292. Tag, Rest: 74 Tage 

Vom Brexit war in London bisher wenig zu spüren. Ich merkte die Auswirkungen schon eher, wenn ich meine Reisekasse kontrollierte und erfreut feststellte, dass noch viel übrig geblieben war. Vor einem Jahr bekam ich für einen Euro 0.70  Britische Pfund. Aktuell sind es 0.90 Pfund. Am Flughafen wird schon 1 : 1 getauscht.

 

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Auch Engländer mußten sich an das Gesicht von David Davis erst einmal gewöhnen. Jetzt ist er immer öfter im TV zu sehen, denn er ist der Sonderminster für die Brexitverhandlungen mit der EU.

 

Der Londoner hat den Brexit bisher nicht spürbar gemerkt, aber das ändert sich jetzt. Die Preise ziehen an. Fast über Nacht wurden viele Lebensmittel um 10-20% teuerer. Die Preissteigerung gilt aber auch für Drogerieartikel. Einer der großen Supermarktketten hat drastisch reagiert. Bei Tesco wurden aufgrund der Preissteigerung viele beliebte Artikel aus dem Sortiment entfernt. Darunter sind Pot Noodle Gerichte, Persil Waschpulver, Hellman’s mayonnaise, Knorr Kräuter und Ben & Jerry’s Ice Cream. All diese Produkte sind aus dem Hause Unilever und die begründen die drastische Preissteigerung mit dem fallenden Wechselkurs. Zwar werden ihre Produkte meist in England hergestellt, aber die Substanzen stammen aus dem Ausland. 

 

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Eine Umfrage des Telegraph brachte es an den Tag. Die meisten Engländer wollen am wenigsten auf Marmite und Mayonnaise verzichten. Beides wird fingerdick auf alles geschmiert, was flach und essbar ist.

 

Beim englischen Aldi und Lidl sieht es nicht anders aus und auch Waitrose und Sainsburry’s werden nachziehen. Tesco ist sowieso der Standardsupermarkt in London und er bietet ähnlich wie Edeka viele Markenprodukte in einer günstigeren no-name Produktion an. Die werden jetzt ersatzweise für die Unileverartikel verkauft. Aber egal, wo man einkauft, am Ende des Monats wird das Budget um 10-20% überschritten sein und das ist für jeden spürbar. 

Einen besonderen Aufschrei der Empörung löste Tesco allerdings mit seiner sehr mutigen Entscheidung aus, das Produkt Marmite ab sofort aus dem Handel zu nehmen. Und zwar ersatzlos! Marmite gibt es seit gefühlten tausend Jahren und die englische Hausfrau verwendet es vielseitig. Man würzt damit Suppen und Soßen, gießt es mit heißen Wasser zu einer Bouillon auf oder schmiert es gleich unverdünnt aufs Toast. Ich mag es in keiner Variante, denn der eklige dunkelbraune Kleister erinnert mich fatal an eine Mumps-Salbe, die ich als Kind auf den angeschwollenen Hals geschmiert bekam. Es stank wie der Teufel und sah verdammt nach Sch**ße aus. 

 

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Ich stehe mit meiner Ablehnung nicht alleine. Immerhin wirbt der Hersteller selbst mit dem Slogan: Love it or hate it. Das Zeug soll nach Hefe schmecken, was kein Wunder ist, denn eigentlich besteht es zu einhundert Prozent aus Abfallprodukten der Bierbrauer. – Sollten Sie jemals eine ernsthaft Beziehung zu einem Engländer eingehen wollen, dann klären Sie unbedingt vorher sein Verhältnis zu Marmite. Mancher wird eher auf die Traumfrau verzichten. Und das erklärt dann wohl auch das nackte Entsetzen der Londoner, die auf einmal bei Tesco vor leeren Regalen stehen. 

 

 

The boss himself says:

 

George says: “I loved Marmite on toast. It had to be all about the spread.”

Ich sage: “Ich habe dich das Zeug nie essen gesehen, wann war denn das?”“My whole life till you tumbled in.”  “Das beeindruckt mich jetzt, aber nun gut, ich mußte auch einige Prioritäten neu setzten.” “But to avoid Marmite is a life or death struggle.”

 

 

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Der Ausverkauf hat begonnen. Und das wohl nicht nur im Supermarkt. Ein letztes Glas Marmite wartet auf den Käufer.

 

 

Nachtrag:

Natürlich hat der Brexit auch massive Auswirkungen auf die Spareinlagen. Bekanntlich steckt der junge Engländer sein Geld in ‘Bausparverträge’ und deren Renditen sind in den Keller gerutscht. So kommt es, das eine ganze Generation plötzlich zu wenig Geld hat, um das erste eigene Haus zu kaufen. Da hatten die Politiker nach kurzer Debatte eine pragmatische Lösung parat. Sie riefen die Älteren dazu auf, ihr Haus nicht an die Kinder, sondern gleich an die Enkel zu vererben. Voilà, Problem gelöst. Superidee, oder? – Wohl eher englische Kurzsichtigkeit. Was soll denn mit der Generation dazwischen passieren, die dann leer ausgeht? Die sitzen doch alle auf Schulden und haben das erhoffte Erbteil längst ein- und verplant. Vielleicht sollte man Prince Charles mal fragen, ich glaube zu dem Thema könnte er was zu sagen.

  

Was passierte noch am 18. Oktober?

 

de 2006

Der Dow Jones überspringt mit 12.049 Punkten erstmals in seiner 110-jährigen

Geschichte die 12.000-Punkte-Marke. – Rutsche aus und stürzte ab.

uk 1922

Die British Broadcasting Corporation (BBC) wird als unabhängiger Radiosender 

von in London gegründet. – Ich schätze ihr Programm, ob Radio oder TV.