246. Tag, Rest: 120 Tage 

Die Euston Road führt vom Regent’s Park zum Bahnhof King’s Cross. Sie ist nicht sehr lang und bietet nichts Spektakuläres. Trotzdem ist es gut möglich, dass Sie als Tourist hier vorbeikommen, denn St Pancras / King’s Cross ist Dreh- und Angelpunkt des Londoner Zugverkehrs. Wenn Sie dann also dort sind, dann achten sie doch mal auf die Kirche (St Pancras New Church) an der Südseite der Straße, gegenüber vom Euston Bahnhof. Das Gotteshaus wurde anfang des 19. Jahrhunderts, im Stil eines griechischen Tempels, erbaut. Relativ auffällig sind vier große Figuren, die jeweils am Nord- und Südportal stehen. Es handelt sich um sogenannte Karyatiden, darunter versteht der Architekt eine tragende Frauenfigur. Mit anderen Worten ein Ersatz für eine Säule. Die Damen sehen wie eine ästhetische Verzierung der Kirche aus, sind aber tatsächlich tragendes Bauelement für das auf ihnen ruhende Dach.

 

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Links die Karyatiden in der Londoner Euston Road, rechts die Vorbilder in Athen

 

Die Londoner Terracotta Figuren verbergen ein Geheimnis. Je länger man sie anschaut, desto mehr drängt sich ein Gefühl auf: Da stimmt doch irgendetwas nicht? Und damit liege ich richtig und George liefert mir die background story. Als die Kirche 1819-21 gebaut wurde, war Charles Rossi der verantwortliche Künstler für alle Statuen. Er hatte also auch die acht Karyatiden in seinem Atelier gefertigt und ließ sie nun mit schweren Pferdefuhrwerken anliefern. Viele Zuschauer waren gekommen und natürlich auch die Bauherren. Alle wollten den Einbau live erleben. Rossi hatte ein geübtes Auge für Proportionen und es dauerte gar nicht lange, bis er realisierte, dass seine Figuren nicht in die vorgesehenen Nischen hineinpassten! Sie waren volle 12 inches zu hoch! Das sind gut 30 Zentimeter und natürlich ließ sich am Gebäude nix mehr ändern. Man konnte nicht mal eben das Dach um einen drittel Meter anheben. Was tun? 

 

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Die Figuren am Südtor. Weitere vier stehen am Nordtor der Kirche.

 

Rossi sagte sich ‘what does not fit, is made to fit’ und ließ alle Fuhrwerke kehrt machen. Zurück in sein Atelier, dort lud man die schwere Last ab und Rossi fing an zu meisseln. Zwei Tage brauchte er zum Einkürzen der Damen. Er schnitt sie kurzerhand an der der Taille auseinander, entfernte 30 Zentimeter Rumpf und fügte die Teile wieder zusammen. Es passte nicht so ganz, der Laib bauscht sich merkwürdig auf, aber nun paßte die Höhe und die statische Funktion war gewährleistet. Und so stehen dort bis heute die merkwürdig verkürzten Dienerinnen und wachen über einen Steinsakrophag, der hinter ihnen zu sehen ist. 

Weil wir schon hier sind, werfen wir noch einen Blick ins Innere. Und ich bin sehr überrascht. Ein lichtdurchfluteter Kirchenraum lädt zum Verweilen ein. Die Kirche wird oft St Pancras New Church genannt, aber offiziell ist sie einfach die Parisch Church. Übrigens eine protestantische Kirche. Weiter nördlich gibt es eine Old Church, die aber wohl heute gar nicht mehr genutzt wird.

 

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Man achte auf die beiden Flaggen, links und rechts, über dem Altarraum. Dort hängt tatsächlich der Union Jack. Das wäre in Deutschland wohl kaum möglich? Schwarz-gold-rot über dem Heiligsten?

 

Die Kirchengemeinde scheint mit der Zeit zu gehen. Ihr Angebot ist weit gefasst. Neben dem Gottesdienst finden regelmäßig Konzerte oder auch Ausstellungen statt. Aber das ist noch längst nicht alles. Man verfügt über einen großen Parkplatz, gleich gegenüber an der Euston Road und das ist eine 1a-zentrale Lage. Weil der tagsüber gar nicht oft benutzt wird, bietet man kurzerhand Parkplätze zur Miete an. Das Angebot ist überaus fair. Wir haben einen ganzen Tag gebucht und zahlen dafür £17.50 (20€). Die Woche kostet £105.00 und der Monat “nur” noch £205.00. 

 

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Bequemer geht’s nicht. Gottes Parkplatz liegt am Rand der Congestion Charging Zone, gegenüber der Kirche, an der Euston Road.

 

Die pfiffigen Gemeinde vermietet aber noch mehr. Unter der Kirche liegt eine weitläufige Krypta. Die kann man ohne weiteres buchen. Wofür? Oder wenn mal was Großes gefeiert werden soll, warum nicht gleich den herrlichen Kirchenraum nutzen. Hier ist Platz für 600 Personen und man darf auch zu ganz unchristlichen Events einladen. Wir merken es uns mal und ziehen weiter in Richtung City. Ich habe Hunger und entscheide mich für Spaghetti Carbonara. Trotz größter Vorsicht ist anschließend mein Top runiniert. George sieht noch immer wie aus dem Ei gepellt aus, selbst die Krawatte hat keinen einzigen zusäztlichen Punkt bekommen, aber meine Frontside zeigt Spuren. Und ich fürchte, selbst ein Abschneiden des Shirts an der Taille, würde nix mehr retten. Also umplanen, statt Tower Bridge zurück nach Hampstead und neu ankleiden.

  

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Warum nicht mal in eine Londoner Krypta einladen? Kissen sind mitzubringen.

  

 

 

The boss himself says:

George says: “I like the crytp for my pension party. It’s the perfect fitting frame, isn’t it? – You forgot the highlight of your story. You should tell why Rossi decided upon drastic measures and how he carmouflaged the error at the day of the consecration.

Ich sage: “Ach, du meine Güte. Danke. – Also Rossi hatte seinen flämischen Assistenten damit beauftragt, die genauen Masse für die Statuen vor Ort zu nehmen. Der trug sie gewissenhaft in eine Skizze ein, die er Rossi ins Atelier brachte. Rossi entschuldigte seinen kapitalen Fehler später damit, dass er die Handschrift nicht hätte lesen können. Warum hat er dann nicht einmal nachgefragt? Wie auch immer, am Tag der Einweihung konnte man von den gekürzten Damen wenig sehen. Man hatte sie mit Blumen bis zur Taille eingedeckt. Als die welk wurden, kam die Wahrheit ans Licht. Aber da waren die Gäste längst wieder gegangen. Und heute hat kaum einer Zeit um genauer hinzusehen. Man eilt vorbei und hat einzig das Smartphone im Blick.

 

 

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Die St Pancras Church an der Euston Road. Im Stil eines griechischen Tempels gebaut. Die rote Telephone Box (Modell K6) passt farblich hervorragend. Sie sind längst eine schützenswerte Rarität im Stadtbild.

 

 

 

Was passierte noch am 2. September?

de 2004

Im Dachstuhl der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar bricht ein um sich greifender

Brand aus. 50.000 Bände der Bibliothek verbrennen, weitere 62.000 werden durch Feuer

und Löschwasser beschädigt. – Ein Desaster, ich kann mich gut an die TV-Bilder erinnern.

uk 1666

Der große Brand von London bricht aus, der die Stadt weitgehend zerstört. – Für 

heutige Schüler ein Glücksfall, dreimal die sechs kann man sich gut merken.