142. Tag, Rest: 224 Tage

Am Wochenende drückte ich Joe and Jake die Daumen. Dabei habe ich die beiden nie singen gehört und kenne auch ehrlich gesagt ihr Lied für den Eurovision Song Contest 2016 bis heute nicht. Aber ich hätte ihnen eine gute bis sehr gute Platzierung von Herzen gegönnt, denn damit hätten wir Europäer den Engländern zeigen können, dass wir sie mögen. Ich glaube genau das bräuchten sie jetzt, ein ehrliches: We need you and we love you. 

eu-flaggeIn einem Monat findet die Abstimmung über Austritt oder Verbleib in der EU statt. Die schicksalsschwere Frage, die mit einem simplen Ja oder Nein beantwortet werden muß, beschäftigt England seit Monaten. Jetzt aber wird das Klima rauher, die Argumente bedrohlich. Weil wir es in Deuschland vielleicht nicht so detailliert verfolgen, weise ich nochmals darauf hin, dass Befürworter und Gegner in derselben Partei sitzen. Der Riss geht mitten durch die Regierung. Prominentester Befürworter ist der Premier David Cameron, bekanntester Gegner sein Parteifreund Boris Johnson. Ex-Bürgermeister von London.

Die Stimmung in der Bevölkerung ist gefühlt eher gegen einen Verbleib in der EU. Umfragen ergeben ein Kopf an Kopf Rennen. Was veranlasst den Engländer den Austritt aus der Gemeinschaft ernsthaft zu diskutieren? Arroganz? Überheblichkeit? Alte Kolonialmachtherrlichkeit? Nein, das trifft es alles nicht. Meiner Meinung nach ist der Grund für die Ablehnung darin begründet, dass der Engländer mit dem föderalen Prinzip nichts anfangen kann. Der Gedanke ist ihm fremd, denn die Briten sind es nicht gewohnt, sich einer Gemeinschaft unterordnen zu müssen. Ihre Souveränität ist so alt wie das Königreich und gilt als unantastbar. Wenn dieses Prinzip infrage gestellt wird, dann steigen in jedem Engländer sehr massive Ängste auf. Sie mögen allesamt irrational sein und werden doch ganz gewiß als bedrohlich empfunden.

dartKeineswegs angstfrei reagieren auch die wichtigsten Personen und Institutionen dieser Welt. Sie machen es ganz sicher aus höchst rationalen Gründen. Alle schicken ihre Chiefs in diesen Tagen nach London, um dort noch einmal Einfluß auf die Abstimmung zu nehmen. Barack Obama machte den Anfang, Martin Schulz und Jean Claude Juncker meldeten sich in Hard Talk zu Wort, Nato-Generalsekretär Rasmussen beschwor die Engländer zu bleiben und schließlich kam die Chefin des IWF, Christine Lagarde, zum Kurzbesuch in London an. Sie fand fast schon bedrohliche Worte und Bilder, falls England tatsächlich den Brexit wählen sollte. 

Es waren wohl die ernsten Ermahnungen von Frau Lagarde, die Boris Johnson einige Tage später nicht minder emotional antworten ließ. Er warnte vor der Europäischen Gemeinschaftsidee, die wir interessanterweise eher als beruhigend empfinden (Motto: Gemeinsam sind wir stark). In englischen Ohren klingt das bedrohlich, denn man will nicht von einer zentralen Stelle aus (Brüssel) regiert werden. Das hätten schon Napoleon und Hitler versucht; wohin das geführt hat weiß man. Das sind starke Worte und ich mache mir langsam wirklich Sorgen. Diese Abstimmung ist nicht gut. Sie spaltet das Land, die Politiker und sogar Familien. Sie beschwört die alten (Vor-) Urteile über die Deutschen, basierend auf den Erfahrungen mit der Nazidiktatur, ohne das jemand das Bild gerade rückt. Man kann bei dieser Abstimmung, pro oder contra, keinen konstruktiven Weg wählen. Egal wie man sich entscheidet, die anderen sind automatisch Gegner. Das ist ganz und gar nicht die Art, wie Engländer agieren. So habe ich sie nie kennengelernt und deshalb hoffe ich, dass der Spuk bald vorbei sein wird.

 

bulldog
Die englische Bulldogge. Man muß sie lieb haben, denn sie will doch nur spielen.

 

 

Nachtrag: Das Thema beschäftigt mich mehr, als ich anfangs dachte. Es ist mir im Augenblick unmöglich, diesen Beitrag irgendwie auf gewohnte Weise zu einem guten Ende zu bringen. Also lasse ich es einfach mal so stehen, wie es ist.

 

 

The boss himself says:

George says: “My stomach is feeling a bit wibbly woo. Political issues makes peckish.

Ich sage: “Mit anderen Worten es langweilt dich und du hast Hunger? Nach dem Fressen kommt die Moral; das  hatte schon Bertold Brecht erkannt.” “Who’s Bertie? Did he visited us?”

 

 

Was passierte noch am 21. Mai?

de 1871

Die Rigibahn in der Schweiz, die erste Zahnradbahn Europas auf einen Berg, wird

eröffnet. – Betrifft Schweiz, nicht DE, aber ich bin damit mal gefahren. Herrlich, wie 

eine Gemse klettert die Bahn den Berg empor. Von oben schaut man auf den Vier-

waldstättersee und gedenkt Königin Viktoria. Die war hier auch gerne im Urlaub und

ihr zur Ehren wurde der Berg benannt: Rigi = Regina = Königin.

uk 2007

Die als Museumsschiff dienende Cutty Sark wird durch einen mutmaßlich von einem

Staubsauger ausgelösten Brand nahezu völlig zerstört. Der in einem Trockendock in 

Greenwich liegende Klipper ist eines der letzten aus dem 19. Jahrhundert erhaltenen 

Segelschiffe. – Man hat sie inzwischen restauriert und auf einen Glasboden gelegt. So

kann man das herrliche Schiff von allen Seiten bestaunen. Alternativ kann man es als

immerhin 1,10 langes Modell auf meiner Fensterbank ansehen.