326. Tag, Rest: 40 Tage 

Der Engländer und das Renovieren sind zwei Dinge, die nicht wirklich harmonieren. Die vorsorgliche Instandsetzung ist ihm zu theoretisch, den potentiellen Gewinn kann er sich nicht vorstellen. Wenn allerdings die rostigen Wände des uralten Wassertanks auf seinem Dachboden ganz plötzlich nachgeben und sich 150 Liter Wasser den Weg durchs schmale Treppenhaus suchen, dann wird ihm die Sache schon klarer. [Zum Verständnis sei angemerkt, dass der Wasserdruck in London nicht sehr hoch ist. Damit auch im Badezimmer, in der ersten Etage, Wasser aus dem Hahn fliesst, staut man es einfach im Bodengeschoss.] Weil Jahrzehnte nichts gemacht wurde, stehen jetzt gleich einige Großbaustellen an, ich hatte schon mehrmals davon erzählt: Westminster und Buckingham Palace, Tower Bridge, Big Ben, Schloß Windsor …

 

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Die Decke im Blue Drawing Room des Buckingham Palace ist nur ein Beispiel für zeitlose Schönheit. Sehr edel, aber nie protzig.

 

In den nächsten sechs Monaten sind die Premierministerin und ihr Chancellor damit beschäftigt die Baukosten für den Buckingham Palace durch Steuereinnahmen aufzubringen. Jedenfalls ein Teil davon, nämlich stolze 369 Million Pfund. Das entspricht etwa 430 Millionen Euro. Man wird zehn Jahr benötigen, um den Palast in einen brauchbaren Zustand zu versetzten. Denn es geht nicht etwa um Verschönerung sondern um Erhalt der ‘basic essentials’. Die elektrischen Kabel kann man als antik bezeichnen, sie müssen alle ausgetauscht werden, sonst ist das Einschalten eines Teekessels jedes Mal mit der potentiellen Gefahr eines Großfeuers gekoppelt. Die Rohrleitungen sind genauso alt und völlig marode. Das da überhaupt noch Wasser an- oder abfliesst grenzt an ein Wunder. Ein Fachmann urteilte: “There was a serious danger of potentially catastrophic building failure in years to come”. Das lässt sich in einem Satz übersetzen: Der ganze Kasten ist total rott.

 

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Im Keller ist alles Bruch. Ein Wunder, das noch nichts in die Luft geflogen ist.

 

Sage und schreibe 160km (!) elektrische Kabel sind zu ersetzen. Die meisten davon über sechzig Jahre alt. Etwa 50km Wasserleitungen, vermutlich Blei, müssen ausgetauscht werden, 6.500 Steckdosen, 5.000 Lampenanschlüsse, 2.500 Radiatoren und 500 Waschbecken und WC’s. Rund 30.000m2 Fußboden, vermutlich Holz, muß geschliffen und versiegelt werden und das alles kann nicht länger warten. Nächstes Jahr gehen die Renovierungen los und man rechnet mit dem Abschluß nicht vor 2027. Eigentlich kann man dann wieder vor vorne beginnen, oder?

Die einzige, die es gelassen sieht, ist die Queen. Sie weigert sich strikt den Palast zu verlassen. Das bißchen Baulärm wird nicht stören. Tatsächlich wird man wohl die Wochenenden nutzen, wenn sie mit Ehemann Philip auf Windsor verweilt. Immerhin kann man auch die Sommer- und Winterurlaube nutzen, um die ganz groben Arbeiten zu erledigen. Irgendwann aber muß man auch in das Appartement, das von der Königin privat genutzt wird. Ja, tatsächlich verfügt sie nur über wenige, überraschend kleine Zimmer, die auch nicht sonderlich luxuriös eingerichtet sind. Da empfindet sie ganz wie ihr Volk, worüber ich vorgestern schrieb. Eine gewisse Enge, die zwangsläufig zur Nähe führt, ist durchaus gewollt. 

 

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Weihnachtskarte von der Queen. Sie steht im Music Room des Palastes.

 

Der Buckingham Palace hat vier Flügel und man wird mit dem östlichen beginnen. Erstmals werden Solarpaneele aufs Dach montiert, das soll Heizkosten sparen und schon rechnet sich der Umbau geschmeidiger. Die Engländer sind echte Sparfüchse, allerdings beginnen sie gerne am falschen Ende. – Also nicht wundern, wenn Sie mal wieder den Sommerurlaub in London verbringen. Der Buckingham Palace wird vielleicht ein bißchen so aussehen, als wäre gerade Verpackungskünstler Christo am Werk. Und falls die Preise für die Besuchertour noch einmal kräftig angehoben werden sollten, dann wissen sie warum. Nehmen Sie es gelassen hin und gönnen Sie den Royals ein bißchen Komfort in den eigenen vier Wänden.

 

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Kommen die Klempner schon?

 

 

The boss himself says:

 

George says: “I learnt from the master of the Queen’s Household that the refit of Buckingham Palace is designed to extend its working life by a further fifty years. I think they will not do anything in the meantime. By the by the last renovation happend in 1952!

Ich sage: “Ja, das ist hier komischerweise die übliche Zeitspanne, die man einer Renovierung beimisst. Ein halbes Jahrhundert. Mit anderen Worten ein Tapetenwechsel findet einmal im Leben statt. Ich sag ja, die Engländer setzen ihre Prioritäten ganz anders als wir es tun. Statt die wenige Freizeit in irgendwelche ‘Pflichtarbeiten’ zu stecken, erleben sie sie lieber intensiv mit Familie und Freunden. Ich finde das ist durchaus eine Überlegung wert.

 

 

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Natürlich kann man fragen: Ist es das alles wert? Hat man aber jemals den royalen Flair hautnah erlebt, sagt man ganz laut JA. Das ist es wert.

 

 

 

Was passierte noch am 21. November?

 

de 1987

Die ARD strahlt nach über 23 Jahren die letzte Folge der Spieleshow ‘Einer

wird gewinnen (EWG)’ mit Hans-Joachim Kulenkampff aus. – Den fand ich nett,

obwohl seine Sprüche aus heutiger Sicht auch an der Grenze der Peinlichkeit

angesiedelt waren. Aber er hatte Charme und verdammt viel Erotik. Da verzeiht

man manches.

uk

1916

Das britische Lazarettschiff HMHS Britannic, ein Schwesterschiff der Titanic, sinkt

im Ersten Weltkrieg, vermutlich aufgrund einer Minenexplosion. Das Unglück fordert

30 Tote und 40 Verletzte; die meisten davon in vorschnell zu Wasser gelassenen

Rettungsbooten, die von den noch laufenden Propellern des Schiffes zerschlagen

werden. – Kann es sein, dass man das Manöver ‘Rettungsboote’ nie exerziert

hat? Die stolze Seefahrernation konnte sich einen Untergang vielleicht gar nicht

praktisch vorstellen? Wozu dann üben, haben sie sich gedacht.