172. Tag, Rest: 194 Tage

Normalität entsteht immer dann, wenn räumliche Nähe über lange Zeit besteht. Ist sie erst einmal entstanden, dann fühlt sie sich so selbstverständlich an, dass es schwerfällt jemanden eine andere Wahrnehmung zuzugestehen. Aber tatsächlich muß man im Plural sprechen, beispielsweise bei George und mir gibt es sehr oft zwei Normalitäten. Sobald sie deckungsgleich werden, habe ich entweder etwas gelernt oder mich an etwas gewöhnt. Dann entdecke ich “Zustände wie zu Hause” und fange an zu Schnurren. Ein gutes Beispiel ist die London Underground. Für viele Touristen ein Alptraum, für mich ganz normal. Ich finde kaum Unterschiede zwischen der London Tube und der Hamburger U-Bahn. Alright, das ist in London alles ein bißchen größer (voller, dichter, schneller), aber im Wesen kenne ich es. Und also ist es ganz normal und fühlt sich für mich gut an.

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Alptraum oder ganz normal? Der tägliche Wahnsinn in der Londoner Underground. Mein Tipp: Niemals gegen den Strom schwimmen. Hier ist es lebensgefährlich. Lassen Sie sich einfach mitziehen und freuen sich auf die Überraschung, wo sie wieder an Land kommen werden.

Und doch fällt mir in London der Unterschied zum deutschen Alltag täglich und überall auf. Oft ein wahrlich kleiner, aber es gibt kaum etwas, das der Engländer nicht ein klitzekleines Stückchen ändern könnte, wahrscheinlich nur um Touristen aus aller Welt auf den Arm zu nehmen. Bei soviel Lust am Anderssein, -und ich liebe es, weil es mir selbst so zu eigen ist-, kann man eigentlich erwarten, dass auch im Trauerfall irgendetwas speziell Englisches passieren wird. Und damit liege ich nicht falsch. Aber gleich vorab das Wichtigste. George hat mir mehrfach versichert, dass der Tod dem Engländer nicht anders begegnet als dem Deutschen. Auch auf der Insel stellt man ihn sich dürr, schwarz gekleidet und mit Sense über der Schulter vor. Im Fall des Falles gibt es englische Bestatter, Krematorien, Friedhöfe, Grabsteine … Eben alles, was man für einen anständigen “full service” so braucht. Und doch gibt es Besonderheiten, schauen wir uns das einmal näher an.

highgate
Wir spazieren abends gerne über den Highgate Cemetry in London. Er liegt gleich um die Ecke, bei der Hampstead Heath. – Anschließend geht es in den Pub, der liegt auf dem Heimweg und der Engländer hat da keine Berührungsängste. Geburt, Leben und Tod sind untrennbar verbunden.

Auf der britischen Insel darf man grundsätzlich seine Toten selbst bestatten. Wenn der Leichnam kremiert wurde, kann man die Asche prinzipiell verstreuen wo man will. Auch auf dem Friedhof muß man keinen Bestatter in Anspruch nehmen. Graben die Angehörigen selbst die Grube aus? Ich gebe gleich die Antwort, will aber noch schnell die Wochenendausflüge an die See erwähnen, wo nicht selten Oma oder Opa in der Tasche mitgenommen werden. Man sucht sich einen schönen Platz an der Küste, öffnet die Urne und dann wird die Asche ins Meer gestreut. Überhaupt sind Beerdigungsfeiern in England meistens deutlich entspannter als in Deutschland. Man “feiert” den Toten, freut sich ihn kennengelernt zu haben, erinnert an seine liebenswerten Seiten. Die Trauergemeinde ist seriös, aber nicht tiefschwarz gekleidet. Nach der Beisetzung fährt man in der Stretchlimousine des Bestatters in den nächsten Pub und lässt den Toten noch einmal hochleben. – Sie finden das abstoßend? Pietätlos? Auf jeden Fall ist viel ehrliche Herzlichkeit und echte Dankbarkeit dabei.

Drei Stunden später bestellt man eine letzte Runde ‘Jagermaster’, stößt an mit einem ‘one for the road’ und fährt dann, inzwischen wieder ganz vergnügt, nach Hause.

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Für Besucher meistens überraschend. Auf dem Highgate Friedhof liegt auch Karl Marx begraben. Ja, der Kritiker der bürgerlichen Gesellschaft liegt ausgerechnet im Londoner N6 begraben. Hintersinnig.

Jetzt komme ich zu den Erdbestattungen. Die sind in England eher die Ausnahme. Gut 70% lassen sich lieber einäschern und verstreuen die Reste dann gerne auf einem Waldfriedhof. In Deutschland sind es um die 40%, der große Rest will im Sarg beerdigt werden. Tatsächlich gibt es in England keinen Friedhofszwang. Grundsätzlich darf man die toten Angehörigen vergraben wo immer man will. Zwei Dinge braucht man: Die Genehmigung des Grundeigentümers und die Erlaubnis des General Register Office; beides ist normalerweise keine Hürde. Das hat sich jetzt auch ein Rechtsanwalt gedacht, dem die Bestattungskosten für seine verstorbene Mutter absurd hoch erschienen. Sie, Lady Margaret J., war nach 101 Jahren friedlich eingeschlafen. Ihre Beisetzung sollte £5.300 kosten, das ging dem nicht unvermögenden Sohn gegen den Strich. Fast 7.000 Euro für eine Grabstelle hielt er für empörend (outrageous) und dem stimme ich durchaus zu. Also nahm er den Spaten selbst in die Hand und fing an im familieneigenen Garten zu graben. Ein 4-ft-deep hole (1,20m) ist aber gar nicht so einfach auszuheben. Besonders wenn man selbst schon über siebzig ist und der Boden voller Steine und Wurzelwerk.

Es dauerte also länger als geplant. Und weil im Leichenschauhaus die Plätze knapp wurden, mußte der Sohn erst einmal eine große Kühltruhe kaufen. Dort wurde die Mutter “zwischengelagert” (alles ganz normal und legal!). Ob mit oder ohne Hilfe, ich weiß es nicht, aber inzwischen ist das Grab tief genug und die private Beerdigung konnte stattfinden. Der Sohn war sehr erleichtert, denn das Schaufeln bei sommerlichen Temperaturen hatte ihn doch ganz schön schwitzen lassen. Lady Margaret hat nun also im eigenen Garten die ewige Ruhe finden können. Kommentar des Sohnes: “I want to give my late mother a proper send-off.” – Ich beneide die Engländer um ihre Wortakrobatik.

wallaby
Und auch das war ein fleißiger Highgate Besucher. Ein Wallaby konnte vor einigen Jahren dort gesichtet werden. Man fing das Tier ein und mußte den verletzten Fuß operieren. Dabei starb das kleine Känguruh. Hoffentlich hat man es auf dem Friedhof begraben.

 

The boss himself says:

George says: “In England it’s usual to bury animals near to human graves. Often dogs or cats are in the same spot like their owners. If you ask me, a woodland burial would be my choice.

Ich sage: “Ich kenne jemanden, der hat seine Katze bei Nacht und Nebel auf dem Ohlsdorfer Friedhof eingegraben. Er hatte eine Familiengrabstelle gekauft und da war noch reichlich Platz. Hätte man ihn erwischt, hätte man wohl wenig Verständnis gezeigt. Ich finde es völlig in Ordnung. – Du willst einen Waldfriedhof? Das passt sich gut, ich habe mich auch gerade in Richtung ‘zurück zur Natur’ entschieden. Meinst du wir könnten uns auf einen Baum einigen?” “Hundred percent”.

Was passierte noch am 20. Juni?

de 1991 Der Deutsche Bundestag beschließt nach langer kontroverser Debatte die Verlegung

des Regierungssitzes von Bonn nach Berlin. – Gott sei Dank. Ich war mal in Bonn,

als dort noch der Bundestag tagte. Eine Debatte mit Schmidt, Wehner, Strauß,

Barzel, Ben Wisch und Willi Brandt hörte und schaute ich mir an. Abends waren

wir dann beim Kanzler und Gattin (Helmut u. Loki Schmidt) eingeladen. Das war

nett, proper und provinziell. Der Bonner Bahnhof hat vier Gleise. Zwei lagen still.

uk 1837 Durch den Tod ihres Onkels, des britischen Königs Wilhelm IV. übernimmt Königin

Victoria dieses Staatsamt. Zugleich endet die 123-jährige Personalunion mit dem 

Königreich Hannover, das künftig Ernst August I. regiert. –  Eigentlich schade.

Seitdem ist Hannover auch nicht mehr das was es mal war. ( Und damit habe ich

mir dann auch noch Niedersachsen vergrault.)