337. Tag, Rest: 29 Tage 

Ich kann es gar nicht glauben, aber ich habe mein Ziel erreicht. Ein Jahr lang habe ich täglich einen Blogbeitrag geschrieben. Jetzt bleiben nur noch vier Geschichten übrig, denn am 5. Dezember soll hier Schluß sein. Wer dann immer noch nicht genug hat, schaut einfach oben in den ‘Inhalt’ und kann nahtlos mit dem 6. Dezember (2015) weitermachen. Und jetzt werde ich doch ein wenig nervös, denn was muß ich hier noch unbedingt erzählen? Habe ich etwas vergessen? Ganz bestimmt, schließlich kenne ich von England nur London, ehrlicherweise gesagt nur einen Teil von London, also eigentlich einen kleinen, und meine subjektive Betrachtungsweise macht die Sache noch schiefer, aber ich habe es durchaus so beabsichtigt. Wenn Sie also ganz andere Seiten bei Ihrem Besuch in der Metropole erleben, dann würde es mich nicht wundern. Erzählen Sie mir dann doch mal davon.

Worüber also nun heute schreiben? Es muß ein Topthema sein, etwas was den Londoner aktuell beschäftigt. Also höre ich mich um, schaue mir die lokalen Nachrichten auf BBC an und muß dann nicht mehr lange grübeln. Das Tagesgespräch dreht sich mal wieder um des Engländers besten Freund. Klar, es sind tierische Akteure. Es ist niemand anders als Larry und seine Kumpel, die noch immer Parlament und Downing Street aufmischen.

 

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Aktuelles Foto von Larry. Dem geht es wieder gut. Er ist der ungekrönter König in der Downing Street.

 

Dem Chiefmouser Larry geht es wieder gut. Seine Schulter schmerzt nicht mehr und er scheint sich seiner prominenten Stellung sehr bewußt zu sein. Premierministerin May würde ihren politischen Selbstmord vollziehen, wenn sie Larry aus der No 10 verweisen würde. Das nutzt der Kerl aus und benimmt sich übellaunig. Kaum hatte er Kater Palmerston rausgemoppt, da kommt der Schatzkanzler Philip Hammond mit neuen Ungemach an. By the way, er hat übrigens übermorgen Geburtstag; also Philip nicht Palmerston.

 

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Herrlich! Statt öder Charts über den Steuerhaushalt, wird der Leser über den aktuellen Stand des Haustierkrieges in Downing Street informiert. Diese Grafik fand ich im Daily Telegraph auf einer der vorderen Seiten, Kategorie ‘politics’.

 

Gleich zwei Hunde gehören zum privaten Haushalt von Philip Hammond. Und beide wuseln jetzt in der Downing Street herum; das gefällt Larry gar nicht. Herrchen, also Schatzkanzler Hammond, hatte vorgestern seinen großen Tag im Parlament. Er stellte das sogenannte ‘Autumn Statement’ vor, aber der Funken wollte nicht überspringen. Vermutlich weil es um die Finanzlage des nächsten Jahres ging, ein eher dröges Thema. Er kündigte an wo Steuern erhöht werden und wer mit mehr Unterstützung rechnen kann. Wegweisend, aber auch soooo langweilig. Und weil die Nachrichten das Ereignis nicht ganz ignorieren konnten, stürzte man sich stellvertretend auf Rex, seinen Welsh terrier, und Oscar, den wire haired dachshund. Beide pooches hatten wohl Krach mit Larry, der nebenan wohnt. Und jetzt bekamen die doggies Stubenarrest. Man muß wissen, das man von Downing Street No 10 in das Nachbarhaus No 11 durchgehen kann. Aber das ist den beiden Vierbeinern verboten worden. “The dogs are not free to roam around the house. The cat is all over the place”, drang von engsten Mitarbeitern des britischen Schatzmeisters durch. “Larry fights, he is pretty feisty. The dachshund is pretty small and I am not at all sure if it really came to a punch up who would come off best.” Da kann ich nur sagen: Unterschätzt den deutschen Dackel nicht!

 

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Rex und Oscar haben sich zu fügen. Wenn Larry im Haus ist, haben sie Stubenarrrest.

 

Vielleicht ist Larry so fünsch, weil man intern die Appartements getauscht hat. Beide, Schatzmeister und Premier, wohnen auch in Downing Street und scheinbar sind die Hammonds in No 10 eingezogen und Ehepaar May in No 11. So etwas mögen Katzen nicht. Ihre feine Nase nimmt noch monatelang den Hundemief wahr. Das schlägt auf die Stimmung.

 

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Downing Street ist viel größer als man denkt. Dieser Plan zeigt das EG mit den beiden berühmten Haustüren. Hier sind die offiziellen Büros zu finden. In den oberen Geschossen (2 + Dach) sind die privaten Räume bzw. ganze Wohnungen. – Der Plan kann per Klick vergrössert werden.

 

Damit aber nicht genug, das Parlament muß sich mit weiteren Haustieren beschäftigen, die in den Büros des Westminster Palace zumindest tagsüber leben. Nach Katzen und Hunden, steht jetzt Cronus auf der Tagesordnung. Eine ausgewachsene Vogelspinne, die dem Government Chief Whip gehört! Das achtbeinige Monster lebt in einem Glaskasten auf dessen Schreibtisch. Manchmal holt er ihn/sie (?) wohl raus und lässt Tarantula auf dem Schreibtisch herumlaufen. Ein gutes Mittel um unangenehme Gespräche abrupt zu beenden. Der Besitzter Gavin Williamson weigert sich auf Chronos’ Gesellschaft zu verzichten. Sein Argument lautet: “When the mouse problem has been sorted out, then I will consider removing my eight-legged friend.” Kluger Schachzug, denn wenn er es tatsächlich von der Mäuseplage abhängig macht, dann kann Cronus ewig bleiben. Auch die Abgeordnete Stella Creasy, die ihre Katze nicht mehr nach Westminster mitbringen darf, hat sich eindeutig geäußert: “This is so UNFAIR. When does Parliament get its own cats? We’ve got loads of mice (and some rats!) after all!”

 

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Mr Williamson und sein Haustier. Der chief whip nimmt die Aufgaben eines Fraktionsvorsitzenden wahr. Er ist Kabinettsmitglied; er bekleidet ein hohes, wichtiges Amt.

 

Tja, sie sehen womit das englische Parlament sich täglich beschäftigen muß. Kein Wunder, dass man in Sachen Brexit nicht recht weiterkommt. Übrigens habe ich da etwas ganz Nettes erlebt, dass ich noch schnell erzählen will. Ich hatte einen Redakteur einer Londoner Zeitung gemailt und um einige Informationen gebeten. Die habe ich auch prompt bekommen, weil ich inzwischen weiß wie man fragen muß. Höflich, nett, ein bißchen witzig formuliert. Eines meiner Charmeoffensiven bestand darin, ihm mitzuteilen, dass ich sehr gerne morgens englische Zeitungen lese, weil ich dort soviel gute Laune tanken kann. Mike, so heißt der hilfsbereite Mann, hatte es wohl ironisch verstanden, nämlich dass ich durch die Blume sagen will: Hey Engländer, ich lache mich über euch tot. Jedenfalls bekam ich prompt von ihm eine ‘Entschuldigung’: “Look forward to welcoming you. Incidentally, everyone I know thinks leaving Europe is a disaster!” Ich hatte den Brexit mit keinem Wort erwähnt, aber meine Nationalität offen gelegt 😉

 

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Das Mäusefangen klappt zuverlässig. Damit ist die Zukunft gesichert. Man teilt den Lesern mit: Larry the Downing Street cat has preferred hanging out in the corridors of power. Na, dann ist doch alles in Ordnung. Volle Kraft voraus.

  

   

The boss himself says:

 

George says: “To be honest, Mike is absolutely correct. It is a disaster to leave Europe and I hope somebody will soon give the command to restore everything from the start.”

Ich sage: “Viele glauben das es noch zu korrigieren ist. Gerade hat Tony Blair eine zweite Abstimmung verlangt. Und irgendwie glaube ich auch, dass sich da noch Möglichkeiten auftun. Trotzdem imponiert es mir, wie ihr es immer wieder spielend schafft euch ausschließlich auf die guten und positven Dinge des Lebens zu konzentrieren. Und das mag ja ein aktives Verdrängen der Probleme sein, aber es ist auch eine verdammt kluge Lebensstrategie. Sie bringt einen garantiert weiter, was der ewige Grübler und Zauderer eben nicht behaupten kann.

  

 

Was passierte noch am 2. Dezember?

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1990: Im vereinigten Deutschland findet die erste gesamtdeutschen Wahl seit Ende des Zweiten Weltkriegs statt. – Gewinner war die CDU und Helmut Kohl konnte eine vierte Amtszeit in Angriff nehmen. Ach hätte er doch bloß verzichtet, dann wäre ihm und uns manches erspart geblieben. Gilt vermutlich auch für Frau Merkel. Macht es wie ich, hört auf, wenn einem noch jemand hinterher weint.

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1999: Zum ersten Mal seit 1972 erhält Nordirland seine Autonomie wieder.Ich weiß viel zu wenig von der jüngsten, blutigen, irischen Geschichte, um etwas dazu sagen zu können. Eine der vielen Lücken, die ich unbedingt noch füllen will.