78. Tag, Rest: 288 Tage

Es ist noch gar nicht lange her, da erwähnte ich beiläufig, dass die englischen Gewohnheiten bezüglich der Nutzung einer Rolltreppe kritisch hinterfragt werden. Man will die Londoner umerziehen. Statt rechts zu stehen und die linke Seite der Treppe für Eilige frei zu lassen, soll ab sofort auf beiden Seiten das Stillstehen erlaubt sein. Das macht auch Sinn, denn die Rolltreppen werden immer länger und folgerichtig immer seltener zu Fuß erklommen. In der Underground Station Holborn*) fährt man fast 60 Meter in die Tiefe. Wer nicht schwindelfrei ist, bekommt Panik. Sobald man auf dem Ding steht, gibt es kein Zurück. Und genau diese Erkenntnis pumpt einem das Adenalin ins Blut. Endlich auf dem Bahnsteig angekommen, ist man unfreiwillig auf Droge.

*) In Holborn kann man von der Central in die Piccadilly Line umsteigen. Viele Touristen werden den Bahnhof kennen, denn er liegt quasi vor dem British Museum. Und ein Besuch dort ist immer einen halben Urlaubstag wert.

 

holborn
Nichts für schwache Nerven. Zur Tube in Holborn muß man erst mal 60 Meter in die Tiefe fahren. Auf der Rolltreppe gilt: rechts stehen, links gehen.

 

Jetzt läuft der Escalator-Test an der Station schon seit einigen Wochen und scheint mehr Fragen als Antworten zu liefern. Warum will man überhaupt die Benutzer umerziehen? Nun, der Engländer fügt sich automatisch, wenn es eng wird. Sobald viele Menschen dasselbe Ziel haben, wird er ganz ruhig und versucht auf Teufel komm raus eine Schlange zu bilden. Vor den Rolltreppen staut es sich immer schnell. Wie von Zauberhand reihen sich dann die Menschen in eine der ‘queues’ ein. Die schieben sich dann Mensch für Mensch Richtung Rolltreppe und gleiten einer nach dem anderen in die Tiefe. Wie an einer Perlenkette aufgereiht strebt man sehr dizipliniert der Tube entgegen. Kein Schubsen, kein Drängeln. Alle Ellenbogen hängen unausgefahren am eigenen Körper herab.

Die linke Seite der Rolltreppe bleibt meistens leer. Sie ist die Überholspur, aber man muß schon gute Kondition haben, um eine so elend lange Treppe zügig zu Fuß zu steigen. Dort (links) einfach stehen zu bleiben, würde dem Engländer niemals in den Sinn kommen. Das machen nur unverfrorene Deutsche, so wie ich. Um mich herum, werden dann die Augenbrauen in die Höhe gezogen. Alle schauen mich an, aber so, dass ich es hoffentlich nicht merke. Man hält den Kopf gesenkt und dreht die Augen weit zur Seite. Da blitzt dann das Weisse auf und ich gucke natürlich ganz stur zurück. Jetzt erst recht, denke ich mir, und schon fliegt der Kopf des heimlichen Beobachters zur anderen Seite. How embarrissing! oder uh-oh – failure types. Ganz kecke, räuspern sich. Ich habe es sogar schon erlebt, dass einer sein weises Haupt schüttelte. Aber das war bestimmt auch ein Ausländer. 

Um also endlich Schwung in die morgendliche Rolltreppenfahrt zu bekommen, muß man von höchster Stelle aus eine neue Spielregel definieren. Und genau daran wird gearbeitet. Im Pub hole ich Meinungen ein: “We Londoners will explode with rage if we have to stand on the escalator.” Das ist starker Tobak; ein Wutanfall in der Öffentlichkeit? Kaum vorstellbar. Zu Hause ist es gang und gäbe, aber doch nicht in der U-Bahn. Unsocial behaviour! Setzen, sechs. Besser noch, in die Ecke stellen und schämen.

Selbst George gerät in Wallungen. Als fleißiger Nutzer des Transport for London hat er sich längst eine Meinung gebildet: “Abandoning a convention that has served the Underground well for more than 50 years is a step too far. The right-hand side of the escalator is for those who are happy to stand still and the left for those who are in a hurry. But this is nothing new and should not be changed.” Einen Augenblick lang juckt es mir in den Fingern, ihm den Bären aufzubinden, dass die Autos demnächst rechts fahren müssen, weil Frau Merkel es angeordnet hat, aber ich lasse es lieber bleiben. Er würde es sofort glauben und dann müsste ich ihn stundenlang aufmuntern. Dafür ist heute keine Zeit. Lieber zurück zur Wahrheit.

Am 4. Dezember 2015 haben 4.821.000 Fahrgäste die Londoner Underground benutzt. Neuer Tagesrekord. Man rechnet damit, das im Jahr 2030 zehn Millionen Menschen in Groß-London leben werden (da wurde ich schon mitgezählt), also 1,4 Millionen mehr als aktuell. Das hat Auswirkungen auf die Infrastruktur. Mit Sicherheit wird die Straße kein Entlastung bringen, im Gegenteil. Also wird das Undergroundnetz ausgebaut. Man macht die Bahnen schneller, die Zugtaktung kürzer etc. Schließlich aber muß man irgendwie auch den Fahrgast an das schnellere Transportsystem anpassen. Und da wäre eine bessere Ausnutzung einer Rolltreppe ein guter Ansatz. Nutzung beider Seiten heißt immerhin 50% mehr Kapazität! George überzeugt das noch nicht; er wirft ein neues Argument in die Debatte: “First, it’s a bit dictatorial.” Meinst du das ernst? “… because  it limits people’s choices.” Gut, das kann der Engländer nicht vertragen. Bevormundung jeder Art ist ihm ein rotes Tuch. Sollten Sie im Laufe einer internationalen Berufskarriere jemals in England in eine Position kommen, in der sie Mitarbeiter zu führen haben, wünsche ich Ihnen jetzt schon viel Freude im Job. Ehrlich gemeinter Rat von mir: Beschäftigen Sie sich vorher ausgiebig mit der englischen Mentalität, dann wird es eine sehr nette, joyful time werden. 

 

tube-holborn
U-Bahn Stationen (hier: Holborn) sind oft keine separaten Gebäude, sondern Teil einer langen Fassade. Deshalb immer Augen auf. Wo das bekannte Schild hängt, das ’roundel’, da können Sie einsteigen.

 

George gibt tapfer weiter seine Bedenken zu Protokoll: “I usually stand on the right. But when I’m in a hurry, I walk up on the left. If I didn’t have that choice, I would feel very frustrated and I’m sure other equally impatient commuters would feel the same.” Tja, da ist schon was dran. Ich würde mich natürlich schlicht durchdrängeln, wenn mir der Sinn nach Schnelligkeit ist. Das aber ist dem Engländer unmöglich. Undenkbar sich an jemanden vorbeizumogeln. Ihn womöglich dabei auch noch berühren. Niemals. Never, never, never. Nun legt er nach und verdirbt es fast, denn sein nächstes Argument überzeugt mich gar nicht: “And stopping people walking up won’t help tackle Britain’s burgeoning obesity problem.” Die dicken, sorry fetten Leute, die du hier meinst, haben einen Leibesumfang, der ihnen eine einseitige Nutzung der Rolltreppe unmöglich macht. Diese Fleischmassen stehen in der Mitte und füllen den Raum beidseitig aus. Er guckt mich staunend an. Das wäre ihm nie über die Lippen gekommen, obwohl es hunderprozentig seine Zustimmung findet. Vielleicht habe ich ihn mit meiner Verbalattacke ermutigt jetzt richtig loszulegen: “Second, it will be very, very difficult to enforce. Because commuters are used to walking up on the left, they will be very annoyed if anyone is standing in front of them and some are likely to vent their frustration in a way that may not be civil.” Da er das britische Zivilrecht meint, muß man sich keine Sorgen machen. Ein ernster Verstoß dagegen wäre es zum Beispiel, wenn ich mir erst den Tee einschenken würde und dann die Milch dazugieße. Immer das Mif-Prinzip anwenden: milk-in-first. Else your behaviour isn’t civil.

George gibt nicht auf. Jetzt ist er in Fahrt gekommen und legt noch einmal richtig nach. Sein stärkstes Argument gegen ein Seite-an-Seite Stehen (engl.: abreast) bringt er rhetorisch geschickt erst zum Schluß vor: “Third, will Londoners want to stand two abreast? At the moment, it’s customary on escalators to leave an empty step between you and the person above and below you. To stand any closer would be an invasion of each other’s personal space. But standing two abreast would mean you’d end up even closer to a total stranger.” Yuk! Ja, lesen Sie es zweimal. Man lässt ein Stufe Abstand zum Vor- und Hintermann. Kein Wunder, dass die Rolltreppen die bottle-necks des täglichen Berufsverkehrs sind. Ich bin mal wieder völlig sprachlos. Was George prompt als Diskussionssieg *) bewertet. Werde ich jemals die Engländer verstehen? Einerseits fallen sie tot um, wenn sie versehentlich jemanden im dicksten Gedrängel berühren. Dann schreien sie (natürlich nur stumm, innerlich) “HILFE, ist das peinlich!” Andererseits schmusen sie mit allem was Körperwärme hat. Da kann es ihnen gar nicht eng genug sein. Gerne auch unter Augenzeugen. Ich verstehe einfach nicht, wann ich Distanz halten soll und wann ich aufs Ganze gehen kann. Da ich aber einen leichten Autismus habe, ist das natürlich genau mein Ding 😉 Manchmal habe ich den Verdacht, alle Engländer sind autistisch veranlagt; es wäre die Erklärung warum ich mich dort so wohl fühle.

*) Würde George das lesen, käme sofort ein ernster Hinweis darauf, dass er mich grundsätzlich nicht besiegen will. “I’m not in a fight with you.” Recht hat er. Die deutsche Sprache ist manchmal ganz schön aggressiv.

 

Und weil ‘der boss himself ‘ heute schon so viel gesagt hat, lassen wir mal lieber die Londoner zu Wort kommen. Sie durften abstimmen und haben sich mal wieder eindeutig geäußert:

 

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