen und vom übrig gebliebenen Rest zu leben, funktioniert meistens nur in der Theorie. Im richtigen Leben sind Kinder da, die jetzt ihrerseits unbedingt auf die social ladder klettern wollen und dazu müssen sie selbst ein Haus kaufen. Und so kommt es dann, dass nicht selten drei Generationen zusammenleben und irgendwie mit ziemlich engen Wohnverhältnissen erstaunlich glücklich durch den Alltag kommen. Your home is my castle – ach ja, sweet and charming home, ich rutsche noch näher an George heran und fange an den Engländer zu verstehen. 

 

Nachtrag:

 

Dieses Schlafsofa in einem Gartenhaus (Shed !) wurde im September 2015 für £530 pro Monat zur Miete angeboten. Das entspricht 685 Euro für einen Schuppen ohne Küche und Toilette. Sicher auch keine Heizung, dafür aber im gut gelegenen Stadtteil Bethnal Green in London. Natürlich fand man einen Mieter. – Es gibt auch ehrliche Vermieter, falls Sie mal länger in London bleiben wollen/müssen drücke ich die Daumen, aber sie sollten davon ausgehen, dass die Wohnung möbliert ist. Das ist in ganz UK so üblich. Unter den Mietern haben wahrscheinlich nur wenige einen eigenen Hausstand.

 

The boss himself says:

Two days later George told me: „Did you know that the two-bed flat is sold within three days. On Friday, it was sold for £140,000, some £15,000 over the asking price.

Und ich: “Ich komme da nicht mit. Irgendwie hat der Durchschnittsengländer ein ganz anderes Verhältnis zum Geld als ich es gewohnt bin. Ich weiß nicht wie er es macht, aber Schulden können ihn nicht beunruhigen. Egal wie hoch.”

 

 

Was passierte noch am 16. Februar?

de 1923

Erstmals wird in Deutschland ein gesondertes Jugendstrafrecht eingerichtet: Das

von Gustav Radbruch entworfene Jugendgerichtsgesetz (RJGG) wird erlassen.

uk 1923

Howard Carter unseals the burial chamber of Pharaoh Tutankhamun.