50. Tag, Rest: 316 Tage

Als wir letztes Jahr das historische Museumsschiff Cutty Sark besuchten, hatte ich keine Ahnung, dass keine zwei Kilometer weiter noch eine Attraktion zu finden ist. Eigentlich noch viel spektakulärer, denn das Bauwerk ist gigantisch groß. Aber ich konnte es damals trotzdem nicht sehen, denn die Themse mäandert frei durch London und ändert alle paar Kilometer die Richtung um 180 Grad. Da ist mit Ausschau halten nichts zu erreichen. Als ich jetzt endlich dahinter gekommen bin, dass das große Themsesperrwerk, -man nennt es das achte Weltwunder-, gleich hinter der O2-Arena zu finden ist, hielt mich nichts mehr. George war mit dem Ausflug einverstanden, behauptete aber stur, das wir dort schon einmal gewesen wären. Ich weiß nicht was er da verwechselt, entweder die Stadt oder die Freundin, aber ich will es auch gar nicht genauer erfahren.

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Die Themse mäandert durch London. Zur Orientierung habe ich die Aufnahme numeriert:

1) Die Isle of Dog, darauf die Canary Wharf, früher Kaianlagen, heute moderne Bürogebäude. Das ist das Herz der Docklands, früher war das hier der Hafen von London. Heute sind Banken und Medienzentren angesiedelt. 

2.) Der Liegeplatz (Trockendock) der Cutty Sark, vor der Sternwarte von Greenwich gelegen. Ein Fußgängertunnel führt an das südliche Ende der Isle of Dog.

3.) Der City Airport. Er wurde auf ein ehemaliges Hafenbecken gebaut. Es gibt nur wenige Linien, die dort landen. Ich weiß nicht, ob er z.Zt. geschlossen ist, auf jeden Fall sucht man einen neuen Betreiber.

4.) ExCel ist das Messezentrum in London. Einige Hotels und Restaurant sind hier zu finden. Zwischen den Ausstellungen gibt es jede Menge Veranstaltungen, oft sportliche Shows. Die großen Handelsschiffe können bis hierher nicht mehr fahren, aber Sportboote haben vor der Halle ein Möglichkeit anzulegen. Deshalb findet hier auch eine große Bootsausstellung jedes Jahr statt. Genau wie in Hamburg.

Die Stecknadel in der Themse markiert das Sperrwerk, dessen Tore hier eingeparkt sind, aber trotzdem ist es leicht erkennbar.

Die runde weiße Fläche ist das O2 Zelt, wo Popkonzerte stattfinden. Man kommt entweder per Fähre dorthin (wie in Hamburg) oder man nimmt die Dingldong. Eine Seilbahn quer über den Fluß (der Plan wurde in Hamburg erst einmal auf Eis gelegt).

Das Sperrwerk ist beeindruckend. Wir gehen erst einmal ins Besucherzentrum, dort wird uns alles Wissenswerte gezeigt. Ich weiß, das die Themse einen Tidenhub von bis zu sechs Metern hat. Das ist verdammt viel. Nun fließt sie zwar im Gegensatz zur Elbe nach Osten, d.h. der übliche stramme Westwind kann kein Wasser in die Stadt drücken, aber Überflutungen bedrohten trotzdem regelmäßig die Metropole. Ganz schlimm soll es 1236 gewesen sein. Damals konnte man mit dem Ruderboot durch den großen Saal des Westminster Palace rudern. Vielleicht haben sich die Tempelritter den Spaß gemacht, denn es war ihre Zeit gewesen. Eine Flut, an die sich sogar George noch erinnern kann, fand 1953 statt. Rund 300 Menschen kostete sie das Leben. Anschließend entschloss man sich zum Bau des gigantischen Sperrwerks. (In Hamburg wurde man nach der 1962-er Flut massiv aktiv.) Man mußte einen Widerspruch technisch lösen: Einerseits sollten die Schiffe den Fluß befahren können, andererseits wollte man ihn nun zuverlässig verschließen. Die Lösung war ein mehrteiliges Sperrwerk, dessen tonnenschwere Segmente in den Boden vollständig eingefahren werden können. Das Schließen dauert nur 15 Minuten. Oft lässt man das mittlere Tor offen, dann können immer noch Schiffe passieren. Zwei Ecken weiter ist dann aber doch Schluß, denn dann muß die Tower Bridge erst einmal die Straße hochkurbeln. Auch ein technisches Meisterwerk.

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Die Thames Barrier ist geschlossen. Alle neun Stahltore wurden hochgefahren. Die Schiffe können nun nicht mehr nach London fahren, aber die großen Pötte erreichen schon vorher ihren Liegeplatz.

In der letzten Woche mußte das Sperrwerk erstmals in diesem Winter komplett dicht gemacht werden. Das Wasser stand seit Tagen viel zu hoch, Uferbereich waren schon überschwemmt. Die Flut brachte rekordverdächtige Pegel und der ständige Regen ließ das Fass bzw. in diesem Fall die Themse endgültig überlaufen. Auch mitten in London  reichte das Wasser bis an die Kante der Kaimauern.

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So sah es am Embankment aus. Dort hatten wir Silvester das Feuerwerk bestaunt. Die Strasse verläuft direkt am nördlichen Themseufer, von der Jubilee bis zur Blackfriar’s Bridge, entlang.

Das Themsesperrwerk, the Thames Barrier, ist 520 Meter lang. Mit der DLR (Docklands Light Railway) kommt man bequem dorthin. Allerdings liegt das Informationszentrum am südlichen Ufer, da müsste man die Fähre nutzen, und es kostet Eintritt. Wir waren mit knapp 5 Euro pro Nase dabei. Im View Café ist der Kuchen keine Offenbarung, dafür hat man aber den besten Blick auf das Sperrwerk. Eine Tasse Kaffee oder den geliebten Tee ist das allemal wert.

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Vom Café sehen wir auf das geöffnete Sperrwerk; dahinter die Bürohaustürme auf der Canary Wharf (ehemaliges Hafengebiet auf der Isle of Dog). In der Mitte das weisse Zelt der O2 Arena.

The boss himself says:

George: „Londoners today take their dry feet for granted but the Thames that flows through London is really an arm of the sea. In the face of climate change and more powerful storms of the kind that have made this winter catastrophic for so many, it may be time for TB2?

Und ich: “Nachdem ich die Video-Animationen im TB-Infozentrum gesehen habe, stimme ich den Leuten zu, die das Sperrwerk für ein technische Wunder halten. Das ist es tatsächlich.” 

Auf der Rückfahrt:

Weil wie das Auto dabei haben, fahren wir über Greenwich zurück (von der östlichen in die westliche Hemispähre!) und landen natürlich erst einmal im Cutty Sark. Ein urgemütliches Restaurant gleich neben dem Ausflugsschiff. “We had been here earlier” fängt George jetzt wieder an. Und damit hat er natürlich Recht. Er kann sich auf London’s Strassen ziemlich gut orientieren und langsam dämmert mir auch wie er das macht. Ich glaube er hat die Koordinaten jedes guten Pubs abgespeichert. Daran hangelt er sich entlang. Als ich ihn das frage, bekomme ich die Antwort im breitesten Brummie English zurück: “Yaouw knoo as much abart it as the geezer in the moon.” Ich glaube das heißt, das ich von nix ne Ahnung habe. Dafür aber ein Navi!

Später dann, schon mitten in London, auf einmal ein ohrenbetäubender Knall und ich konnte einen Feuerball in der Ferne erkennen. Das muß auf der Themse vorm Parlament passiert sein. War das ein Terroranschlag. Wir waren ziemlich geschockt. Am nächsten Tag erfuhren wir aus der Zeitung, das man einen Doppeldeckerbus effektvoll gesprengt hatte. Ein Filmteam war dafür verantwortlich. Geht’s noch?

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Nur ein Jux. Ich würde das Team in den Tower einsperren. Zwei Jahre bei Wasser und Brot. Vielleicht erdet sie das ein wenig? Filmfritzen. – “Calm down sweetheart, don’t be so German.”

Was passierte noch am 19. Februar?

de 1807 Napoleon Bonapartes Truppen gelingt die kurzzeitige Eroberung von Stolp in 

Pommern. (Das betrifft meine Vorfahren (Reederei Gribel, Stettin) und deshalb

darf es hier erwähnt werden.)

uk 1819 Der vom Kurs abgekommene britische Seefahrer William Smith entdeckt die Livingston-Insel.

Da dies in seiner Heimat angezweifelt wird, kehrt er im Oktober in die Region zurück und wird

Entdecker der subarktischen Südlichen Shetlandinseln. – So kann’s kommen.