352. Tag, Rest: 13 Tage

Heute morgen fiel es mir erstmals auf. Die Vögel zwitschern laut und fröhlich, als hätten wir schon Frühling. Das ist kein Wintergepiepse sondern eher März-Tirilieren. Keine Frage, die Temperaturen sind rekordverdächtig hoch. Und das schon seit Anfang November. Statt Schneeflocken erwartet London in diesen Tagen tonnenweise roter Sand. Der kommt direkt aus der Sahara herangepustet und setzt der Stadt eine Dunstglocke auf. Asthmatiker und Allergiker werden vorsorglich gewarnt; die letzteren aber jetzt schon wegen verstärkten Pollenfluges!

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Am Russell Square, ein Park beim University College in London, blühen die Dafodills; wir kennen sie als Narzissen.

Die Londoner Buchmacher haben Sorgen. Die klassische Weihnachtswette ist mausetot. Normalerweise tippt man auf weisse Weihnacht in England, aber damit kann man keine Quote mehr machen. Was werden sie sich ersatzweise einfallen lassen? Eine gute, weil lukrative Wette, wäre die Frage, ob England in der EU bleiben wird. Die Meinung kippt, ziemlich genau die Hälfte ist dafür bzw. dagegen. Allgemein fühlt man sich überfordert, denn niemand kann die naheliegensten Fragen beantworten. Was passiert wenn wir austreten bzw. drin bleiben? Frühester Termin für die Volksabstimmung kann der Sommer 2016 sein, aber das Zeitfenster reicht aktuell bis in den Winter. Zwei Dinge machen dem Engländer Sorgen: Er kann es nicht leiden, wenn andere (EU-Parlament) ihm etwas vorschreiben und er hat Angst vor Zuzug von Osteuropäern oder von Flüchtlingen aus dem Nahen Osten. Das hat aber nichts mit Hartherzigkeit zu tun, sondern mit den vielen Ausländer, die längst im Königreich leben. Das Boot bzw. die Insel ist ziemlich voll!

Während Europa sich den Ländern im Osten öffnet und Flüchtlinge aus Kriegsgebieten aufnimmt, denen wir gleichzeitig Waffen und Benzin liefern, fühlt sich Großbritannien den Menschen im Commonwealth verpflichtet. Das sind 53 Staaten, -Kanada, Südafrika, Australien und Indien-, mit rund 2 Milliarden Menschen. Viele Leben in Armut und wandern deshalb nach England aus, wo man sie aufnimmt. Gehen Sie in London mal nach Southall. Es liegt im Westen, im Bezirk Ealing. Sie werden glauben, Sie wären in Indien. Die Bahnhöfe sind zweisprachig beschildert: Englisch und Panjabi. Auf der anderen Stadtseite, im East End, das gleiche bunte Bild mit Afrikanern und Süd-Asiaten. Menschen aus rund 200 Nationen leben in London. Keine andere Stadt präsentiert sich so international – und zieht arme Immigranten ebenso an wie prominente Milliardäre.

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In Londons Westen (Southall) trifft man auf Inder, im East-End auf Afrikaner und im Süden (Brixton) leben Einwanderer aus der Karibik.

Auf jeden Fall wird die Abstimmung über Bleiben oder Gehen eines der wichtigsten Ereignisse im nächsten Jahr sein. Verläßt England die Europäische Union, dann kann das weitreichende Folgen haben. Zum Beipsiel droht dann doch noch die Schottische Selbstständigkeit. Denn dort hat man sich klar für den Verbleib in der Union ausgesprochen. Muß die Queen dann ein Visum beantragen, wenn sie ihre Sommerferien auf Balmoral antritt? Dürfen die königlichen Hunde ohne Quaratäne ein- und ausreisen? Und muß ich dann doch noch einen Pass beantragen? Ach du  meine Güte, jetzt bin ich sechs Jahrzehnte ohne ausgekommen und dann holt mich doch noch die bürokratische Realität ein. Aber ich bin ganz optimistisch und nehmen es in meine persönlichen Wünsche für das neue Jahr auf: England soll bei uns bleiben.


George says: „All I can say is that I live in London and feel at home in  Hamburg. Perhaps we need a bigger bunch of mistletoe.“

Ich sage: “Weihnachten ohne Schnee ist wie Ostern ohne Eier. Nächstes Jahr besuchen wir den Weihnachtsmann; Urlaub in Grönland.”


 

Was passierte noch am 17. Dezember?

de 1939 Im Zweiten Weltkrieg kommt es zum britisch-deutschen Luftgefecht über der Deutschen Bucht.
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