323. Tag, Rest: 43 Tage 

Am letzten Montag hat es in London kräftig gerumst. Endlose achtundsechzig Mal klirrten die Scheiben. Für Insider war klar, das war der große Birthday Bang. Als man endlich fertig war, geht die Knallerei ein paar Meilen entfernt weiter. Noch mal einundzwanzig Kanonenschüsse, -oder waren es nur zwanzig?-, werden von den Vertretern der City of London abgefeuert. Dann ist Ruhe und im Buckingham Palace wird man das Glas erhoben haben. Happy Birthday Prince Charles, long may he live. Das war’s, mehr Aufwand wollte der Thronfolger nicht akzeptieren. Längst haben ihm die Kinder, und vor allem die Enkel, die mediale Show gestohlen. Sie sind die eigentlichen royalen Superstars. Er sieht es mit Stolz und Gelassenheit.

 

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Geburtstagssalut. Keine Angst, die Tower Bridge steht noch.

 

Ein Salutschiessen findet mehrmals jährlich in London statt. Meistens wird vom Tower über die Themse gezielt und/oder im Hyde Park aus allen Rohren geballert. Das Schauspiel ist immer beeindruckend, die Soldaten wissen wie man sich wirkungsvoll präsentiert. Die Termine sind bekannt und so ist es nicht schwierig an einer solchen Zeremonie einmal teilzunehmen. Aber vielleicht ist das nicht das Highlight, dass Sie in London erwarten? Was würde denn ganz oben auf Ihrer Liste stehen? Also jetzt mal nur die akkustischen Attraktionen betrachtet. Klar, der Klang von Big Ben. Der gehört zu London, wie George zu mir. Und nun halten Sie sich fest, denn am 16. Dezember wird die große Glocke des Clock Towers verstummen!

Schon lange sind Reparaturen geplant, aber jetzt lässt es sich nicht mehr länger aufschieben. Extremes Wetter, das Alter, die Schadstoffe in der Luft etc. haben dem Turm und der empfindlichen Uhrenmechanik zugesetzt. Man rechnet mit vollen drei Jahren Bauzeit und das heißt tatsächlich, dass man Big Ben bis 2020 nicht mehr hören wird! Unfassbar!

 

newyear

 

Im Jahre 1859 erklang die große Glocke das erste Mal. Der Neujahrsbeginn ohne die 12 Schläge von Big Ben ist undenkbar. Aber 1962 wäre das fast passiert. Damals legten heftige Schneefälle die mächtigen Zeiger lahm, jedenfalls auf der Nordseite, denn eigentlich sind es ja vier Uhren, zu jeder Seite ein Zifferblatt. Auch im langen Winter 1985/86 nagte der Frost an der Mechanik. Dickes Eis hatte sich auf die Schlegel gelegt und dämpfte den Klang der Glocke gegen Null.

Richtig mysteriös wurde es dann im Mai 2005. Eine ungewöhnliche Hitzewelle hatte den Minutenzeiger zum Stillstand gebracht. Dann schnellte er plötzlich um 13 Minuten vor, um sofort wieder für eine Stunde regungslos zu verharren. Ganz London starrte gebannt zu Big Ben hoch, der bei 90° F ins Schwitzen kam.

 

reinigung
Das Zifferblatt hat einen Durchmesser von sieben Meter. Alle vier Uhren müssen regelmäßig gereinigt werden. Spitzenjob.

 

Ältere Londoner wissen aber die merkwürdigste Geschichte von der berühmten Uhr zu erzählen. Das soll sich im August 1949 ereignet haben. Ein großer Schwarm Stare hatte sich auf einem der Zifferblätter niedergelassen und ihr Gewicht reichte, um den schweren Zeiger Minute für Minute zu senken. Schließlich ging die Uhr um volle fünf Minuten nach. Das passiert so gut wie nie, denn der reibungslose Betrieb des Clock Towers, -offiziell Elizabeth Tower-, ist eine Frage der nationalen Ehre. Kein Wunder, schließlich schaut und hört die ganze Welt auf den Klang dieser wundervollen Uhr. Und ich verbinde damit längst ein wohliges Heimatgefühl. Ding, dong, ding, dong.

 

 

 

The boss himself says:

 

George says: “Snow, ice and sunflower effect may stop the clock, but it will never fall silent for such a long period. I’m sure they will offer an electronic surrogate or something like that.”

Ich frage: “Also ich habe mir meine Big-Ben-App schon vor einiger Zeit auf’s Smartphone geladen. Immer wenn meine Sehnsucht nach London zu groß wird, tröstet mich der Klang von Big Ben.” “And what you’re doing when you have a great longing for me?” “Dann höre ich mir den ‘Lambeth Walk’ an, erinnere mich an deine dance performance und fange an zu lachen. Schon geht es mir besser.”

 

tower
Wenn Persönlichkeiten wie Margaret Thatcher beerdigt werden, dann schweigt Big Ben. Ein Zeichen des Respekt. Sonst aber hört man ihn immer im Hintergrund seine einfache Meldodie spielen:

 

 

 

 

 

Was passierte noch am 18. November?

 

de 1865

Rohrpostsysteme: Eine erste Linie der Berliner Pneumatischen Depeschenbeförderung 

wird in Betrieb genommen. – In Sachen Nachrichtenbeförderung sind wir doch wirklich

ein gutes Stück vorangekommen.

uk 1987

Im Londoner U-Bahnhof King’s Cross St. Pancras entfacht ein Streichholz einen 

Großbrand, bei dem 31 Menschen sterben und mehr als 60 Menschen verletzt

werden. – Oha, heute ist der Bahnhof einer der größten und modernsten in London.

Das muß schlimm gewesen sein, ich muß mal George fragen, ob er es erinnert.