169. Tag, Rest: 197 Tage

Mit der Zeit hatte ich viele Gelegenheiten den Engländern beim täglichen Treiben zuzusehen. Immer wieder fallen mir Dinge auf, die ich so nicht kenne oder anders machen würde. Gerade diese mentalen Eigenheiten interessieren mich natürlich, aber es ist nicht ganz einfach eine Erklärung zu finden. George, mal unter uns gesagt, ist mir dabei überhaupt keine Hilfe. Wann immer ich ihn nach irgendeiner gerade entdeckten Macke seiner Landsleute befrage, zuckt er nur die Schultern und finde es ganz normal. Meist fügt er noch ein erstauntes: how else should it be? nach.

Ein Thema holt mich immer wieder ein und endet regelmäßig in einem Wust von gedanklichen Widersprüchen. Das Thema selbst darf als ‘sexy’ bezeichnet werden, geht es doch um die körperliche Nacktheit. Schon öfter berichtete ich von der angeborenen Schüchternheit des Engländers. Sobald er die Unterhosen ausziehen soll, stellt er sich tot. Egal ob man es in der Sauna oder im heimischen Schlafzimmer verlangt. Okay, ich weiß nicht genau wie die anderen Ehemänner im Schlafzimmer reagieren, ich kenne es aber von Sauna und Schwimmbad. Nun gut, dachte ich mir, das ist eigentlich ganz reizvoll, wenn Menschen eine hohe Schamhaftigkeit zu eigen ist. Was soll ich aber dann davon halten, dass dieselben Menschen im Pub, oder wo auch immer, nach ein paar Gläsern Bier das Bedürfnis haben sich frei zu machen? Es gibt wohl kaum einen englischen Mann, der noch nicht ohne Hose nach Hause gekommen ist. Auf Nachfrage, wird ein unschuldiges Gesicht gezeigt und verwundert festgestellt, dass er das fehlende Beinkleid noch gar nicht bemerkt hat! Seine Erklärung fällt kurz aus: Sorry, I haven’t a clue why

friday
Wenn der Engländer sich wohlfühlt zieht er sich gerne aus. Oder liegt es daran, dass ihm warm ist? Die meisten sind gut behaart.

Übrigens auch Frauen entledigen sich ganz gerne ihrer Klamotten im Biergarten. Damit aber kein Mißverständnis aufkommt, sollte ich hinzufügen, dass die Unterwäsche immer angezogen bleibt. Denn das öffentliche Ausziehen hat weniger mit einer voyeuristischen Erotikvorstellung zu tun, als wohl eher mit dem freundlich gemeinten Zurschausstellen, dass man sich hier wohlfühlt und eigentlich wie zu Hause ist. Eine ganze Zeit lang dachte ich der Widerspruch (mal bleibt man bis zur Halskrause verschlossen, dann entkleidet man sich freiwillig) wäre einfach in den Generationen begründet. Alte Leute bleiben sittsam, junge öffnen sich. Aber das stimmt nicht. Dann tendierte ich dazu, dass es ein Trend ist. Der muß ja nicht alleine von der Jugend übernommen werden. Peu-a-peu passt man sich eben anderen Sitten an. Aber auch das kann nicht stimmen, denn heute konnte ich mich wieder einmal davon überzeugen, dass der Engländer in Sachen “nackte Tatsachen” überhaupt keinen Spaß versteht. Und das konnte man auf der Brick Lane erleben.

brick-lane
Auf der Brick Lane treffen sich die Kulturen. Früher Arbeiterviertel, heute eine wilde, bunte Gegend. Nicht gefährlich, aber man sollte auch nicht allzu naiv hier einfach herein stolpern. Vor allem Menschen aus Bangladesh sind hier ansässig. Deshalb wird der Strassenname zweisprachlich angezeigt. Aber meistens bleibt alles friedlich und man kann die hohe Toleranz des Londoners gegenüber Einwanderern aus erster Hand erleben. Das East End ist ein echter melting-pot.

Auf der vielbefahrenen Brick Lane, mitten im Eastend, genoß ein Mann, in einem Liegestuhl liegend, das schöne Sommerwetter. Alright, mitten auf dem Trottoir war das vielleicht ein bißchen provozierender als im Hyde Park, allerdings wäre ihm dort dasselbe passiert. Die Polizei wurde aufmerksam und forderte den Mann auf mitzukommen. Man begann eine freundliche Unterhaltung, einige Passanten lachten zustimmend. Der Mann wollte weder mit zur Wache noch den Platz räumen. Betrunken schien er nicht zu sein. Es kam wie es kommen mußte, man legte dem völlig ruhig agierenden Mann Handschellen an und nahm ihn vorrübergehend fest. Grund war das Entblößen in der Öffentlichkeit. Ich war schon ziemlich erstaunt, mit welcher Ernsthaftigkeit dieses Delikt verfolgt wurde. 

collage
Die Polizei kennt kein Pardon. Der friedlche Sonnenanbeter, in korrekt sitzender Badehose, wird in Handschellen abgeführt. Haben Sie seine Schuhe gesehen? Das nenne ich Stil. Statt Hornhaut zeigt er schöne, geschlossene Stoffschuhe. – Die bei deutschen Männern beliebte Sandale wäre undenkbar. Darauf sollte man auch eine Strafe einführen.

Ich hoffe der Mann ist inzwischen wieder auf freien Fuß. Heute abend wird er in den Pub gehen und kann dort eine jolly good story erzählen. Man wird furchtbar lachen, noch ein Pint Guinness ordern und bald danach wird der erste seine Hose öffnen, die ihm langsam und ganz unbemerkt auf die Knöchel rutscht. Er wird sich von dem lästigen Ding befreien und ein paar Stunden später zu Hause seiner Frau sagen: Sorry, I haven’t a clue why

 

 

The boss himself says:

George says: “…

Ich sage: “George hat heute schon genug von sich Preis gegeben. Aber eine Frage muß ich ihm dann doch noch stellen. Was um alles in der Welt sind Speedos?” “Speedos are like girl underwear, guy only wear them when they swim.” Danke.

Was passierte noch am 17. Juni?

de 1990  

Jahrzehtelang mein Lieblings-Feiertag. Auf das Wetter war immer Verlaß, da fuhr

man an die Ostsee oder ging ins Freibad. Leider hatten alle Hamburger diese Idee.

Ich glaube ab 1990 wurde uns dann der 3. Oktober als Ersatz angeboten. Aber mal

ehrlich, das ist doch kein Vergleich.

uk 1861 Thomas Cook organisiert die erste Pauschalreise mit Unterkunft und Verpflegung.

Britische Arbeiter reisen per Schiff und Bahn nach Paris. – Das machen sie noch

heute. Ganz genau so.