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Sowas kann jederzeit passieren. Würden Sie wissen ob ihr Auto durchpaßt? Wie hoch sind 11 feet 9 inches?

Der Engländer geht irgendwie anders als wir mit den Zahlen um. Aufgefallen ist es mir schon frühzeitig, ganz dahinter gekommen bin ich bis heute nicht. Rechnet der Insulaner anders? Oder gibt es eine speziell englische Arithmetik? Um solchen Fragen auf den Grund zu gehen, greife ich gerne auf George zurück; er ist immer ein geeignetes Versuchskaninchen. Ich unterstelle mal, dass er sich in der Schule und im Studium auch mit dem weiten Feld der Mathematik beschäftigen mußte, und trotzdem scheint da wenig hängen geblieben zu sein. Immer öfter frage ich mich, hat er das jetzt eigentlich ausgerechnet oder einfach nur geschätzt? Eins ist gewiß, die preußische Akkuratesse ist dem Engländer kein Grundbedürfnis.

Versuchen wir mal Licht ins englische Zahlensystem zu bringen. Ich bin 5″9 groß und George mißt 6″1. Gesprochen heißt das six feet / one inch. Er ist also 2 inches größer als ich. Neeeeee, falsch. Erstens sind es 4 inches und zweitens ist er nur länger!

12 inchES = 1 foot 

Und 3 feet (beim Messen darf es übrigens auch 3 foot heißen) sind 1 yard. Weil das alles jenseits eines metrischen Systems angesiedelt ist, fällt mir das Rechnen mit diesen Einheiten schwer. Aber im Alltag wird die Sache noch viel bunter, weil der Engländer natürlich kleinere Maßeinheiten als das inch (ca. 2,5 cm) kennt. Da ist nämlich noch der rod (Stab) und die chain (Kette). Wollen Sie wirklich wissen wie lang ein rod ist? Na gut, er ist 25 link lang und das link entspricht circa zwei Drittel foot.  Man achte auf die Wortwahl: ‘entspricht ca.’. Das ist die offizielle Definition!

Glücklich darf sich schätzen, wer Schuhgrösse 48 trägt. Seine Fußlänge ist exakt  ‘one foot’ lang. 

 

Ein Paradebeispiel für Englische Ungenauigkeit: Im nördlichen London, schöne Gegend, können Sie aktuell eine Wohnung für gut 1.300 Euro kalt mieten. Gut, Mietwohnungen sind selten und Londoner Wohnraum ist teuer. Diese liegt in einem Doppelhaus. Alles was der Makler uns verrät ist folgendes:

Full description: LARGE 2 DOUBLE BEDROOM FIRST FLOOR GARDEN FLAT located in a DETACHED BUILDING in a popular turning, the property has a MODERN BATHROOM and LARGE LOUNGE with a SEPARATE KITCHEN available soon the property should be internally viewed as soon as possible by calling 0208223xxxx

Und dem Engländer reicht das! Mehr will er nicht wissen. Schnell noch eine Besichtung und schwupps ist der Vertrag unterschrieben. Kündigungsfrist? Keine gesetzliche, ganz nach Lust und Laune des Vermieters … 

 

Wenn wir Möbel umstellen und herausfinden wollen, ob der Schrank noch hinter die Tür passt, dann rechnen wir in yard. So steht es auf dem Zollstock. George ist erleichtert, denn jetzt kann er glänzen: “One yard corresponds roughly to one meter.” Wie bitte? ‘Corresponds roughly’, also so in etwa? Jetzt fühlt sich George erwischt und schiebt schnell nach: “91,44 centimeters”

Mich wundert jetzt gar nichts mehr, das sind fast 10 Prozent weniger und erklärt warum das Kabel von der Satellitenschüssel zum Receiver bereits oberhalb der Wohnzimmerdecke zu Ende war. George hatte es gekauft. Immerhin haben wir seitdem einige hundert TV-Programme im Schlafzimmer zur Verfügung. – Plan gescheitert, improvisiert und kommentiert mit “let’s refresh the nest”. So löst der Engländer unvorhergesehene Probleme.

dog-in
What’s the best in the bedroom? A telly, a dog or an English charmer?

Aber meine Kritik trifft nicht den Punkt. Der Engländer weiß ja um seine schlampige Umrechnung, nur es stört ihn nicht. Die Genauigkeit, das Festlegen auf Millimeter, entspricht nicht der englischen Mentalität. Während wir erst dann entspannen, wenn alles genau definiert ist, am besten schriftlich fixiert, entspannt der Engländer erst, wenn er noch Spielraum in petto hat. Eine letzte offene Tür, eine Unwägbarkeit macht ihm keine Angst sondern ein wohliges Gefühl. Was für ein Glück, wenn man noch eine Alternative hat und stets glaubt der Engländer felsenfest daran, dass die unvorhergesehene Änderung neue Chancen und deutliche Verbesserungen in sein Leben bringen wird. Ich bin eine manchmal leidende Romantikerin, George ist ein stets gutgelaunter Optimist. 

Inzwischen sind die metrischen Einheiten längst von England übernommen worden. Offiziell muß alles in Meter und Kilogramm angegeben werden, aber viele rechnen noch mit den alten Werten. Das aber die Mathe-Abteilung des englischen Gehirns grundsätzlich anders funktioniert, dämmerte mir, als ich merkte wie sie mit Prozentrechnung umgehen. Wie oft werden uns in den Nachrichten Infos mit einer prozentualen Angabe mitgeteilt? Sehr oft: Frau Merkel verliert 1%  der Stimmen, die Flüchtlinge machen schon über 10% der Bevölkerung aus, VW muß fast 20% der Modelle umbauen …

Wenn wir diese Nachrichten einem Engländer verständlich machen wollen, reicht es nicht zu übersetzen. Verwenden Sie bitte keine Prozentangabe, denn er wird sie falsch verstehen. Der Engländer glaubt 10% bedeutet es betrifft jeden Zehnten. Und damit liegt er richtig. Leider nutzt er diese Logik auch für 20, 30 oder 40%. Und dann stimmt es eben nicht. Also hat man sich etwas anderes einfallen lassen, etwas das leichter zu verstehen ist. Statt  von zwanzig Prozent spricht man in England von ‘one in five’. Damit kann der Engländer etwas anfangen. Fünf Leute kennt er und wenn es einen davon betrifft, dann ist das ganz schön viel. Mit dieser Erkenntnis gibt er sich zufrieden. Sein Kopf hat es weder gerechnet, noch kann er das Ergebnis erklären, aber der Bauch weiß genau wovon gesprochen wird. Damit lässt sich der Alltag meistern. Und zwar gar nicht so schlecht.

Diese Ungenauigkeit in Zahlen und konkreten Angaben wird ihnen überall in England begegnen. Inzwischen habe ich mich nicht nur daran gewöhnt sondern fange an zu begreifen, dass das eine interessante alternative Sichtweise ist. Sie macht das Leben deutlich entspannter. Aber es gibt auch einen Bereich in dem der Engländer es sehr genau nimmt. Und das ist die Höchstgeschwindigkeit auf allen Autobahnen: 70 miles per hour (112,654 km). Wer mit 71 mph geblitzt wird, -und England ist flächendeckend mit Videokameras (CCTV) überzogen-, zahlt und zwar teuer. Ausnahmslos sind £100 fällig. “Actually that’s not true” schaltet sich George ein. “It’s true police double the money they pocket from speeding drivers but you can also choose the ‘charge for running speed awareness’ courses.”

 

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Kameras wohin man blickt. Denen entgeht nichts. – Übrigens: ‘Actually … ” heißt nicht etwa ‘zur Zeit …’ sondern ‘in Wahrheit …’. Gern gemachter Übersetzungsfehler. Ich brauchte Wochen bis bei mir der Groschen fiel.

 

Ja, ich weiß was er meint. Statt den Strafzettel per Post abzuwarten, kann man die Rechnung sofort bei der Polizei bezahlen und kommt dann meistens mit einer sog. ‘Ermahnung für zu schnelles Fahren’ davon. Die Kosten bleiben aber die gleichen, £100 bar auf die Hand. “I prefer this option over a fine because it avoid having points added to my licence, and thereby keep my insurance premiums down. Mostly I choose it.” MOSTLY? Wie oft ist denn ‘mostly’? Kannst du das mal präzisieren. Keine Antwort, ich muß mich mit einem sheepish grin begnügen.

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Das metrische System wurde in den 60er Jahren in England eingeführt. Seitdem müssen Gewichte und Längen in Kilogramm und Meter angegeben werden. Um die Jahrtausendwende entbrannte erneut eine heftige Diskussion darüber, ob man dieses Gesetz nicht kippen sollte. Und noch heute wettern viele Engländer gegen die “moderne” Maßeinheit, die sie ganz und gar unsinnig finden. Ich zitiere hier aus einem Leserbrief, der 2004 von W. Woodhouse geschrieben wurde. Er reagierte auf einen Artikel des Journalisten Jeff Howell. Der Brief gibt uns einen guten Einblick in die englische Denkweise bezüglich der Traditionen:

“Jeff Howell, in extolling the metric system, talks of the advantage of global standardisation. Mr Howell must be aware that the world’s largest economy does not use the metric system [gemeint sind die USA] and it is this that inspired the forced metrication of this country. Our laws allowed us to use whichever system we wished and this was considered an unfair trading advantage by our so called “new partners” [gemeint ist die EU].

There are sound reasons for using imperial measures. It is not for nothing that they date back to Babylon. We already know what a foot looks like and know that three of these make a yard, so can easily pace out a known measure. Put four thumbs side by side and we have a hand, still the measure of horses’ and ponies’ size. Send the dumbest apprentice for an eight by four joist and he cannot go wrong as it is a hand and a span, which he can check without a rule.

From an engineering and scientific perspective the metric system is meaningless. Dreamed up by post-revolutionary France to be different, at any cost, to the hated English, the metre would be a precise sub-division of the arc from the equator to the pole that passed through Paris. Due to a miscalculation it is not.”