19. Tag, Rest: 347 Tage

kitchen
Englischer Herd. Man könnte meinen, man wäre auf einem Raumschiff.

George hat Frühstück gemacht. Full English. Das bedeutet einen langen Vormittag in der Küche. Wir sitzen gemütlich am Tisch, gleich neben dem Herd. So ist alles in Reichweite. In der Pfanne brutzelt der Speck und aus dem warmen Ofen duftet es lecker nach Champignons und Tomaten. Dazu Kaffee (für mich) und Tee (für ihn) und natürlich die Tageszeitung. Herrlich, wie kann man besser in den Tag starten. Unsere Interessen sind zum Glück nicht identisch, so kommen wir uns beim Lesen selten in die Quere. Ich arbeite mich noch durch die Politik, -nur um mitreden zu können-, und George ist schon mitten im Sportteil. Er liest sich deutlich schneller durch die Artikel; ich muß immer mal wieder ins Dictionary schauen. Ich glaube/hoffe ich bin noch einigermaßen klar im Kopf, aber sobald es ans Dazulernen geht, merke ich, dass die Festplatte voll ist. Vielleicht sollte ich wirklich Teile im Gedächtnis löschen. Zum Beispiel die Reste von vier Jahren Französischer Sprache. Nie richtig gekonnt, nie im Leben gebraucht. Die nehmen jetzt in einer verstaubten Ecke dringend benötigten Platz ein. Wie kann man solche Gedächtnisgräber entrümpeln? Bin für jeden Tipp dankbar.

Seit Tagen wird über/von Erzbischof Welby berichtet. Nicht das er was angestellt hätte, ich denke wir haben einfach saure Gurken Zeit (silly season) in Sachen News. Ich überschlage das, weil ich kirchlich ungebunden bin. Heute aber weckt die Schlagzeile mein Interesse: Easter date to be fixed within next five to ten years. Tatsächlich, die wollen Ostern auf ein dauerhaft gültiges Datum festnageln, -sorry, keine Anspielung auf das Geschehen am Karfreitag-, und das kann ich gar nicht gutheißen. Nein, das widerstrebt mir total. Das Osterfest ist für mich der reale, mit allen Sinnen erlebbare Anfang des jährlichen Kreislaufes. Und der wird von natürlichen Ereignissen bestimmt: Das Erwachen der Natur, die Kraft der Sonne, die Länge des Tages, die Lebensfreude in der Tierwelt … Das sollte nicht reguliert werden, bitte nicht!

 

welby
The Most Rev Justin Welby, Archbishop of Canterbury.

 

Ich bin mir sicher, George wird mir hundertprozentig zustimmen, denn er ist wirklich naturverbunden. Wenn er sein Obst und Gemüse im Garten pflanzt oder die Bienen zum Honigsammeln schickt, dann macht er das mit viel Herz und Verstand. Also mal sehen was er zum Vorschlag des Bischofs meint, ich frage ihn: The date of Easter could be fixed within the next five to ten years, the Archbishop of Canterbury has said. You know the date of Easter depends on the phases of the moon. It is determined by the first full moon after the spring equinox and means Easter can fall anywhere between March 22 and end of April. Why will they change it? George ist in irgendwas vertieft, schaut kurz hoch, lächelt mich an und fragt dann seinerseits: Can you believe that a doctor showed his genitals by ‘accident’? Bitte??? What?? Ein Urteil (Freispruch) über ein sehr merkwürdiges Verhalten eines Arztes interessiert ihn viel mehr, als meine Nachrichten aus der klerikalen Welt. Der namentlich genannte Arzt (Dentist, mit Foto und Adresse der Praxis) hatte sich bei Dienstbeginn, wie immer, umgezogen. Er stand dabei hinter einer Mitarbeiterin, die am Computer saß. Dann drehte sie sich wohl um und sah sich mit nackten Tatsachen konfrontiert. Da George sich bei Arbeitsbeginn ebenfalls umziehen muß, und zwar bis auf Socken und Unterhose, weckt das jetzt doch meine Aufmerksamkeit. Der angeklagte Arzt darf auch künftig praktizieren, die Klage wurde abgewiesen. Mir stellen sich dennoch Fragen: Wieso zieht sich ein Zahnarzt komplett aus und wieso hat die Mitarbeiterin ‘his manhood‘ schon ein zweites Mal zu Gesicht bekommen? Denn das ‘versehentliche zur Schau stellen’ passierte schon einmal, als der Chef ihr Bilder auf seinem Handy zeigte. Alle bezogen sich auf die Arbeit. Aber eins hatte sich klammheimlich untergeschoben, dass seinen Penis zeigte. Selfie gemacht??? Zum Glück hat George eine separate Umkleide und auch beim unverzichtbaren Duschen wird niemand stören. Und die Fotos auf seinem Handy zeigen zwar auch oft nacktes Fleisch, aber das geht alles in Ordnung. Das gehört zum business eines Gerichtsmediziners.

 

doc
Mediziner präsentieren sich gerne aufgeknöpft. Sie gestatten tiefe Einblicke, wohl weil der Patient normalerweise nichts (mehr) mitbekommt. Man kann es nur bedauern. Beides.

 

Und was ist jetzt mit Ostern? Das kann dauern. Die Anglikaner werden keinen Alleingang machen, sie müssen sich also mit Papst und orthodoxer Kirche einig werden. Sie möchten das Fest gerne auf den zweiten oder dritten Sonntag im April fixieren. Die Politiker sind vielleicht gar nicht abgeneigt, denn das wäre eine gute Gelegenheit den Karfreitag abzuschaffen. Der heißt in England übrigens Good Friday. Darüber sollte ich auch mal recherchieren. George sieht es ganz gelassen. I wouldn’t expect a change earlier than in some hundred years or so. Equally, I think the first attempt to do this was in the 10th century. Na, wenn das so ist, dann kann ich mir ja noch ein Würstchen nehmen und mich dem spannenderen Teil der Zeitung widmen. “Come on George, give me your piece.” “What???”

 

The boss himself says:

George: “Speaking of Easter, the hunt for eggs is cancelled. I’m on-call service.” “Na, super.”

Und ich: “Selten habe ich so sehnsüchtig auf den Frühling gewartet, wie in diesem Winter. Und wenn er dann endlich da ist, dann feiern wir das Osterfest. Den Zeitpunkt bestimmt die Natur, wir sollten geduldig abwarten.

 

 

Was passierte noch am 19. Januar?

de 1919

Für die Wahl zur Deutschen Nationalversammlung erhalten erstmals Frauen

das aktive und passive Wahlrecht.

uk 1983

The Apple Lisa, the first commercial personal computer from Apple Inc. to have

a graphical user interface and a computer mouse, is announced.

(Wieder eine Meldung aus den USA, aber da ich selbst mit der Lisa gearbeitet habe,

ist mir das eine Erinnerung wert. Lisa kostete mehr als ein VW Käfer.)