77. Tag, Rest: 289 Tage

Noch heute kann man Reste eines Walles erkennen. Er schütze einst die Stadt vor Überfällen. Tagsüber waren die Tore geöffnet, nachts igelte man sich ein. Die ‘Wallanlagen’ kennt jeder Hamburger, aber davon spreche ich nicht. Nein, diese Sätze hörte ich während einer Führung durch das historische London. Und wieder war ich platt, weil die Parallelen zu meiner Heimatstadt verblüffend genau paßten. Eine guided tour entlang der Ludgate Hill stand auf dem Programm. Die Straße beginnt an der St Paul’s Cathedral und mündet in die Fleet Street. Sie liegt im Herzen Londons und verbindet die City of London (Finanzen) mit der City of Westminster (Politik). 

 

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Die Karte kann per Mausklick vergrößert werden. Zentral die Ludgate Hill Straße. Gekreuzt von Old Bailey,  wo der Central Criminal Court tagt. Das Krongericht verhandelt dort die ganz großen Kriminalfälle.

 

Ludgate Hill ist ein überschaubares Areal. Jeder von uns merkt es sofort, wir stehen hier auf einem richtigen Hügel. Die kleinen Nebenstraßen haben eine deutliches Gefälle, besonders südwärts zur Themse hin. Diese engen Gassen mäandern sich an den topographischen Gegebenheiten entlang. Daran hat sich nie etwas geändert und heutige Busse oder Tranporter bleiben schlicht stecken. Fährt man die Ludgate Hill mit dem Auto entlang, wird man die kleinen Nebenstrassen schnell übersehen. Zu meiner Überraschung dürfen aber PKW’s in diese engen, verwinkelten Gassen einbiegen. Ich würde mich nicht trauen, denn sie sind kaum breiter als ein Parkplatz. Aber die vielen Shops und Restaurants müssen beliefert werden und die Anwohner irgendwie ja auch.

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Die dicken gelben Doppellinien weisen auf ein absolutes Halteverbot hin. Aber wer würde denn hier parken? Na ja, Londoner kriegen das fertig. Wir erfahren, dass wir uns auf einem der beiden Hügel befinden, die von den Römern als Siedlungsplatz ausgewählt wurden. Das war wahrscheinlich im Jahre 47 n.Chr. Damals gründeten die Römer die Stadt Londonium. Und zwar genau hier, zwischen St Paul’s und The Temple. Beide Gebäude wurden natürlich erst viel später erbaut. Obwohl dieses Gebiet während des Krieges von der deutschen Luftwaffe bombardiert wurde, ist zum Glück vieles erhalten. Aber mehr als ich je ahnte wurde zerstört und von den Londonern wieder aufgebaut. Ich schaue mir die wundervollen Fassaden an und fühle mich erstmals persönlich beschämt durch die Aggression des Krieges. Wie verroht muß man sein, um solchen Frevel zu begehen? (Ich klammere hier bewußt die Opfer aus. Denn wenn Menschen gewaltsam sterben, ist immer etwas total aus dem Ruder gelaufen. Das sagt mir mein Gefühl, davon muß ich mich nicht erst überzeugen lassen.)

 

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Die Creed Lane, Ecke Carter Lane, ist eine der typischen kleinen Straßen im Bereich des Ludgate Hill. Hier sind viele Restaurants, Caffés und Wohnungen zu finden. Das ist in der Innenstadt selten und gibt der Gegend eine ganz eigene Atmosphäre.

 

Auf der Hauptstraße ist es laut und wuselig. Aber sobald man in eine der Gassen biegt wird es angenehm ruhig. Richtig meditativ sind die gardens and courtyards, die zwischen den alten Gebäuden zum Pausieren einladen. Der nahegelegene Temple wurde vom Templerorden erbaut und ist neben Paris die bedeutenste Niederlassung der Ritter gewesen. In direkter Nachbarschaft zogen “Schwarze Brüder” ein, die Blackfriars, eigentlich ein Dominikanerorden, der sich schon zu Beginn des 13. Jahrhundert hier niederließ. Die nahegelegene Themsebrücke trägt noch heute ihren Namen. Ausgerechnet hier, unter dieser stark befahrenen Brücke, wurde 1982 der “Bankier Gottes” erhängt aufgefunden. Der Vatikan sprach von Selbstmord, aber die Mauersteine in Roberto Calvis Manteltaschen ließen anderes vermuten. Die Mafia hatte ihre Finger im Spiel. Eine gruselige, aber natürlich auch sehr spektakuläre Geschichte. Hier also, auf historischen Boden, drängen sich viele uralte, geschichtsträchtige Bauten auf engsten Raum. Dann aber ereignete sich die (erste) Katastrophe. Der Große Londoner Brand (1666) zerstörte fast alle Gebäude bis auf die Grundmauern. Zum Glück zögerten die Bewohner damals keinen Augenblick und begannen sofort mit dem orginalgetreuen Wiederaufbau ihrer City of London. Und so kommt es, dass man noch heute diese architektonische Schatzkammer besuchen und bestaunen kann. Übrigens am Wochenende, wenn die meisten Büros geschlossen sind, kann man sich als geübter Radfahrer auch mit dem Zweirad in diese Gegend wagen. Ansonsten rate ich zum Spaziergang, die Wege sind nicht weit.

 

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Die königliche Garderobe war eine separtes Haus. Dort war aber nicht die royale Unterwäsche zu finden, sondern die Hermelinmäntel,  wertvolle Gala-Uniformen und kostbarer Schmuck. Soldaten bewachten das Gebäude.

 

Die Guided Tour hat mir so gut gefallen, dass ich ganz sicher demnächst wieder dabei bin. Etwas beschämt muß ich gestehen, dass ich das ja auch mal in Hamburg machen könnte. Nun gut, bei seinem nächsten Besuch wird George die Geschichte der Hansestadt kennenlernen. Die Sache auf dem Grasbrook, -Störtebeker und seine wilden Gesellen-, wird ihm gefallen. Da bin ich mir ganz sicher. Ich konzentriere mich aber lieber auf Londons Geschichte, denn mein Interesse wurde geweckt. Also werde ich Sie jetzt öfter mit solchen Beiträgen hier nerven oder unterhalten. Ich warne vor. – Ganz gegen unsere Gewohnheit sind wir mit dem Auto in der Stadt und haben etwas erlebt, was ich für unmöglich hielt. Wir fanden einen freien Stellplatz in einem der wenigen Parkhäuser. Zwei Pfund pro Stunde will man haben und das ist ziemlich günstig. Wir werden aber noch ein bißchen bleiben und zahlen dann wohl den Tagestarif, stolze 28 Pfund (36,00 €). Dafür könnte man auch schon eine Übernachtung bekommen. Sie glauben es nicht? Doch, genau hier. Also nicht im Parkhaus, sondern in der Carter Lane

 

yha
Das YHA in der Carter Lane. Eine Jugendherberge, die auch Erwachsene aufnimmt. Wenig Komfort, aber erstklassige Lage. Preise ab 25 € pro Nacht, allerdings im Schlafsaal. Einzelzimmer kosten im Sommer ca. 45 €.

 

 

The boss himself says:

George says: „I would like to sleep at the youth hostel in a shared room for young ladies.”

Und ich: “Du mußt dich mit mir abfinden. Immerhin geht dein Wunsch halb in Erfüllung. Wir schlafen nicht getrennt.” “That’s perfect. And I’m extremely glad that you don’t call me daddy.”

  

 

Was passierte noch am 17. März?

de 1804

Friedrich Schillers Schauspiel Wilhelm Tell hat seine Uraufführung am Weimarer

Hoftheater unter der Regie von Johann Wolfgang von Goethe, der zu diesem

Zeitpunkt Intendant des Theaters ist.

uk 1845

Der Brite Stephen Perry erhält ein Patent auf das von ihm erfundene Gummiband.

(Wie heißt das auf Englisch??? Elastic band or rubber cord. – Thanks.)