171. Tag, Rest: 195 Tage

st-paulsWas der Michel für Hamburg bedeutet, ist St Paul’s für London. Beides sind Kirchen und -noch wichtiger- gute Freunde der Einwohner. Ihre markanten Silhouetten waren schon immer dort im Stadtpanorama verankert, sie haben schwere Zeiten überstanden und sind nicht nur geographisch Orientierungs- und Mittelpunkt. Fährt man die Elbe / Themse hinauf und erblickt den Turm, dann weiß man, ich bin wieder zuhause. Beide Gebäude sind nicht die höchsten der Stadt, aber sie haben eine unverkennbar, individuelle Architektur und damit größten Wiedererkennungswert. Kurzum, ein Besuch in der Londoner Kathedrale ist eigentlich ein Pflichttermin für jeden Touristen. Buchen Sie eine Guided Tour im Internet; ab £16 ist man dabei.

Wer keine Zeit hat, sollte einfach mal über St Paul’s lesen. Die Kathedrale wird in jedem London Buch ausführlich erwähnt. Oder einfach bei Wikipedia nachschlagen. Bei meinem Besuch, ich hatte darüber geschrieben, hat mich vieles beeindruckt. Aber mein persönliches Highlight liegt gar nicht in der wundervollen Kuppel, sondern überraschenderweise unter meinen Füßen. Es ist der Fußboden! Das markante Muster der Bodenfliesen, ein Schachbrett, durchzieht das ganze Kirchenschiff. Man findet dieses Muster auch im Temple der Ordensritter oder in der Westminster Abbey. Das Muster hat tiefe symbolischen Bedeutung; Sie werden seine Bedeutung beim Besuch herausfinden.

Als vor einer Woche die Queen mit ihrem Mann einen Dankesgottesdienst in St Paul’s besuchte, standen einige Fotografen auf der Galerie und konnten von dort weit in den Innenraum hineinsehen. Die Fotos sind sehr schön in ihrer räumlichen Wirkung geworden. Zu beiden Seiten des breiten Ganges sieht man die geladen Gäste, Sie waren festlich, elegant gekleidet und das ist in diesem Rahmen auch unverzichtbar. Denn sonst würde die Magie verschwinden. Nur wenn sich alle mit einer hohen Aufmerksamkeit auf den Ort und das Geschehen einlassen, kann eine kollektive Wandlung stattfinden. Und diese innere Bereitschaft kommt natürlich auch, und übrigens ganz nebenbei,  in der Wahl der Kleidung zum Ausdruck.

 

boden

 

Der Gottesdienst war so bunt und prächtig wie die Besucher selbst. Da las der Premierminster aus dem Neuen Testament und eine schon recht gebrechliche Frau aus dem Volk, -sie war auf den Tag genauso alt wie die Queen-, musste sich alle Mühe geben, um ihrer Stimme Kraft zu verleihen, als sie ein paar Worte vortrug. Eine sehr stimmungsvolle Feier, die natürlich auch Prinz Philip galt, der an diesem Tag 95 Jahre alt geworden war. Und dann trat das königliche Paar gemeinsam nach vorne und blieb an einer markanten Stelle stehen. Dort ist ein Platte in den Fußboden eingelassen und darauf konnte ich lesen: Remeber men and women of Saint Paul’s Watch, who by the grace of God, saved this cathedral from destruction in war. 1939-1945. Ja, und da fühlte ich mich auf einmal sehr, sehr beschämt.

 

platte

 

 

 

The boss himself says:

George says: “In East London large areas were destroyed be The Blitz*). Some hundred thousands lost their homes and more than 30.000 Londoners lost their lives.

Ich sage: “Es wäre sinnlos und anmaßend von mir über die Schuldfrage des zweiten Weltkrieges zu sinnieren. Allerdings dürfte es keinen Zweifel daran geben, dass die Deutschen die Aggressoren waren. – Ich kann es mir nicht erklären, warum ich nie davon hörte, wie stark London (ganz England) von den deutschen Luftangriffen betroffen war. Ich dachte immer, es wären wenige Bomben gewesen. Weit gefehlt.”

*) Oft hört man den Begriff “The Blitz” in London. Damit sind die deutschen Luftangriffe gemeint, die von 1940-45 geflogen wurden und die große Schäden angerichtet hatten. Die jahrelange Angst vor den Bombern, das tägliche und nächtliche Flüchten in die Bunker und Untergrundstationen, ist bis heute in der Erinnerung der Bevölkerung wach. Und diese traumatischen Erlebnisse sind traurigerweise ein enges, verbindendes Band zu den gleichaltrigen Frauen und Kindern in den deutschen Großstädten. – Was habt ihr bloß gemacht?

Und noch etwas möchte ich anfügen. Der Londoner macht gar nicht so sehr Adolf Hitler und Nazi-Deutschland für den Krieg verantwortlich. Er sieht eher eine damalige kontinentale Bereitschaft als Ursache. Also, keine Angst. Niemand wird sie als deutscher Urlauber beschimpfen oder verurteilen. Meiden Sie das Thema im Pub oder sonstwo. Es gehört dort nicht hin, genauso wenig wie Politik, Krankheiten und miese Laune.

 

 

 

Was passierte noch am 19. Juni?

de 1888

Privates Gedenken: Mein Großvater, John Peters, wurde im Dreikaiserjahr in

Hamburg geboren. Meine Güte, das ist 128 Jahre her! – Übrigens an seinem

48. Geburtstag wurde Max Schmeling durch K.O. Weltmeister. Wetten, dass

Großvater seinen Gästen eine Extrarunde Doornkaat spendiert hat.

uk 1917

In Großbritannien wird mit der Änderung des Wahlgesetzes das Frauenwahlrecht 

eingeführt. – Die Emanzipation der Frauen hat funktioniert. Niemanden scheint es 

zu stören, dass die Queen auch Supreme Governor der Church of England ist. 

Sie ernennt Erzbischöfe und Bischöfe! Das wäre im Vatikan undenkbar. Und im

weltlichen Bereich wurde schon 1979 eine Frau Premierministerin. Bravo!