76. Tag, Rest: 290 Tage

Oft sind es die kleinen Meldungen, die mein Interesse wecken. Wenn ich einen endorphinen Kick brauche, sind die Leserbriefe in der englischen Morgenzeitung immer ein zuverlässige Quelle. Den politischen Teil nehme ich schon lange nur noch oberflächlich zur Kenntnis. Ich weiß das Europa gescheitert ist, das weltweit Menschen hungern. Mir ist bewußt, dass ganze Generationen in unvorstellbaren Leid leben, im Krieg aufwachsen und nichts anderes als den täglichen Kampf ums nackte Leben kennen. Hier bei uns, in den Wohlstandgesellschaften werden Kinder regelmäßig misbraucht und Frauen täglich sexuell brutal ausgebeutet. So etwas nennt man gesellschaftliche Verrohung und das macht mir Angst. Aber ich kann es nicht ändern. Ich will nicht täglich damit konfrontiert werden, denn man gewöhnt sich an die Bilder und die furchtbaren Nachrichten. Längst erreichen die Meldungen nur noch das Hirn, treffen aber schon lange nicht mehr ins Herz. Meine Gefühle habe ich vor den Bilder des Grauens verschließen müssen. Es war Nowehr. Und dann die täglichen Krimis im öffentlich rechtlichen Bildungsfernsehen. Brutalste Szenen, verstümmelte Körper, Schreie, Gewalt. Das alles hat uns längst seelisch abgehärtet. Ich kann Film und Nachricht nicht mehr unterscheiden und verzichte deshalb auf beides. 

Jetzt ist mir die Einleitung ein bißchen lang geraten, sorry. Mein Thema soll ein anderes sein. In der Zeitung stand zu lesen, dass es immer mehr Songtexte gibt, die das Alter in einem ziemlich düsteren Licht darstellen. Grund sind die Rocksänger der Beatles-Generation, die jetzt selbst im Rentenalter angekommen sind. Die wenigsten scheinen damit glücklich zu sein.

cake
Wenn der ‘Kuchen zum Sex im Alter’ wird, dann wird es Zeit sich einen Ruck zu geben.

Meine fröhliche Natur, die viel mit dem Glücklichsein zu tun hat und dessen Ursache ist, nicht anders herum, die habe ich mir ziemlich hart erarbeitet. Inzwischen brauche ich nur noch wenig Training (keinen Anlaß!), um meinen Glückslevel hoch zu halten. Tägliches Zeitungslesen reicht meistens schon aus. Allerdings muß es ein englisches Blatt sein. Bei FAZ oder Süddeutschen klappt es nicht, sie animieren mich zu wenig. Da nisten sich keine lustigen Bilder ein. Heute morgen allerdings warnt der Telegraph mich erst einmal vor den alternden Rockstars. Also meine Generation. Stimmt die kommen alle in die Jahre. Das wird ein Massensterben und Jammern im nächsten Jahrzehnt geben. Hat irgendwie schon angefangen. Also die älteren Herren, Rockladies altern scheinbar würdevoller, beschäftigen sich in aktuellen Songs mit der eigenen Lebenssituation und versinken dabei schnell in Tristess. Kris Kristofferson’s ‘Feeling Mortal’ kann einen mächtig runterziehen. Oder der Titel ‘Old’ von Dexy’s Midnight Runners. Eine schonungslose Abrechung mit dem Leben. Ach Dexy, ich bin wohl hoffnungslos in der Vergangenheit verstrickt, aber ich lege noch täglich euer ‘Come on Eileen’ auf. Das gibt mir den Kick, um mal eben den Flur runterzurocken.

 

Sonne, Zeit und der Strand in Cornwall. Eine Alternative. (Man muß nicht vermögend sein, der Zug bringt einen hin.)

Bei einem Titel kann ich der durchaus berechtigten Kritik nicht zustimmen. Es geht um die Beatles. Sie haben schon in jungen Jahren weit in die Zukunft gedacht und den Titel ‘When I’m sixty-four’ aufgenommen. Kritiker halten den Text für eine negative Sicht auf das Alter. Dem widerspreche ich; und zwar laut. Ich finde es sehr berührend, wenn die FabFour singen: “When I get older, losing my hair, many years from now, will you still be sending me a Valentine? 
Birthday greetings bottle of wine?” und antworte gerne mit einem hunderprozentigen YES! Und schon lassen sie mich wissen: “You’ll be older too and if you say the word I could stay with you” Da rieselt es mir doch warm den Rücken runter und auch die nächste Idee trifft mitten in’s Herz: “Every summer we can rent a cottage in the Isle of Wight if it’s not too dear . We shall scrimp and save grandchildren on your knee, Vera, Chuck, and Dave” Und dann wollen sie es schriftlich fixieren, die Liebe soll ein ganzes langes Leben reichen: “Give me your answer, fill in a form, mine for evermore. Will you still need me, will you still feed me, when I’m sixty-four?”

Also mir reicht das um glücklich zu sein. Und so pfeife ich noch einmal den Refrain und bin mir auf einmal ganz sicher das alles gut werden wird.

beatles
Immerhin, zwei von ihnen leben noch. So geht positive Sicht.

The boss himself says:

George says: „Yes, negative songs about ageing can cause melancholy. We don’t listen such lyrics. – Those were the days my friend, we thought they never end …

Und ich: “Der Text von ‘Sixty-four’ gefällt mir nach kritischen Hingucken sogar sehr. Eine wunderbare Liebeserklärung, die auf dem Boden der Wahrheit bleibt. Hingegen ist das deutsche Pendant ‘Mit 66 Jahren” albern.

Was passierte noch am 16. März?

de 1886 Kaiser Wilhelm I. sanktioniert den Bau des Kaiser-Wilhelm-Kanals als Verbindung

zwischen Nordsee und Ostsee. – (Die einzige positve Nachricht an diesem Tag.

Warum geben wir negativen Ereinissen mehr Aufmerksamkeit als dem Glück?)

uk 1842 Das Dampfschiff HMS Driver startet von England aus zur ersten Dampferfahrt rund

um die Erde. Es kehrt im Jahr 1847 nach erfolgreicher Fahrt zurück.