324. Tag, Rest: 42 Tage 

Ausländer, also nicht Briten, die in London leben und arbeiten, verfluchen ihre Wahlheimat nicht selten. Gerade haben Sie London ans Ende der Wohlfühl-Skala gewählt: ‘Non-Brits rate city as one of world’s worst to live in’. Sie finden die Lebensqualität hundsmiserabel, das Freizeitangebot dürftig und die Sicherheit schlecht. Besonders traurig finde ich, dass sie in London keine ‘happiness’ finden. Warum ist mein Bild ein ganz anderes? Sehe ich alles durch die rosarote Brille? Ja, das mag wohl sein. Ich habe das Glück mit George in einer eher priviligierten Gegend zu leben, unter finanziell entspannten Umständen und mit einem Bekanntenkreis, der sich beruflich längst etabliert hat und jetzt die Ernte der Karriere einfährt. Und doch ist mir klar, das der englische Lebensstandard weit unter dem unsrigen liegt. Die Wohnungen sind schlecht ausgestattet und/oder renovierungsbedürftig, die Autos sind untere Mittelklasse, die Lebenskosten sind hoch (London), aber auch die Einkommen (London), die jährliche Arbeitszeit ist deutlich höher als bei uns. Es liesse sich fortsetzen.

 

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Typische geschlossene Bauweise. Die schmalen Reihenhäuser haben oft zwei Mieter; eine Familie wohnt oben, die andere unten. Die Mülleimer stehen ungeschützt am Fußweg. Diese Häuser kosten um die 700.000 Pfund (London N2). Für unsere Verhältnisse sehen sie etwas schlicht aus, ich aber mag die Atmosphäre, die in dieser Enge und Einfachheit gelebt wird. Die Bewohner gehören der Mittelschicht an, sie sind nicht arm. Aber sie haben sich ganz andere Prioritäten als wir gesetzt und leben diese konsequent. Ich glaube das zieht mich so in ihren Bann.

 

Ein großer Unterschied fällt auch in der Wohnraumgröße auf. Der Londoner beansprucht wenig Platz, obwohl seine Familie oft groß ist. Man scheint es zu mögen, abends mit drei Kindern im knapp 20qm großen Wohnzimmer zu sitzen. In diesem Raum steht ein Esstisch, ein Sofa mit Tisch und Sessel, ein Fernseher, eine provisorisch eingerichtete PC Ecke und unter dem Couchtisch wird ein großer Hund liegen. Gut möglich, dass die gerade volljährige Tochter schon den Enkelsohn geboren hat, der mit offenen Armen hier auch noch Platz finden wird. An George kann ich feststellen, dass diese räumliche Enge und materielle Schlichtheit ganz offenbar zur englischen Gemütlichkeit gehören. Er kann es sich anders einrichten, und das hat er auch gemacht, aber sobald wir zusammenrücken müssen, blüht er auf. Bis heute haben wir es nicht geschafft aus zwei kleinen Schlafzimmern ein großes zu machen. Ich würde den Raumgewinn durchaus gutheißen, ihm scheint er eher Angst zu machen. Und so bleiben wir im kleinen, aber tatsächlich urgemütlichen bedroom, und freuen uns darüber Gästen jederzeit leerstehende Zimmer (Plural!) anbieten zu können. Das sind die sogenannten ‘spare rooms’, die sich in vielen Häusern finden lassen.

 

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Blick auf den ganzen Strassenzug. Bald könnten einzelne Häuser aufgestockt werden. Es gibt nirgends einen Durchgang zu den Gärten, die erreicht man nur durch das eigene Wohnzimmer. Übrigens Parken nur für Anwohner mit Parkschein.

 

Weil London aber tatsächlich aus allen Nähten Platz, wurde jetzt ein ganz neues Baukonzept in Angriff genommen. Es kommt einer Revolution gleich und wird mehr als argwöhnisch beobachtet. Man will die ‘terraced houses’ aufstocken. Das könnte das Überqueren einer ‘red line’ sein. Denn das englische Strassenbild in der typischen Wohngegend wird von den geschlossenen Fassaden der zweistöckigen “Reihenhäuser” geprägt. Obwohl durchaus individuell entworfen, stehen die Häuser lückenlos nebeneinander, ohne Vorgarten, eng an der Strasse. Hinter den Häusern liegen schmale Gärten, mannshoch und blickdicht umzäunt, die am Ende auf den Nachbargarten der Parallelstrasse stossen.

 

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Typische Londoner Bauweise. Die ‘terraced houses’ werden nahe an die Straße (türkis markiert) gebaut. Dahinter sind die Gärten, die man nur durch die Wohnung erreichen kann.

 

Es ist im englischen Baugesetzt verankert, das ein ‘terraced house’ nicht höher als die Nachbarhäuser gebaut werden darf. Das soll in London ab sofort nicht mehr gelten; jedenfalls in einigen Stadtteilen. Tatsächlich ist die Bebauungsdichte überraschend dünn. Durchschnittlich (inkl. der Hochhäuser in der Innenstadt) zählt man in Greater London nur 150 Wohnungen pro Hektar (10.000 km2). In Paris sind es 300 Einheiten, in New York 480. Die alteingessenen Londoner sind beunruhigt, denn sollte der Nachbar jetzt aufstocken, dann würde ihr Garten vielleicht verschattet werden und was noch viel schlimmer ist, er könnte freien Blick auf den geheiligten ‘backyard’ bekommen. Das ist nicht akzeptabel, ja es verursacht dem Engländer körperlich spürbares Unwohlsein. Diese Privatsphäre im und hinter dem Haus ist ihm heilig. Ich bin sehr gespannt wie sich das praktisch entwickeln wird. Das die Hauspreise nicht mehr bezahlbar sind, hat sich auch in den priviligierten Kreisen herumgesprochen, aber diese naheliegende Lösung, nämlich höher zu bauen, ist kaum jemanden zu vermitteln.

 

 

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The boss himself says:

 

George says: “The strict limits on the heights of houses are written in laws for more than 70 years. It’s hight time they where updated to reflect the modern world. We have to solve the nation’s housing crisis and how we use the space available is the key, and that means building upwards.

Ich frage: “Bravo, das nimmst du ja gelassen hin. Aber ich stimme zu. Was allerdings wirst du sagen, wenn die Leute nebenan um ein oder zwei Stockwerke aufstocken?” “God forbid! If they will do this they are idiots. I would never agree.” – Womit die Diskussion für George stimmig beendet ist. Mag sein, dass er den Widerspruch seiner Aussagen wahrnimmt, einen Grund zur Klarstellung sieht er nicht. Auch das ist typisch englisch, irgendwie ist ihre Welt der Dualität längst entkommen. Es ist immer alles möglich, warum also auf eine Sache beschränken. Anything goes and the sky is the limit.

 

 

Was passierte noch am 19. November?

 

de 1973

Anlässlich der bestehenden Ölkrise ordnet der Deutsche Bundestag das erste 

Sonntagsfahrverbot für den 25. November an. – Das war lustig, wir gurkten den

ganzen Tag mit dem Fahrrad über die A1.

uk

1806

Hamburg wird zur Vorbereitung der Kontinentalsperre von napoléonischen Truppen

besetzt. Start der Hamburger Franzosenzeit. – Die Sperre richtet sich besonders

gegen den Handel mit England. Ein fröhlicher Schmuggel beginnt. Manche werden

damit reich, andere verlieren ihren Kopf. Soviel zum Stichwort ‘freier Handel’.