201. Tag, Rest: 165 Tage 

Das britische Parlament ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Ganz hinten, auf den Rückbänken, sitzen die backbencher. Sie werden nicht ans Mikrofon treten, aber auch ihre Stimme zählt, wenn wie gestern, abgestimmt wird. Eine wichtige Debatte stand an, es ging um das Trident Programm. Gemeint ist die nukleare Bewaffnung von U-Booten. Man hat vier davon, aber nur noch eins ist aktuell kampfbereit. Eine letzte Aussprache ist anberaumt, danach müssen die Parlamentarier abstimmen. Es geht um eine Grundsatzentscheidung. Will Britannien an der nuklearen Abschreckung festhalten oder nicht? Braucht man heute noch Atomwaffen, um den Gegner in Schach zu halten? Oder braucht man sie vielleicht inzwischen wieder?

 

demo
Die Londoner demonstrierten gegen das Atomprogramm Trident. Steckt das Geld in das staatliche Gesundheitssystem NHS. Dort wird es benötigt. Der kalte Krieg ist vorbei. Oder?

 

Wenn man den atomaren Schutz will, dann müssen 24 Millarden Pfund Sterling Steuergelder bereitsgestellt werden. Eine beachtliche Summe (ca. 29 Milliarden Euro), die man auch anders verwenden könnte. Es gibt keinen Parteizwang, jeder Abgeordnete kann sich frei entscheiden. Wieder eine Zerreissprobe, ja oder nein. Diesmal sind sich die Labourmitglieder uneins. 

Einer, in den hinteren Reihen der Tories, schaut etwa gelangweilt zu. Nach elf Minuten kann er es nicht mehr aushalten. Er zieht sein Handy und kontrolliert die eingegangenen Mails. Kein Wunder, dass er nervös hin- und herrutscht. Eigentlich müsste er jetzt an der Despatch Box stehen und eine flammende Rede halten. Das macht aber die “Neue”, Theresa May. Sie ist für das Trident Programm und zögert keine Sekunde, als man sie fragt, ob sie denn auch bereit wäre den roten Knopf zu drücken. Yes, I am. – Dann folgt die Abstimmung, eine satte Mehrheit spricht sich für die Atomwaffen aus (472 : 117). – Ein lebhafter Vormittag im Parlament geht zu Ende. Die Abstimmung ist im Sinne der neuen Premierministerin gelaufen. Einen Verlierer gibt es aber jetzt schon. Die Mitglieder der Labourparty gehen tief zerstritten auseinander. Ihr Vorsitzender, Jeremy Corbyn, hat gerade öffentlich eine schallende Ohrfeige bekommen. Der Pazifist war entschieden gegen Trident, seine Parteifreunde dafür. Nächste Woche wird über seinen Verbleib intern abgestimmt. Da zerlegt sich gerade wieder eine Partei ohne Not von alleine. Scheint eine englische Spezialität zu sein. 

 

backbench
Hätten Sie ihn erkannt? David Cameron erstmals nach seinem Rücktritt wieder im Parlament. Als Backbencher, ganz hinten, unter seinen konservativen Parteifreunden.

 

 

 

  

The boss himself says:

George says: “‘Fifteen minutes into the PM’s Trident speech, and backbench MP David Cameron gets bored and surreptitiously pulls out his iPhone.”

Ich sage: “Immerhin war das Haus gefüllt. Im Bundestag sieht es oft anders aus, da werden Reden vor leeren Sesseln gehalten. Muß ja auch ein blödes Gefühl sein. Da kann man doch gleich gegen die Wand sabbeln.”

 

 

 

Was passierte noch am 19. Juli?

de 1957

Die erste Rakete mit einem Nuklearsprengkopf wird abgefeuert. – Natürlich in den

USA, mit deutscher Ingenieurskunst. Fing damals der ganze Schlamassel an?

uk 1695

In England erscheint die weltweit erste Heiratsannonce in der Wochenzeitung. – Das

ist bemerkenswert früh, denn wer konnte damals schon lesen.