Einer hat dann doch ein Foto gemacht. Man sieht die Besuchergalerie, wo das Wasser durch die Decke strömt. Ob man in Brüssel den Vorfall für gewichtig genug hält, um den Austrittstermin zu verschieben? Ich finde es sollte zählen, es ist so typisch englischer Humor. Darauf will ich nie verzichten.

“It can’t come worse”, sage ich mir seit Tagen und stelle fest, doch es geht. Immer wenn ich denke, nun hat das britische Parlament den Faden gefunden und wird das Brexit Dilemma lösen, drehen sie noch eine extra Pirouette mehr. Und bumms ist alles wieder infrage gestellt, was doch gerade so schön über Stunden ausdiskutiert wurde. Ich nutze seit Tagen die Möglichkeit im Internet, die Debatten im Unterhaus live mitzuerleben und wunderte mich heute ein wenig. So gegen halb vier war der Saal leer! Hatte man sich etwa schon in ein langes Wochenende begeben? Frei nach dem Motto: Wir haben ja noch bis Mittwoch Zeit, also kein Grund zur Panik. Zutrauen würde ich es ‘meinen’ Engländern, nicht umsonst heisst ihr Wahlspruch ‘keep calm and carry on’

Trotzdem erschien es mir ziemlich unwahrscheinlich, denn noch vormittags wurde gemunkelt, dass wohl eine ausserordenliche Sitzung am Freitag fällig ist und vielleicht sogar am Samstag und/oder Sonntag. Sollte der Brexit entschieden sein? Nein, leider nicht. Ich war etwas ratlos, vermutete, dass man eine längere Lunchpause eingelegt hatte. Dann aber erfuhr ich den wahren Grund und musste laut lachen. “Ist das ein Aprilscherz?”, nein, versicherte mir mein Mr. am Telefon, das ist englischer Alltag. 

Sie werden es nicht glauben, aber es ist wahr. Mitten in der dramatischen Parlamentssitzung, kurz vor Ablauf der Brexitfrist, hört man plötzlich gurgelnde Geräusche. Dann entsteht Unruhe auf dem Besucherbalkon. Ein Wasserschwall ergiesst sich über die Zuschauer und Journalisten, die dort sitzen. Es scheint, dass ein Rohr geplatzt ist und dessen Inhalt dringt kalt und feucht durch die Decke. Vielleicht haben die Handwerker, die seit Monate das Haus von Grund auf renovieren, eine Leitung angebohrt. Auf jeden Fall lässt sich die Leckage nicht abdichten und also muß der Saal geräumt werden. Für den Rest des Tages ist hier erst einmal Feierabend. Der Abgeordnete Justin Madders war gerade mitten in seiner Rede, als der Speaker in den Saal ruft: “The sitting is now suspended, and no photographs please.” Nicht nur Mr Madders ist überrascht, andere Kollegen stellen mit gewissen Stolz fest, dass das nun das dritte historische Ereignis innerhalb von 24 Stunden passiert ist. Sie spielen damit auf den gestrigen Tag an, wo man es schaffte ein Gesetz innerhalb eines Tages vorzustellen, zu besprechen und spät am Abend zu beschliessen. Und auf das seltene Patt Ergebnis bei einer Abstimmung am Mittag, dass dann vom Speaker mit seiner Stimme entschieden wurde. Normalerweise enthält er sich bei solchen Wahlen. Justin Madders reagiert ganz schlagfertig auf den Vorfall, mit der Bemerkung: “I think there’s probably some symbolism going on, about how broken parliament is.”

Wie es wohl weitergeht? Ein guter Leitfaden, so sagte mir mein englischer Freund, wäre es, sich immer vorzustellen, was jetzt noch schlimmer werden kann. Auf diese Weise kommt man der Wahrheit ziemlich nahe. Spricht’s, amüsiert sich und sieht gelassen den nächsten Tagen entgegen.